1. August-Rede in Endingen (AG)

Liebe Frauen, liebe Mannen von Endingen
Geschätzter Gemeinderat

Wir alle sind der Einladung des Gemeinderates gefolgt, nicht etwa alleine wegen des guten Essens oder wegen meiner Rede. Nein, ich weiss, Sie suchten bewusst die Gemeinschaft, die Zugehörigkeit in diesem Rahmen gesucht, Ihr Erscheinen ist ein Bekenntnis oder sogar eine Liebeserklärung an die Heimat „Schweiz“, aber auch ein Bekenntnis zu Ihrer Gemeinde Endingen.

Bei meinen persönlichen Geburtstagen schaue ich auf die unmittelbare Zeit zurück, weil erinnern wichtig ist, denn in jedem Jahr macht man neue Erfahrungen und Erkenntnisse…; ich schaue aber auch in die Zukunft! So mache ich das auch heute an diesem Nationalfeiertag, dem 722. Geburtstag der Schweiz.

Die Aufstände in den letzten Jahren im Ausland, in Nordafrika und im Mitteleren Osten, in Syrien, in Ägypten von diesem Jahres haben mich betroffen gemacht. Betroffen nicht alleine wegen der schrecklichen Bilder von Gewalt und schrecklichen Tatsachen von systematischer Vergewaltigungen und andern Berichterstattungen, betroffen wegen der Kraft und dem Mut dieser Menschen, die sich für demokratische Rechte, für die Mitsprache in ihrem Lande einzusetzen und mit aller Entschlossenheit den brutalen Regime entgegentreten und dabei ihr eigenes Leben riskieren.

Wir Schweizerinnen und Schweizer sind sehr stolz, stolz auf die direkte Demokratie und werden vom Ausland auch oft beneidet. Wir, das Volk kann bei den wichtigsten Sachfragen bestimmen, wohin die Reise gehen soll. Die demokratischen Rechte sind für uns heute so selbstverständlich, dass ein beachtlicher Teil der Gesellschaft, die Pflicht, des Stimmen und Wählens vernachlässigen, schade. Wir sind reich an politischen Rechten und daher m. E. auch reich an politischen Pflichten.

Im internationalen Ländervergleich gehören wir zum Club der wirtschaftlich reichsten, exportstärksten und konkurrenzfähigsten Länder der Welt und liegt bei fast allen ökonomischen Vergleichsgrössen vorn. Sie konnten es selber verfolgen: Auch im Jahr 2012 hat die Schweiz beim BIP ein beachtliches Wachstum ausgewiesen, der Export hat auch dieses Jahr trotz pessimistischen Stimmen für uns positiv zugelegt. Diesen Reichtum verdanken wir vor allem den vielen KMU’s – den sogenannten Klein- und Mittelbetrieben, dem Geschick und dem Verantwortungsbewusstsein von vielen Arbeitgebern und Führungskräften und klar dem Einsatz und Mittun von uns allen. Das Sprichwort „ohne Fleiss, kein Preis“ hat auch im 21. Jh. Gültigkeit.

Aufgrund der Frankenstärke zeigen sich nun ab und zu Bremsspuren ab und das vor allem im Privatkonsum. Der Privatkonsum, das sind wir, Sie und ich. Es liegt in unserer Macht zu entscheiden, machen wir mit beim Einkaufstourismus oder kaufen wir vor allem einheimische oder regionale Produkte, berücksichtigen wir regionales Gewerbe und regionale Dienstleister. Die Solidarität zur Schweizer Wirtschaft zum regionalen Gewerbe, zu unseren Bauern wird damit doppelt nachhaltig nämlich oekologisch wie oekonomisch gestärkt und das wiederum zum Schutz unserer Arbeitsplätze. Spätestens wenn die eigenen Kinder eine Lehrstelle suchen, erwachen viele und wären dann dankbar um die Arbeitsstellen in der Region bzw. in der Schweiz und so mancher Lastwagen müsste nicht durch die Gotthardröhre, wenn wir ausschliesslich Mineralwasser aus unseren Quellen trinken würden.

Zur Beurteilung des Reichtums eines Landes gehören nicht nur Wirtschaftsfaktoren, sondern auch die Leistungen, die nicht entlöhnt werden, wie Haus- oder Betreuungsarbeit von Kindern, Kranken, Betagten und klar die ganze Freiwilligenarbeit. Jedes Jahr sollte ein Jahr der Freiwilligenarbeit sein, nicht nur das Jahr 2011. Pro Jahr leisten in der Schweiz tausende Menschen – Pfadi, Jungwacht, Blauring, Pro Senectute, Rotkreuzfahrerinn und Fahrer, Verwandte in der Pflege, Hilfe als Nachbar, Senioren im Klassenverband - also jung und alt - x-Millionen Stunden freiwillige Arbeit. unserer Gesellschaft. Von diesen Freiwilligen profitieren wir alle auch hier und heute an diesem Fest, man muss es planen, vorbereiten, servieren… Da erkennen wir auch das menschliche Kapital, d. h. der Reichtum unserer sozialen Wohlfahrt. Ohne diese vielen schaffenden Hände würden alle modernen Gesellschaften wo die sozialen Netze mehr und mehr aufgelöst werden – so auch die Schweiz - zusammenbrechen. Die Freiwilligen investieren Zeit, Wissen, Empathie oder einfach gesagt „Menschlichkeit“ in ihr Wirken. Und was liebe Bürgerinnen und Bürger von Endingen hält unsere Gesellschaft schlussendlich zusammen? Es ist die Menschlichkeit.

Zwei elementare Bedürfnisse sind im Leben eines jeden Menschen und in jedem Alter wichtig:

  1. Menschlichkeit
  2. Menschlichkeit

Die Menschlichkeit beinhaltet immer auch die Würde. Sie ist unsere gesellschaftliche Erdbebenversicherung und ist eine Macht, die Macht des Guten, in einer Welt, wo uns so viel Gewalttätiges und so viel Ungerechtes erschüttert. Pflegen wir also bewusst das Freiwillige und die Menschlichkeit.

Auch im Index für die Lebenszufriedenheit der Völker positioniert sich die Schweiz an der Spitze von 95 untersuchten Nationen. Diese Datenbank über das Glücklichsein soll bewusst eine ergänzende Position zur rein wirtschaftlichen Betrachtung anbieten.

Unsere Bildungsangebote, das Bildungssystem mit den dualen Möglichkeiten (Lehre), die Fachhochschulen, Universitäten, die Durchlässigkeit in den Bildungsgängen und und, die Gleichberechtigung, Qualität der öffentlichen Institutionen (Spitäler, Heime, Schulen etc.) und auch das kulturelle Klima, die Naherholungsgebiete sind u. a. solche Teilindikatoren. Die Messung dieser sogenannten „weichen“ Faktoren oder auch Glücks- und Lebensqualitätsindikatoren genannt, werden von Wirtschaftsfachleuten oft belächelt. Sie sind aber für die Bevölkerung, für Sie und mich nebst der Wirtschaft enorm wichtig. immer wieder

Ein weiterer Reichtum, welches dieses Land ausmacht, ist die Vielfalt. Kaum ein anderes Land ist aus derart vielen verschiedenen Regionen zusammengefügt worden wie unsere Heimat. Wir können auf eine lange Tradition und Erfahrung im Umgang mit sprachlicher, kultureller und religiöser Vielfalt zurückblicken. Vier Landessprachen sind hier vereint und das föderalistische Politik-System gewährt den Schutz von Minderheiten. Die verschiedenen Sprachregionen und die damit verbundenen Kulturen führen zwangsläufig zu einem breiten Spektrum von Menschen. Sie alle sind echte Schweizerinnen und Schweizer ob in der Westschweiz am Genfersee, im Tessin in Lugano, im rätoromanische Teil in Chur oder wie wir in der Deutschschweiz in Endingen, trotz der Verschiedenheit in Sprache und trotz der Verschiedenheit in der Kultur.

Auch Menschen, die neu zu uns einwandern bringen neue Kulturen, Begabungen und Fähigkeiten mit. Wir „Schweizer“ und auch in unserem System haben die Eigenart in allem den Blick auf die Defizite, das „Ungenügende“ zu richten statt auf das Vorhandene, auf das Positive. Das beginnt schon beim Kleinkind, zieht sich über die ganze Schulzeit hinweg bis zum Hochbetagten im Altersheim oder eben auch bei den Menschen, die zuwandern.

Einwanderung und Abwanderung – also Migration - gibt es seit Menschengedenken. Schweizerinnen und Schweizer wandern heute aus und wanderten früher aus. Im 19. Jahrhundert nach der Hungersnot von 1816 und 1817 kam es zu einer ersten grossen Auswandungswelle nach Brasilien. Eine weitere Hungersnot hatten wir 1845 und 46 mit der aufgetretenen Kartoffel-Krankheit. Die Ernte war zerstört. und viele verarmte Schweizer – besonders auch aus dem Kanton Aargau – wanderten nach Brasilien aus. Sie suchten Arbeit auf den Kaffeeplantagen. Auch diese Schweizer hatten grosse Hoffnung auf wirtschaftliche Besserstellung, sie wollten der Armut wie auch der Perspektivenlosigkeit entrinnen.

Migration ist immer Ausdruck von Hoffnung. Dieses Zusammenspiel von eigener Tradition und Offenheit gegenüber der Kultur anderer Menschen hat die Schweiz geprägt und ihr die Kraft gegeben, die Herausforderungen von heute wie auch in der Zukunft zu meistern. Die Kraft auch, sich der Diskussion und der Konkurrenz mit allen Kontinenten und Länder zu stellen: Selbstbewusst, gleichberechtigt, offen, stark und nicht wie ein Igel, „eingekugelt“ ob alle dem, was auf unsere Erde Dynamischem geschieht; die Welt nimmt keine Rücksicht auf die Schweiz. Hätten wir uns in der Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten gegenüber dem Ausland abgeschottet, wir hätten nicht diesen Reichtum.

Migration ist weder negativ noch positiv. Entscheidend ist aber der Umgang damit. Ob man Ängste schürt und Abwehrreflexe kultiviert oder ob man die Chancen und das Potenzial dieser Wanderbewegungen erkennen und nutzen kann. Bund, Kanton und Gemeinden sind aufgefordert, zeitgemässe Integrationspolitik zu formulieren. Im neuen Ausländergesetz ist von Achtung und Toleranz, vom Willen der Ausländerinnen und Ausländer einerseits und von der Offenheit der Schweizer Bevölkerung die Rede. Integration besteht aber nicht aus Massnahmen! Mit der 6. IV-Revision haben wir die Integration von Invaliden in der Wirtschaft gefordert um die Kosten in den Griff zu bekommen, dasselbe fordern wir bei den Sozialhilfegeldern, Ausgesteuerten sollen wieder in den im Arbeitsprozess integriert werden, Integration für alle Kinder durch den Sport, Integration der Schwachen in der Schulklasse, Integration von Ausländern und und … Integration ist das Gegenteil von Separation, Ausgrenzung und bedeutet explizit „Begegnung“ Das Schaffen von Möglichen Begegnung ist Aufgabe von uns allen. Wir alle müssen „Türöffner“ oder eben „Integratoren“ sein, jedes an seinem Platz in seiner Aufgabe, als Beitrag zum Frieden, zum Frieden am Arbeitsplatz, in der Familie, zum Frieden in der Gemeinde, zum Frieden in der Schweiz.

Und so wünsche ich mir denn eine Schweiz, die tolerant im Sinne von Respekt und nicht von Gleichgültigkeit; eine Schweiz, die zu ihren Werten steht , diese verteidigt und diese der Jugend auch vorlebt.

Ich wünsche uns eine Schweiz, die sich ihrer Wurzeln bewusst ist; eine Schweiz, die angstfrei und offen vorwärts geht und nicht unkritisch die Vergangenheit verherrlicht.

Ich wünsche uns eine Schweiz, welche von Politikerinnen und Politikern geführt wird, welche die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Problem ins Zentrum ihrer Arbeit stellen, welche fähig sind, die eigene Maxime zugunsten des Kompromisses, zugunsten von Lösungen relativieren können.

Ich wünsche mir kritische Schweizerinnen und Schweizer, welche rein populistische Machenschaften durchschauen...

Ich schliesse nun meine Rede mit dem Dank, dass ich in der Schweiz leben darf.
Ich danke aufrichtig den verschiedensten Menschen und Institutionen, welche mit persönlichem Einsatz, mit Fachwissen oder auch mit Menschlichkeit und Engagement in meiner, in ihrer Gemeinde wirken. Sie ermöglichen Lebensqualität und Heimatgefühl, eben Glücksgefühle, so auch in Ihrer Gemeinde.

So danke ich zuerst allen Freiwilligen, die hier zu diesem schönen Fest beigetragen haben. All den Vereinen, die über das ganze Jahr hindurch zur Kultur und Vielfalt in Endingen und zum „Glücksgefühl“ von Ihnen allen beitragen.

Ich danke ganz besonders und mit viel Achtung und Respekt der Feuerwehr und dem Zivilschutz für die zahlreichen z. T. sehr riskanten Einsätze bei Brand, bei Ho