Demokratie heisst: Auch an die übernächste Generation denken

Bundesfeier 2013
Rede von Regula Rytz, Nationalrätin Grüne, Bern, 31. Juli 2013, Krauchthal

Liebe Krauchthalerinnen und Krauchthaler

Ich freue mich sehr, den Auftakt zu unserem Nationalfeiertag hier mit Euch zu verbringen. Ein gemütlicher Abend unter Nachbarn und Bekannten, friedlich, fröhlich, laut und auch etwas besinnlich, so wie es sich am Geburtstagsfest gehört.

Während wir heute über die Geschichte, die Kultur und die Zukunft von der Schweiz nachdenken, gibt es in anderen Ländern wenig Grund zu feiern. In Ägypten, Nepal, Mali, Tunesien und vielen anderen Orten wird heftig über Demokratie, Freiheit und die Macht im Land gestritten. Es sind vor allem die jungen Menschen, die sich an vorderster Stelle für eine bessere Zukunft einsetzen und dafür auch grosse Risiken in Kauf nehmen. Ich weiss nicht ob es Euch auch so geht wie mir: Jeden Tag frage ich mich, womit ich das Glück verdient habe, in der Schweiz geboren worden zu sein und nicht in Afghanistan oder in Syrien. Ich habe bis heute keine Antwort gefunden.

Natürlich ist auch hier nicht alles Gold was glänzt. Der Graben zwischen arm und reich wird grösser, die Mietzinse und die Krankenkassenprämien steigen und immer mehr Menschen zweifeln daran, ob sie im Alter noch von ihrer angesparten Rente leben können. Anders als in vielen Länder dieser Welt müssen wir aber nicht die Faust im Sack machen. Nein, wir können etwas ändern. Uns politisch engagieren, eine Volksinitiative für eine sichere AHV starten, in den Zeitungen oder auf facebook unsere Meinungen sagen und bei freien und fairen Wahlen und Abstimmungen mitentscheiden.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Sondern ein Erbe unserer Vorfahren, die für Freiheit und Demokratie gekämpft haben. Auch sie haben grosse Risiken auf sich genommen. Wir vergessen das gerne, weil wir schon so lange in Frieden leben. Aber auch in der alten Eidgenossenschaft gab es Untertanengebiete, Hunger und Unterdrückung. Auch in der alten Eidgenossenschaft wurden Oppositionelle und Andersdenkende verfolgt. Auch in der alten Eidgenossenschaft haben die politischen und wirtschaftlichen Eliten ihre Privilegien mit aller Macht verteidigt. Auch die moderne Schweiz, so wie wir sie heute kennen, ist 1848 nach einem Bürgerkrieg entstanden.

Unsere Geschichte hat also viele Parallelen zur aktuellen Weltlage. Doch es gibt auch Unterschiede. Was mich immer wieder beeindruckt, ist die Weitsicht der demokratischen Bewegung im 19. Jahrhundert. Mässigung und Menschlichkeit, hiess zum Beispiel die Devise des Bürgerkriegsgenerals Dufour. Daran hat sich auch der damalige Tagsatzungspräsident Ueli Ochsenbein orientiert. Vor 167 Jahren hat er seine Berner Reservedivision mit grösstem diplomatischem Geschick davon abgehalten, sich beim Marsch durch die Luzerner Gemeinde Malters an der Dorfbevölkerung für frühere Gewalttaten zu rächen.

Dieser Geist der Versöhnung hat nach dem Ende des Bürgerkrieges auch das zivile Leben geprägt. Die liberalen Siegerkantone, auch Bern, haben 1848 die Verlierer nicht einfach überrollt. Stattdessen schufen sie ein austariertes Staatswesen, das die Interessen der unterschiedlichen Landesteile, der Konfessionen, der Sprachen, der politischen Strömungen, von Stadt und Land berücksichtigte. Nur die Frauen gingen vergessen, aber das ist eine andere Geschichte.

Ausgleich, Vielfalt und Toleranz prägen noch heute die Politik in der Schweiz. Auch hier in Krauchthal. Krauchthal ist eine Schweiz im Kleinen. Im Gemeinderat arbeiten Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Parteien konstruktiv zusammen. Seit letztem Jahr regieren auch die Grünen mit, und darauf bin ich natürlich ganz besonders stolz. Die Verwaltung ist bürgernah, effizient und transparent organisiert und die Bevölkerung engagiert sich in zahlreichen Vereinen. Krauchthal ist auch eine geschichtsbewusste Gemeinde. „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Schüren des Feuers“, steht über dem neuen Museum, das sich der dörflichen Kultur genauso widmet wie der Geschichte des Thorbergs oder dem Sandstein-Handwerk.

Der Krauchthaler Museumsspruch „Tradition ist nicht das bewahren der Asche, sondern das Schüren des Feuers“ passt gut zum Nationalfeiertag. Tradition lebt nur, wenn man sie täglich nutzt, pflegt, und auch verändert. Die Welt dreht sich und steht nicht still. Ein paar Beispiele.

  • Wir werden nachher mit der Nationalhymne den roten Alpenfirn besingen. Bald wird von diesem Alpenfirn allerdings nicht mehr viel übrig sein. Jahr für Jahr nagt die Klimaerwärmung an unseren Gletschern. Unser Gesang wird die weisse Pracht und das Wirtschafts- und Ökosystem der Alpen nicht retten. Nur konkrete Taten – ökologisches Bauen, energieeffiziente Geräte und der Verzicht auf überflüssige Autofahrten – können die Klimaerwärmung stoppen. Wer die Heimat liebt, sage ich immer wieder, schützt vor allem einmal die Umwelt.
  • Weiteres Beispiel: In vielen Augustreden wird der Gemeinschaftssinn und die alten Eid-Genossenschaft beschworen. In Tat und Wahrheit sind es aber nicht Genossenschaften, sondern die Profitgier, welche heute die globale Wirtschaft prägen. Auch grosse Schweizer Unternehmen mischen kräftig mit. Die UBS, die CS, Novartis oder die vielen internationalen Firmen, die nur wegen den tiefen Steuern in die Schweiz gekommen sind. Sie rühren mit der grossen Kelle an, vor allem bei den Managerlöhnen. Wenn es schief geht, muss die Bevölkerung die Zeche zahlen. Das hätte Ueli Ochsenbein niemals akzeptiert. Höchste Zeit also, dass wir als Souverän unser Schicksal wieder selber in der Hand nehmen. Mit grosser Überzeugung habe ich im Frühling für die Abzockerinitiative gestimmt und werde auch die 1:12-Initiative unterstützen.
  • Letztes Beispiel: In vielen Augustreden wird die Unabhängigkeit und die nationale Identität der Schweiz beschworen. Doch was heisst das genau? Dass überall Schweiz drin sein muss, wo Schweiz draufsteht? Oder Bern drin sein muss, wo Bern draufsteht? Wenn wir nationale Identität so eng fassen, dann müssten wir uns von liebgewonnenen Traditionen trennen. Die Bären im Berner Bärengraben zum Beispiel, die sind ursprünglich aus der Schlacht von Novara nach Bern gekommen, Nicolas Hayek ist im Libanon aufgewachsen, Albert Einstein kam als Deutscher nach Bern und die entscheidenden Tore für YB hat letzten Sonntag Yuya Kubo aus Japan versenkt. So what?

Liebe Krauchthalerinnen und Krauchthaler.

Was in einer immer globalisierteren Welt wirklich zählt, ist nicht die Herkunft, sondern einzig und allein das Bekenntnis zu unseren Grundwerten.

Zum Erfolgsmodell der Schweiz gehören Freiheit, Fairness, Ausgleich, Bescheidenheit und Toleranz.
Zum Erfolgsmodell der Schweiz gehört der Grundsatz, dass starke Schultern mehr tragen als schwache und nicht umgekehrt.

Zum Erfolgsmodell der Schweiz gehören die Wandlungsfähigkeit der demokratischen Institutionen und die Offenheit für die Welt, auch für die Sorgen dieser Welt.

Zum Erfolgsmodell der Schweiz gehören Weitblick und Verantwortung über die eigene Nasenspitze hinaus. Es gibt wohl keinen Bauer und keine Bäuerin hier, die ihren Hof nicht in einem besseren Zustand hinterlassen wollen als sie ihn geerbt haben. Finanziell saniert, mit guten Böden und gesunden Tieren – so hat es die nächste Generation verdient. Ausserhalb der Landwirtschaft sieht das ganz anders aus. Noch nie hat die Menschheit einen grösseren Raubbau betrieben an unserem Planeten als heute. Hier in der Schweiz haben wir bereits im April die Ressourcen verbraucht, die für ein ganzes Jahr ausreichen sollten. In vier Monaten die ganze Energie für ein Jahr, in vier Monaten die Rohstoffe für ein Jahr, in vier Monaten das Essen für ein Jahr. Unsere Vorfahren hätten das nicht überlebt und auch wir schaffen es nur, weil wir uns an der nachkommenden Generationen und an anderen Ländern verschulden. So kann es nicht mehr weitergehen. Und so muss es nicht weitergehen. Wir leben in einer Demokratie und wir können die Weichen anders stellen.

Mein 1. August-Wunsch ist deshalb, dass wir den zukünftigen Generationen einen rundum gesunden Planeten hinterlassen. Ich bin sicher: Die jungen Krauchthalerinnen und Krauchthaler, die heute den Bürgerbrief erhalten, helfen kräftig mit. Euch gehört die Zukunft, und ihr habt die Verantwortung für die Weiterentwicklung unseres Landes, das mit Europa und der Welt untrennbar verbunden ist. Nicht Abschottung, nicht Egoismus, nicht die Verachtung von Andersdenkenden bringen uns weiter, sondern die immer noch aktuellen Grundsätze unserer Demokratie. Liberté, Egalité, Solidarité - schaut gut zu diesem Feuer!

Zum Schluss: Die aktuelle Ausstellung im Krauchthaler Museum ist dem Urwalddoktor Albert Schweitzer gewidmet. Und der hat einmal gesagt: „Wer zum Glück der Welt beitragen möchte, der sorge zunächst einmal für eine glückliche Atmosphäre in seinem eigenen Haus.“ Genau so soll es heute Abend sein. Ich wünsche Euch nun allen ein schönes Fest, friedlich, fröhlich und natürlich auch laut.

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