1. August-Rede 2013 in Bümpliz-Bethlehem, dem vielfältigsten Stadtteil von Bern

Liebe Bümplizerinnen und Bümplizer, liebe Gäste

Vielen Dank für Ihre freundliche Einladung, hier in Bümpliz die 1. August-Rede halten zu dürfen. Ich wohne mit meiner Frau Anita und unseren drei Kindern in Oberbottigen bei Chäs und Brot. Wie man nachlesen kann, wurde dort angeblich im Jahre 1339 das Schweizerkreuz erfunden! Damals haben die Eidgenossen in der Schlacht bei Laupen gegen die Habsburger gekämpft. Unsere Leute haben sich bei Chäs und Brot für den Kampf gestärkt. Sie haben weisse Kreuze aus Tüchern an ihren Rüstungen angebracht um sich auf dem Schlachtfeld zu erkennen. So viel zur Geschichte.

Zurück zur Gegenwart: Der Stadtteil VI Bümpliz-Oberbottigen ist mit über 33'000 Einwohnern der grösste Stadtteil von Bern – und auch der vielfältigste! Unser Stadtteil hat mit 4500 Kindern und Jugendlichen deutlich am meisten Junge. Mit über 6500 Senioren wohnen bei uns aber auch am meisten alte Einwohner.

Aus der Geschichte von Bümpliz wissen wir, dass unser Dorf vor ziemlich genau 100 Jahren bankrott war. Ich stelle mir vor, dass es für die Menschen hier eine sehr schwierige Zeit war, voll von Unsicherheit und Zukunftsängsten. Es konnte schliesslich ein Ausweg gefunden werden: Bümpliz wurde 1918 von der Stadt Bern eingemeindet.

Heute ist Bümpliz in Aufbruchstimmung: Hunderte von neuen Wohnungen sind in den letzten 10 Jahren hier in Brünnen entstanden. Bis 2018 werden in den neuen Häusern rund 2000 Menschen leben. Und auch ein neues Schulhaus und eine Doppelturnhalle werden hier schon bald gebaut.

Wie bekannt ist, wohnen in Bümpliz auch am meisten Ausländer der Stadt Bern: ganze 31% haben einen ausländischen Pass.

À propos Pass: Ich habe letzte Woche einen neuen Pass bestellt, drum bin ich rasch zur Passstelle gegangen, habe mir die Fingerabdrücke nehmen lassen und ein Passfoto machen lassen, bezahlte die Gebühren und nach 5 Minuten war die Sache fertig. Gestern habe ich nun meinen biometrischen Schweizerpass abholen können.

Mir ist dabei einmal mehr bewusst geworden: Für dass ich heute Schweizer bin, habe ich nichts geleistet. Das ist reines Schicksal. Ich hätte genausogut auf einer Abfallhalde in einem armen Land auf die Welt kommen können.

Ich möchte eine indiskrete Frage stellen: Wer von Ihnen hat einen Schweizer Pass? [ich halte Hand hoch] Und wer hat eine ausländische Staatsbürgerschaft? [ich halte Hand nochmals hoch] Ja, wie Sie sehen habe ich neben dem roten Büchlein auch einen ausländischen Pass. Mein Vater kommt aus Deutschland. Ich bin halber Ausländer – wie viele hier in Bümpliz.

Wie können wir als Gemeinschaft zusammenleben mit unterschiedlicher Herkunft, Sprachen, Alter, Religion? Was hält uns zusammen? Sind es politische Meinungen, Weltanschauungen oder Ideologien? Ich bin überzeugt: Es sind unsere Werte. Was ist uns wichtig, was wir vorleben, was wir von anderen erwarten.

Die EVP hat vor einigen Jahren neun Grundwerte formuliert. Es ist eine Zusammenstellung von bekannten Werten: Glaubwürdigkeit, Verantwortung, Selbstbeschränkung, Wertschätzung, Gerechtigkeit, Frieden, Zielorientierung, Nachhaltigkeit und Solidarität. Auf diesem kleinen Faltblatt sind sie beschrieben.

Ich möchte einige Worte zum Thema Wertschätzung sagen: Wertschätzung ist wichtig für das Zusammenleben hier in der Nachbarschaft in Bümpliz, aber auch für unseren Alltag in den Ehen, Familien, in den Wohngemeinschaften, beim Job, in der Schule und in der Freizeit. Warum? Weil wir mit Wertschätzung anerkennen, welchen Beitrag andere für die Gemeinschaft leisten – auch wenn die Leistung noch so klein und unauffällig ist.

Mir ist der Moment geblieben, als ich vor über 10 Jahren als Student an der Uni Bern einmal auf dem WC die Hände gewaschen habe und dort eine Putzfrau die WCs geputzt hat. Aus irgend einem Grund, ohne zu überlegen, habe ich ihr spontan „Merci“ gesagt. Die Frau ist zuerst total überrascht gewesen und freute sich dann riesig. Das sei ihr noch nie passiert, dass ihr jemand auf dem WC „Merci“ gesagt hatte!

Mein Vorschlag: Wenn Sie das nächste Mal einer Putzfrau oder einem Strassenarbeiter oder sonst jemandem begegnen, der einen Beitrag an die Gesellschaft leistet, sagen Sie doch mal einfach spontan „Merci“. Es braucht etwas Überwindung, aber ich bin sicher, es lohnt sich für die Person – und auch für Sie!

Es gibt kein Gesetz, das uns zwingt Wertschätzung zu zeigen. Man kann auch ohne Dankbarkeit durch den Alltag gehen – man bleibt einfach etwas einsam und hat weniger vom Leben. Ich bin überzeugt, wenn wir anderen eine anerkennende Haltung entgegen bringen, werden wir mit positiven Begegnungen belohnt. Häufig sind es ja die kleinen Dinge, die unsere Gesellschaft zusammenhalten – oder eben auch auseinanderbringen.

In den vergangenen Tagen geschahen einige Ereignisse, die mich nachdenklich gestimmt haben. Letzte Woche beging Swisscom-Chef Carsten Schloter Selbstmord. Er hinterlässt drei Kinder. Ein schlimmes Zugunglück in Spanien hat über 80 Menschen das Leben gekostet. Bei einem der schwersten Busunfälle sind fast 40 Menschen in Süditalien gestorben. Und diese Woche ist auch in der Schweiz ein Zugunglück mit einem Todesopfer geschehen.

Solche Hiobsbotschaften lassen uns nachdenken über die Beziehungen zu unseren Mitmenschen und machen uns bewusst, wie vergänglich das Leben ist. Wir könnten uns jetzt fragen: Warum geschehen solche Dinge? Warum lässt Gott das zu? Oder wir können solche Ereignisse als Anlass nehmen, in unsere eigenen Beziehungen zu unseren Mitmenschen zu investieren. Dass wir im Alltag mehr Dankbarkeit und Wertschätzung zeigen und so die kurze Zeit, die wir hier auf der Erde verbringen, gewinnbringend für alle einzusetzen.

Wertschätzung hat auch damit zu tun, dass man seine Nachbarn kennt und sich für ihre Lebensgeschichte interessiert. Oder dass man mal neue Leute trifft, beispielsweise bei einem Essen. Dazu eine kurze Geschichte:

Eine Frau, auf Reisen in einer fremden Stadt, bekommt Hunger. Sie geht in das Bahnhofbuffet und kauft eine Gulaschsuppe. Ihren Teller stellt sie auf einen leeren Bistrotisch. Da merkt sie, dass sie vergessen hat, einen Löffel mitzunehmen. Sie geht zur Kasse zurück, holt sich einen Löffel und will zu ihrem Teller zurückkehren.

Da meint sie, nicht recht zu sehen: Am Tisch sitzt ein Farbiger und beginnt gerade, ihre Gulaschsuppe zu löffeln. Blitzschnell überlegt sie, was sie jetzt tun könnte. Sie geht zum Tisch und blickt dem Mann fest in die Augen. Der ist zuerst etwas irritiert. Er lächelt ihr dann aber freundlich einladend zu und löffelt weiter. Da nimmt die Frau all ihren Mut zusammen und taucht auch ihren Löffel in die Suppe. Schweigend löffeln sie zusammen aus dem gleichen Teller.

Die Atmosphäre lockert sich. Er lächelt. Sie lächelt zurück und findet es sogar schön: mit einem fremden Menschen, noch dazu einem Mann, ja noch dazu einem Farbigen so zusammen aus einem Teller zu löffeln.

Irgendwann ist der Teller leer. Der Mann lächelt noch einmal, verbeugt sich und sagt leise „Merci“. Als er gegangen ist, hängt sie ihren Gedanken nach. So sollte es öfter sein, sagt sie sich. Ich sollte grosszügiger und offener sein. Ich hatte zwar nur einen halben Teller. Dafür aber bleibt eine gute Begegnung, Zufriedenheit für den ganzen Tag, ein richtig gutes Gefühl, einem anderen Menschen begegnet zu sein.

Plötzlich merkt die Frau: Ihre Handtasche ist weg. Sie hatte sie doch neben sich auf den Tisch gestellt. Ihre Stimmung schlägt sofort um. Da hat sie doch diesen Mann mitessen lassen und als Dank dafür hat er sie bestohlen. Sie ist so richtig auf seine freundlichen Augen hereingefallen. Sie ist voller Wut und Enttäuschung. Was soll sie nun tun? Der Mann ist schon lange weg, den erwischt sie nicht mehr. Das soll ihr eine Lehre sein. So fies betrogen zu werden gerade dann, als sie besonders freigebig war. In ihrer Verzweiflung blickt sie sich nach Hilfe um.

Da schaut sie zum Nachbartisch. Dort ist ihre Handtasche. Auf dem Tisch steht ein Teller, voll mit Gulaschsuppe.*

Der Mann hat mit der Frau seinen Teller Gulaschsuppe geteilt, nicht umgekehrt. Kennen Sie solche Momente, wenn Ihnen bewusst wird, dass Sie jemanden zu Unrecht verdächtigt haben? Mir kommt die Geschichte bekannt vor. Auch ich beschuldige manchmal Leute zu Unrecht – meistens nur in Gedanken, aber auch das ist nicht gut.

Ich wünsche mir, dass ich im Alltag den Menschen ohne Vorurteile, dafür mit Wertschätzung und Anerkennung begegnen kann. Wenn wir als Gemeinschaft, als Quartier und als Stadt diese Haltung einnehmen, dann können wir unsere Gesellschaft zum Guten verändern. Ist das nicht, was wir alle wollen?

Ich wünsche Ihnen heute Abend nun weiterhin ein gemütliches Beisammensein und in den nächsten Tagen und Wochen viele wertvolle, spontane Begegnungen mit Ihren Mitmenschen!

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