Eigenständig und solidarisch, offen und tüchtig

Dr. Kathy Riklin, Nationalrätin CVP, Zürich
Pflegeheim Käferberg Zürich

Liebe Festgemeinde

Heute feiern wir Geburtstag, den Geburtstag unserer Schweiz, unseres Vaterlandes - und Mutterlandes, wie man heute korrekterweise anfügt.

Wir alle durften dieses Fest bereits einige Dutzend Male erleben. Auch Sie werden heute an die persönlich erlebten Bundesfeiertage zurückdenken.

Bei mir ist der 1. August mit vielen schönen Erinnerungen verbunden. Mit Höhenfeuern, Schweizer Fähnchen, Lampions, bengalischen Zündhölzern und kleinen Vulkanen - die zischenden und speienden Vulkänchen habe ich ganz besonders geliebt - und natürlich erinnere mich gerne an das eigene 1. Augustfeuer, welches wir mit meinen Eltern, Brüdern und Freunden jeweils im Bündnerland vorbereitet und mit grosser Begeisterung angezündet haben.

Dabei durften auch einige Raketen nicht fehlen. Heute haben die öffentlichen und privaten Feuerwerke enorm zugenommen. Die ergreifende Ruhe und Feierlichkeit der 1. August-Feuer ist zurückgedrängt worden, die Knall- und Lichteffekte ersetzen häufig die Nachdenklichkeit und Besinnung auf unsere Heimat, auf unsere Schweiz.

Erlauben Sie mir einen kurzen historischer Exkurs (vorw. gemäss HLS)

Der 1. August ist noch nicht allzu lange unser Nationalfeiertag. 1891, also erst 600 Jahre nach dem legendären Jahr 1291, wurde die Bundesfeier als Zentenarfeier, d.h. als herausragendes Jahrhundert-Grossereignis zum runden Geburtstag begangen. Eine jährliche Wiederholung wurde damals nicht ins Auge gefasst.

Wie kam es denn zum heutigen in der ganzen Schweiz begangenen Fest?

Zur jährlichen Einführung kam es erst 1899, als der Bundesrat die Kantone aufforderte, jeweils am Abend des 1. August die Glocken läuten zu lassen. Insbesondere Auslandschweizerkolonien wollten zu Beginn des letzten Jahrhunderts ebenfalls eine Art von "Quatorze Juillet" oder "Kaisers Geburtstag" feiern, Letzterer wurde unter Kaiser Wilhelm II zwischen 1889 und 1918 an seinem Geburtstag am 27. Januar wieder zelebriert.

Zunächst blieb der schweiz. Nationalfeiertag ein gewöhnlicher Werktag, und man verstand es als dem schweizerischen Charakter angemessen, dass auch an einem solchen Tag normal gearbeitet würde. Eine im Vorfeld des Jubiläumsjahrs 1991 zur 700 Jahr-Feier lancierte Volksinitiative, wurde im September 1993 zur Abstimmung gebracht und mit 83,8% angenommen. Damit wurde der 1. August gesamtschweizerisch zu einem arbeitsfreien Tag. Und so feiern wir nun alle gemeinsam - und die (noch) Werktätigen freuen sich über den zusätzlichen freien Tag, gemäss Bundesverfassung verordnet.

Zu den zentralen Bestandteilen der Bundesratsfeiern wurden ein offenes Feuer und eine Ansprache; Die Ansprache ist geblieben. Viele Schweizerinnen und Schweizer werden heute ihre Gedanken in einer Rede kundtun.

Wer Geburtstag feiert hält Rückblick und Ausblick. Wir haben allen Grund, stolz auf unser Land zu sein. Wir haben hohen Wohlstand erreicht, haben heute nur knapp 3 Prozent Arbeitslose, eine Zahl, um die uns die europäischen Staaten, insbesondere die Staaten südlich von uns wie Spanien, Portugal, Griechenland und Italien, enorm beneiden. Wir haben Stabilität und Rechtssicherheit. Wir haben eine aktive Demokratie und eine ausgeprägte Mitbeteiligung in den wichtigen Entscheidungsfragen.

Die Geschichte hat uns gelehrt, eigenständig zu sein und uns nicht anderen zu unterwerfen. Dies ist das Erfolgsrezept der Schweiz. Peter von Matt, der berühmte emeritierte Literaturprofessor, aus NW stämmig und heute in der Zürcher Agglomeration wohnhaft, schreibt in seiner Rede zum 1. August 2009, die er auf dem Rütli hielt:

„Ohne den Eigensinn des Einzelnen wird die Gemeinschaft zur Herde. Ohne das Zusammenspannen mit den andern wird der Einzelne zum Eigenbrötler.“

Soweit von Matt. Eigensinn und Unabhängigkeit sind wichtige Werte, die ein Land zusammenhalten, es braucht aber auch Bündnisse und Verständnis für die anderen.

Gerade heute scheint die Welt aus den Fugen geraten. Entsetzliche Kämpfe und Bürgerkrieg in Syrien, grosse politische Unruhen in Ägypten, in Tunesien, nicht zu sprechen von den seit langem unruhigen und umkämpften Zonen auf unserem Globus wie Afghanistan, Pakistan, Irak, Somalia, Darfur.

Auch Europa durchlebt eine grosse Krise. Und noch einmal will ich Peter von Matt zitieren, der unsere eigene Vergangenheit treffend beschreibt:

„Ein Labor der Demokratie war auch die Schweiz einmal, nachdem Napoleon die wurmstichige Alte Eidgenossenschaft vom Tisch gefegt hatte. Es war mühsam genug. Ein halbes Jahrhundert dauerte es, mit vielen Putschen und Kleinkriegen, bis wir ein einigermassen moderner Staat waren.“

Daran sollten wir immer denken, gerade auch am 1. August. Die Schweiz gilt als Willensnation. Dieser Wille muss immer wieder aufgebracht werden. Kein blinder Patriotismus, sondern ein gesundes Selbstverständnis, das auch Verständnis für die anderen aufbringt.

Die Schweizer Wirtschaft verdient jeden zweiten Franken im Ausland. Eine gute Zusammenarbeit mit unseren europäischen Nachbarn, aber auch mit der ganzen weltweiten Staatengemeinschaft ist daher von grösster Wichtigkeit für unser Land. Wilhelm Tell, unser Ur-Schweizer, taucht zwar zum ersten Mal im Weissen Buch von Sarnen als „Thall“ auf, seinen Status als Schweizer Nationalheld verdankt er jedoch Friedrich Schiller. Die darauf basierende Oper „Guillaume Tell“ wurde vom Italiener Gioachino Rossini komponiert. Fremdes war immer Teil unserer Kultur.

Wir haben uns als offenes, liberal und sozial denkendes Land eine gute Position erarbeitet. Unsere florierende Wirtschaft gibt uns eine bevorzugte ökonomische Position. Wir sind Depositarstaat der Genfer Konvention und damit die Hüter des Humanitären Völkerrechts. Der Sitz des internationalen Roten Kreuzes befindet sich in Genf. Unsere humanitäre Tradition hat uns eine Sonderstellung und viel Achtung in der Welt gegeben.

Oekonomie und Humanität sind wichtig, nicht Geld allein macht die Stärke einer Nation, daran dürfen wir uns gerade an unserem Geburtstag erinnern. Die Jüngeren unter uns sind in Frieden und Wohlstand aufgewachsen, dies ist nicht selbstverständlich. Dazu braucht es den Einsatz und den Willen aller. Aber auch etwas Glück.

Und noch einmal Peter von Matt: „Wenn wir vom Frieden im heutigen Europa profitieren, haben wir an ihm auch mitzuarbeiten. In Freiheit. Denn Freiheit ist kein Zustand, sondern eine Tätigkeit."

Eigenständig und solidarisch, offen und tüchtig, dies sind die Werte, die die Schweiz stark machen.

Ich wünsche allen einen wunderschönen 1. August.

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