Die Geschichte der grossen Kaiser gibt es nicht – wir sind Teil davon und mittendrin.

Geschätzte Rütnerinnen und Rütner, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Anwesende

Ich war in den letzten Jahren am 1. August meistens im Ausland in den Ferien. Vor zwei Jahren verbrachte ich aber den „Geburtstag der Schweiz“ mal wieder in der Schweiz, genauer gesagt in Chandolin im Wallis mit Höhenfeuer, Reden, Raclette, Schweizermusik und reichlich Wein. Es war der Vorabend des dritten Sommerlagers der JUSO Schweiz und als Organisatorin war ich schon einen Tag vorher angereist. Mit gemischten Gefühlen.

Ich freute mich zwar auf eine Woche Sonne, Sommer, Sozialismus mit 120 JUSOs. Aber diese Freude war getrübt von Angst und Fassungslosigkeit. Eine Woche zuvor hat der Neonazi Anders Breivik 77 Menschen umgebracht – 69 davon in einem Sommerlager der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten von Norwegen.

Diese 69 Opfer waren mehrheitlich junge Menschen wie wir. Sie mussten sterben, weil sie sich eine soziale, solidarische und demokratische Gesellschaft wünschten und bereit waren, dafür einzustehen.

Sie kämpften gemeinsam mit ihren Genossinnen und Genossen für das, wofür wir auch kämpfen: für eine Welt, in der die Menschen gleichberechtigt und frei leben können und in der nicht Hass, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt, sondern Solidarität, Frieden und Demokratie die Stützen der Gesellschaft bilden.

Weil ich den Ungerechtigkeiten dieser Welt nicht tatenlos zusehen wollte, bin ich vor mehr als sieben Jahren der JUSO und SP beigetreten.

Ich will nicht hinnehmen, dass es 437'000 Menschen gibt, die weniger als 4000 Franken verdienen, während 2000 Menschen mehr als 1 Million verdienen. Der CS-Chef Brady Dougan verdiente in seinem Spitzenjahr über 90 Millionen – das ist 1820mal mehr als der tiefste Lohn in der CS.

Ich finde es beschämend, dass jedes 10. Kind in Armut aufwachsen muss, während das reichste Promille täglich 6888 Franken Zinsen aus ihrem Vermögen bezieht.
Und ich akzeptiere nicht, dass ein paar wenige Millionen verdienen, indem sie auf Nahrungsmittel spekulieren, während eine Milliarde Menschen hungert und verhungert.

Diese ungleiche Verteilung von Reichtum und Macht reisst einen tiefen Graben in die Bevölkerung: auf der einen Seite ein paar wenige, die sich immer mehr nehmen, auf der anderen Seite die grosse Mehrheit, die immer häufiger den Kürzeren zieht und mit steigenden Kosten zu kämpfen hat.

Ich bin überzeugt, dass eine gerechtere Gesellschaft möglich ist. Ich will eine Wirtschaft, die nicht immer mehr Profit für ein paar wenige schafft, sondern welche die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellt. Die Früchte des gemeinsam erwirtschafteten Reichtums sollen wieder allen zugute kommen und nicht nur ein paar wenigen.

Genau darum geht es auch bei der 1:12-Initiative, die im Herbst zur Abstimmung kommt. Niemand soll in einem Jahr weniger verdienen als der bestbezahlte Manager in einem Monat. Gemeinsam stoppen wir so die Abzocker und fordern gerechte Löhne. Das gibt der Mehrheit mehr Respekt für ihre Arbeit. Gleichzeitig fordern wir mit der 1:12-Initiative aber auch mehr Demokratie: Das Volk akzeptiert nicht mehr, dass Manager nach eigenem Ermessen immer gigantischere Löhne abkassieren. Darum ist es richtig, das unsere Demokratie hier Leitplanken setzt, um die extremsten Auswüchse einzuschränken.

Denn spätestens seit der Gründung des Bundesstaats Schweiz im Jahr 1848 wissen wir: Wir sind dann stark, wenn wir uns nicht von Vögten fremdbestimmen lassen, sondern als Freie und Gleiche gemeinsam entscheiden. Das gilt nicht nur für Gesetze, sondern auch für die Verteilung des Reichtums.

Für Verteilungsgerechtigkeit und Demokratie einzustehen, bedeutet, grundsätzlich für ein gutes Leben für alle zu kämpfen.

Das erfordert Empörung und Engagement der Menschen. „Ohne mich ist das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann“, fasst der französische Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel diese Verantwortung zusammen, die man auch Solidarität nennen kann. Dieses Engagement ist vielfältig – es muss nicht eine Partei sein oder ein politisches Mandat. Es kann der Einsatz für eine befreundete Familie sein, die ausgeschafft werden soll. Oder die Forderung nach einem Skaterpark für Jugendliche. Das Engagement in einem Verein. Der Einsitz im Elternrat der Schule oder eine Teilnahe an der öffentlichen Diskussion mit einem Leserbrief.

All diese Engagements haben etwas gemeinsam: der Wunsch, das Zusammenleben mitzugestalten. Menschen, die sich empören und engagieren, haben den Mut, den Lauf der Geschichte mitzubestimmen.

Ob wir glauben, dass die Schweiz am 1. August 1291 durch einen Eid von drei Männern gegründet wurde oder ob wir 1848 als Gründungsdatum nehmen, das Jahr in dem die Bundesverfassung verabschiedet wurde, ist nicht wesentlich.
In diesen Geschichten haben immer Menschen eine Hauptrolle gespielt. Sie haben sich empört, sie waren aufgestanden und haben mitbestimmt.

Die Geschichte des 1. Augusts gefällt mir aber aus einem Grund nicht: sie handelt von drei Männern, die 1291 auf der Rütliwiese einen Schwur geleistet und so die Schweiz gegründet haben sollen. Was ist aber mit all den anderen Menschen, die sich gegen Fremdherrschaft aufgelehnt haben – damals und heute?

Der deutsche Lyriker Bertold Brecht fragt in seinem Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“: „Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“

Heute können wir ähnliche Fragen stellen: „Die Schweiz gehört den Schweizern. Ihnen allein? Was ist mit all denen ohne Schweizer Pass, die seit Jahren hier leben und arbeiten? Prägen sie mit ihrer Arbeit und Gedanken nicht auch die Schweiz und sollten mitreden können?

Oder wir können fragen: „Daniel Vasella verdient 42 Millionen. Er allein? Hat nicht wenigstens ein Chemiker die Medikamente entwickelt oder hat nicht jemand seine Termine organisiert, sein Büro geputzt und sein Haus gebaut?

Die Geschichte der grossen Kaiser gibt es nicht – wir sind Teil davon und mittendrin. Wir können die Welt gemeinsam zu einem Ort machen für alle statt für wenige. Egal ob hier in Rüti oder anderswo.

Auch wenn wir heute Abend nicht Geschichte schreiben werden, so wünsche ich euch doch allen ein schönes, unvergessliches Fest mit guten Diskussionen.

Es gilt das gesprochene Wort.

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