1. August-Ansprache von Bolligen (BE)

Liebe Bolligerinnen und Bolliger
Herzlichen Dank für die Einladung heute Abend nach Bolligen. Schon als Kind bin ich oft hierher gekommen, als mein Vater gestorben ist habe ich viel Zeit hier in Bolligen bei einer befreundeten Familie gewohnt, das war Zeit für mich zur Ablenkung und zum Trost.
Bolligen sah allerdings damals noch ziemlich anders aus. Es war noch eine Viertelsgemeinde und nur halb so dicht überbaut. Das orange Bähnli war noch das blaue Bähnli und fuhr ab dem Kornhausplatz über den Guisanplatz in die Papiermühle. Der Jugendclub hiess „Klink“ und auf dem Bantiger stand noch der alte Fernsehturm.
Sie merken, Bolligen ist für mich vor allem Erinnerung an die Jugend und damit ein Stück Heimat, das passt zum 1. August, ich bin daher sehr gerne gekommen.

Mir geht es gut, heute. Und wie geht es Euch heute? Sind Sie zufrieden? Ausgeglichen? Entspannt?
Wir wünschen uns jährlich immer wieder „Es guets Nöis!“ Das sagen wir nicht am 1. August, sondern an Silvester zum Neujahr, zum letzen Mal also vor 7 Monaten. Wir wünschen uns immer wieder es guets Nöis, das Jahr geht um, und dann wünschen wir uns wieder es guets Nöis usw. Nach 7 Monaten ist sicher ein guter Moment für eine Zwischenbilanz, wie gut ist es gewesen, unser Jahr, dieses 2013? Viel Schnee im Winter und eine lange Skisaison, ein kalter und nasser Frühling mit Ueberschwemmungen in halb Europa, jetzt immerhin ein heisser Juli. Politisch ein Ja zur Abzockerinitative, ein Nein zur Volkswahl des Bundesrates, ein Gschtürm um eine sogenannte Lex USA, oder tiefrote Aussichten für die bernischen Kantonsfinanzen. Die Hockeynati wurde fast Weltmeister und Roger Federer ist im Freien Fall. Der SCB wurde Schweizer Meister und YB war ebenfalls im Freien Fall. Jedenfalls in der letzten Saison, jetzt reiben wir uns die Augen und können die Erfolge gar nicht glauben. Ist das noch unser YB? Die UBS kauft ihre Ramschpapiere zurück und bringt dafür Qin ins Historische Museum. Mick Jagger wurde 70, Carsten Schloter nur 49. Und Maggie Thatcher, Hugo Chavez und Ottfried Preussler sind auch gestorben, dafür wurde ein Prinz geboren. Man könnte weitere Fakten zusammentragen zu einer Bilanz 2013.
Aber ich will auf etwas anderes hinaus. Wir wünschen uns anfangs Jahr immer ein gutes Jahr. Irgend einmal ist ein Jahr dann unser bestes Jahr. Oder vielleicht eins von unseren 10 besten Jahren. Meine Frage heute ist: Würden wir das überhaupt merken? Woran würden wir das merken? Ich war nicht krank im letzten Jahr, die Familie ist gesund und zufrieden, die Ehe ist intakt, gut, mein Kater ist gestorben, aber der hatte auch ein schönes Leben und wurde 18-jährig. Wir haben jetzt einen Hamster und wir hatten schöne Ferien in Holland, ich war zum ersten Mal in Amsterdam. Vielleicht erlebe ich grade mein bestes Jahr.
Aber heute geht es nicht um mich, heute geht es um die Schweiz.
Wie finden denn Sie so die Ambiance in der Schweiz? Finden Sie, die Schweizerinnen und Schweizer sind speziell relaxed und locker drauf? Ist die Stimmung grundsätzlich positiv? Hallo Schweiz, wie geht es? Geht es der Schweiz gut? Erlebt die Schweiz eines ihrer besten Jahre?
Und wenn ja: würden wir es überhaupt merken? Das wäre ja tragisch, wenn die Schweiz ihr bestes Jahr erleben würde, und niemand merkt etwas davon.
Oder anders gefragt: in welcher Zeit möchten Sie leben? Wann glauben Sie, war eine gute Zeit zu leben? In der Steinzeit? Bei den Römern? Im Mittelalter? In der Romantik?
Für mich ist die Antwort klar. Ich bin der festen Ueberzeugung, dass wir in der besten aller Zeiten leben. Ich möchte nur in der heutigen Zeit leben. Das ist vielleicht etwas erklärungsbedürftig. Fangen wir bei den Basics an. Noch nie lag die Lebenserwartung so hoch wie heute. Noch nie hatten so viele Leute so gute Chancen bei so guter Gesundheit und so guter Lebensqualität so alt zu werden wie heute. Da können Sie mir vermutlich noch zustimmen. Noch nie hatten wir so leichten Zugang zu so vielen Informationen wie heute und so viele Freizeitmöglichkeiten und Möglichkeiten zur kulturellen Betätigung.
Aber auch das Risiko, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, war noch nie so gering wie heute. Nun werden Sie mir sagen, die Kriminalität nimmt doch laufend zu? Das stimmt eben nicht! Das Gegenteil ist wahr, zum Glück! Die schwersten Straftaten, Mord, schwere Körperverletzung sind im langjährigen Mittel rückläufig. Die Mordrate liegt heute tiefer als vor 1000 Jahren, aber auch tiefer als vor 100 Jahren und tiefer als vor 10 Jahren. Trotzdem grassiert die Angst davor, Opfer einer Gewalttat zu werden. Auch die Risiken von Autounfällen nehmen ab und übrigens auch die Zugunfälle. Interessanterweise nehmen die objektiven Gefahren und Risiken ab, aber unsere Aengste nehmen zu.
Etwas ähnliches können wir bei der Entwicklung unseres Wohlstandes beobachten. Die Schweiz ist ein Land im reichen Europa, und ist mit Europa in der Neuzeit reich geworden. Im 20. Jahrhundert hat die Schweiz innerhalb Europas nochmals eine besonders erfolgreiche Entwicklung erlebt, seit dem Jahr 2000 verzeichnet die Schweiz eine weitere Phase des soliden Wirtschaftlichen Aufschwungs. Wir haben breite demokratische Mitwirkungsrechte und geschützte Freiheitsrechte. Der Schweiz geht es gut. Sogar sehr gut. Objektiv gesehen.
Was ist davon im Alltag zu sehen oder zu hören? Die Zahlen sind so gut, dass sie fast nur schlechter werden können. Die Wirkung des Wohlstands in der Schweiz sind Aengste, diesen Wohlstand wieder zu verlieren. Wir haben Angst und machen uns Angst. Entsprechend fallen wir von einer Krise in die nächste. Nach der Subprimekrise kam die Finanzkrise, dann die Währungskrise, die Eurokrise, je nach Sichtweise eine Energiekrise. Wir sprechen, so kommt es mir vor, täglich von Krisen, dabei geht es uns individuell wie auch als Gesamtwirtschaft so gut wie vorher nie. Der Schweiz insgesamt geht es besser als je vorher, aber wir sprechen permanent von Krisen.
Aber vielleicht sagen Sie sich ja: Man darf sich in der Schweiz nicht zufrieden über den Bauch streichen, wenn die weltweiten Probleme nicht im Griff sind. Armut, Hunger, Zugang zu Wasser: es gibt viele Probleme und weltweite Entwicklungen, die uns zu Recht Sorgen machen.
Die UNO Mitgliedsländer definierten deshalb im Jahre 2000 die sogenannten Millenniumsentwicklungsziele, welche bis 2015 erreicht werden sollen. Die Ziele beziehen sich jeweils auf die 25 Jahre 1990-2015.
Das erste Ziel lautet zB Beseitigung der extremen Armut und des Hungers. Ein richtiges und wichtiges Ziel. Woran soll es gemessen werden?
Es sollte der Anteil der Menschen, deren Einkommen unter 1.25 US-Dollar pro Tag liegt, halbiert werden.
Im Jahre 2010 wurde dieses Ziel erreicht (also 5 Jahre vor 2015) = 700 Millionen Menschen weniger als 1990 waren in diesem Sinne arm (weltweit immer noch 1.2 Mrd. Menschen).

Ein anderes Ziel betrifft die Senkung der Kindersterblichkeit. Die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf-jährig soll bis 2015 um zwei Drittel gesenkt werden.
1990 starben 12.4 Mio Kinder, 2011waren es noch 6.9 Mio Kinder (ein Rückgang um 45%) d.h. 14‘000 weniger Kinder starben pro Tag.

Schliesslich soll auch der Anteil der Menschen halbiert werden, die keinen Zugang zu Trinkwasser haben.
Mehr als 200 Millionen Menschen erreichten Zugang zu Trinkwasser. Das Ziel zur Versorgung mit Trinkwasser wurde damit erreicht. Aber klar: Der weltweite Wasserverbrauch ist im letzten Jahrhundert doppelt so schnell wie die Bevölkerungszahlen gestiegen. Obwohl Wasser weltweit noch nicht knapp geworden ist, wohnen bereits etwa 2,8 Milliarden Menschen – und damit über 40 Prozent der Weltbevölkerung – in Flussgebieten, die von Wassermangel betroffen sind.
Am wenigsten Erfolge gibt es bei all diesen Umweltzielen, zB den Klimazielen und den Zielen zur ökologischen Nachhaltigkeit. Die Wälder werden immer noch zu stark abgeholzt, die Meere überfischt, der Schutz der Meere ist ungenügend. Hier besteht ganz klar noch Nachholbedarf. Darum braucht es die Grünen auch weiterhin.
Sie sehen, die Sache ist zwar komplex. Diese UNO Milleniumsziele sind sehr schwer messbar, ihre Bewertung ist sicher auch umstritten. Aber eins zeigen diese Ziele klar. Wenn die Welt zusammenspannt und auf ein Ziel hinarbeitet, besteht auch die Chance, dass diese Ziele erreicht werden können. Heute geben wir uns nicht mehr damit zufrieden, dass es uns in der Schweiz gut geht, sondern die Situation ist für uns erst erträglich, wenn wir weltweit eine Verbesserung feststellen.
Innerhalb der Staatengemeinschaft bestehen heute grosse Uebereinstimmungen, wohin die Entwicklung gehen soll und was gut ist für die Erde und die Menschheit, das sind Demokratie, Menschenrechte und ein verlässliches Völkerrecht. Die UNO Milleniumsziele zeigen, dass die Weltgemeinschaft Erfolg haben kann, wenn sie zusammenspannt, um Ziele zusammen zu erreichen. Der Schweiz geht es sehr gut in einer Welt, in der es so vielen Leuten so gut geht wie noch nie vorher in der Geschichte. Politisch geht es uns besser, wenn wir international zusammenarbeiten. Wir müssen keine Angst haben vor anderen Staaten, wir sind nicht von lauter Goliaths umzingelt. Wir müssen keine Angst haben vor der Zusammenarbeit, denn wir können sehr gut partnerschaftlich kooperieren. Und haben Erfolg damit!
Meine Schwester hat mich gefragt, ob ich gerne eine Rede zum 1. August halte, sie hätte da Mühe. Ja, ich halte gerne 1. August Reden und: Ja, ich bin ein Patriot, ich liebe die Schweiz. Allerdings liebe ich auch Italienische Baukunst, französisches savoir vivre, englischen Humor, dänische Ausgeglichenheit, österreichische Gastfreundschaft, deutsche Gründlichkeit, spanischen Wein, Musik vom Balkan. Was mich an die Schweiz bindet, ist die Dankbarkeit. Ich bin dankbar, in der Schweiz geboren zu sein und heute in der Schweiz zu leben. Ich möchte nirgends sonst leben als heute in der Schweiz. Merci Schweiz!
Damit bin ich am Schluss, ich schliesse mit drei Zitaten.
Nicht die Glücklichen sind dankbar, die Dankbaren sind glücklich, erklärte Francis Bacon.
Gotthelf hat gesagt, wer nicht danken kann, kann auch nicht lieben.
Und Goethe meinte, glücklich allein ist die Seele, die liebt.
Ich wünsche Euch allen und der ganzen Schweiz einen glücklichen 1. August und weiterhin es guets Nöis! Denkt daran: irgendein Jahr ist das beste Jahr in Eurem Leben, vielleicht ist es ja 2013!

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