Festrede zum 1. August unter dem Motto „Schluss mit Neid und falscher Moral – mehr Achtung und Toleranz“

Den Geburtstag einer Nation zu feiern ist immer auch eine Rückbesinnung und Standortbestimmung für Land und Volk. Im hektischen Politalltag hat es für dieses Innehalten leider oftmals keinen Platz mehr und das Zurückgreifen auf unsere Grundsätze wird sträflich vernachlässigt. Ein Blick in unsere „Geburtsurkunden“, sprich Bundesbrief und Bundesverfassung, gehören für mich zur Pflichtlektüre am schweizerischen Nationalfeiertag. In diesem Jahr lege ich die Präambel der Bundesverfassung meiner Festrede zu Grunde:

Im Namen Gottes des Allmächtigen!

Das Schweizervolk und die Kantone,

in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,

im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,

im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in de Einheit zu leben,

im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen,

gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen,

geben sich folgende Verfassung.

Ziehen wir als Erstes Bilanz zu jener Grundsatzerklärung in der Verfassung, welche gemeinsame Errungenschaften sowie eine Verantwortung gegenüber künftiger Generationen und sozial Schwachen anstrebt. Vergleichen wir im Umfeld der Wirtschafts- und Schuldenkrise die aktuellen Daten, so stellen wir fest, dass die Schweiz heute ein Bruttoinlandprodukt von +1,4 % (EU -0,6 %), einen Privatkonsum von +2,2 % (EU -1,4 %), einen Konsumentenpreisanstieg von -0,3 % (EU +1,5 %) sowie eine Arbeitslosigkeit von 3,3 % (EU 12,1 %) ausweist und bei der Sozialhilfe nach Norwegen im europäischen Vergleich den Platz Nummer zwei einnimmt. Hier zeichnet sich eine eigentlich Erfolgsgeschichte für unser Land ab. Hört man aber den politischen Diskussionen, den Stammtischgesprächen und den Kommentaren in den Medien zu, so könnte man glauben, wir stünden kurz vor dem Weltuntergang. Vielleicht geht es uns zu gut und wir leiden an einer Wohlstands-Dekadenz. Genau hier mache ich ein erstes Grundübel aus, an dem unsere Gesellschaft wie ein Krebsgeschwür krankt. Es ist Neid und Missgunst. Wohlstand, Vermögen und Leistung sind zu Schimpfwörtern verkommen. Mir scheint es, dass gewisse politische Kreise den Neid und die Missgunst ganz bewusst in der Bevölkerung schüren, um ihre ideologische Doktrin salonfähig zu machen. Wenn ich dann so auf die eigenen Leistungsausweise dieser politischen Zeitgenossen blicke, dann kommt mir immer das chinesische Sprichwort in den Sinn; „Wer beim Säen träge ist, wird beim Ernten neidisch.“ Ich bin überzeugt, dass ein von Neid geprägter Klassenkampf eine Gesellschaft zerstören kann. Wir sollten Sorge tragen zu unserer sozialen Solidarität und Sorge halten zu unserem inneren Frieden! Es ist ein Einfaches, aus den eigenen geschützten vier Wänden heraus vom Staat zu nehmen, aber ohne eigenes öffentliches Engagement stets mit den Fingern auf andere zu zeigen. Das tiefgründige Sprichwort; „die Moral der Scheinheilligen, ist die Scheinheiligkeit der Moralisten“, ist hier wohl selbstredend.

Ziehen wir zum Zweiten eine Bilanz zu jener Grundsatzerklärung in der Verfassung, welche die gegenseitige Rücksichtnahme und Achtung postuliert. Hier mache ich das zweite Grundübel aus, an dem unsere Gesellschaft wie ein Krebsgeschwür krankt. Es ist die Respektlosigkeit. All den selbsternannten Weltverbesserer halte ich das folgende Zitat von Johann Peter Eckermann entgegen: „Es ist keine Kunst, geistreich zu sein, wenn man vor nichts Respekt hat.“ Während meiner politischen Debatten und meinen Beobachtungen in unserer Bevölkerung frage ich mich immer öfters: Wo ist heute noch der Respekt vor fremdem Eigentum? Wo ist heute noch der Respekt vor Leistungsträger in unserer Gesellschaft? Glauben wir ernsthaft, dass sich in einem Umfeld von Respektlosigkeit fähige und integre Persönlichkeiten noch für anspruchsvolle Aufgaben in unserem Lande zur Verfügung stellen? Buck Rodgers sagte einmal: „Unser Problem wird nicht sein, dass günstige Gelegenheiten für wirklich motivierte Menschen fehlen, sondern dass motivierte Menschen fehlen, die bereit und fähig sind, die Gelegenheiten zu nutzen.“ Bei uns muss jemand makellos und persilweiss sein, damit er in unseren Augen überhaupt für ein Amt genehm ist. Fehler haben oder Fehler machen ist tabu. Dabei sind gerade jene Führungskräfte in Krisenzeiten die Besten, welche eben in ihrer Laufbahn schon gestrauchelt sind und wieder auf die Beine kamen. Wir müssen unsere Einstellung zu Rückschlägen und persönlichen Fehlern grundlegend ändern. In der Aussage von Oscar Wilde liegt eben doch eine tiefere Erkenntnis: „Der Unterschied zwischen einem Heiligen und einem Sünder ist, dass der Heilige eine Vergangenheit und der Sünder eine Zukunft hat.“ Der Grundsatz, dass jemand erst dann schuldig ist, wenn er gerichtlich verurteilt wurde, gilt bei uns schon lange nicht mehr. Wir haben doch nach der ersten reissenden Schlagzeile bereits unser Urteil gefällt und drängen die betroffene Person aus Amt und Würde oder aus ihrer Arbeitsstelle. Dass dabei der einzelne Mensch und sein Umfeld auf der Strecke bleiben, ist uns gleichgültig. Auffällig ist, dass all die Besserwisser in unserem Lande bei sich selbst nicht mit gleich langen Ellen messen. Wenn bei mir jemand über die Politik, die Schule oder sonst eine öffentliche Institution lästert, dann Frage ich immer zurück, wann haben sie sich zum letzten Male als Kandidat für den Gemeinderat oder die Schulpflege gemeldet? Wieviel von ihrer Freizeit setzen sie für eine gemeinnützige Tätigkeit ein? Das Wort ICH ist heutzutage gross geschrieben. Das Wort Du oder Wir wird nicht mehr gelebt, sondern nur noch mit Kritik zugedeckt. Wenn der Individualismus eine Kultur zu Grabe trägt! Diese Entwicklung ist eine grosse Gefahr für unser Land und könnte schneller als uns lieb ist unsere wertvollen Errungenschaften zu nichte machen. Ein Sprichwort von Gottfried Edel besagt: „Der Reifegrad einer Gemeinschaft zeigt sich darin, wie sie mit Fehltritten in den eigenen Reihen fertig wird.“

Die dritte Bilanz ziehe ich zur verfassungsmässigen Grundsatzerklärung der Unabhängigkeit, des Friedens und der Freiheit. Hier mach ich zuletzt noch ein drittes Grundübel aus, an dem unsere Gesellschaft wie ein Krebsgeschwür krankt. Es ist die schleichende Verwahrlosung bei den Umgangsformen, oder bildlich gesprochen, geringste Anstandsregeln werden nicht mehr eingehalten. Da wird Abfall einfach hingeschmissen, es wird auf den Boden gespuckt, Velofahrer halten sich an keine Verkehrsregeln, fremdes Eigentum wird rücksichtslos beschädigt, die Sprache wird immer primitiver – die Beispiele sind grenzenlos. Wenn wir hier nicht das Ruder herumreissen, dann verkommen wir zu einem verwahrlosten Land. Bereits heute wird insbesondere auch von ausländischen Gästen eine wachsende Vernachlässigung wahrgenommen. Es brauchte fast ein ganzes Jahrhundert, um unseren Wohlstand, unsere Infrastruktur und unsere Landschaft auf das heutige Niveau zu bringen. Zerstören kann man das innert weniger Jahren, wie uns Nachbarländer vorzeigen. Nährboden für dieses gesellschaftliche Verhalten ist eine fehlgeleitete Politik, die den Bürger entmündigt und alles den Staat richten lässt, sowie eine Erwachsenenwelt, die den heranwachsenden Kindern ein falsches Bild von liberaler Freiheit vorlebt. „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will“, sagte Jean-Jacques Rousseau einmal. Auch ist erschütternd, wie schnell heute Gewalt angewendet wird, wenn der Einzelne nicht das bekommt was er will oder ihm einfach etwas nicht ins eigene Konzept passt. Dass es so weit kam, liegt in unserer eigenen Verantwortlichkeit. Unsere Freiheit und Sicherheit ist zur Selbstverständlichkeit geworden! Wir glauben die Zukunft zu kennen, und sind vom Wohlstand geblendet! Sicherheit ohne Freiheit ist nichts wert – aber um Freiheit in Sicherheit muss jeden Tag neu gerungen werden! Wollen wir diese Entwicklung der Verwahrlosung einfach zulassen. Von Albert Einstein kommt die Erkenntnis; „Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.“

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, abschliessend will ich ihnen zum heutigen Nationalfeiertag nochmals folgende Gedanken mit auf den Weg geben:

Unsere Gesellschaft braucht gelebte Werte!

Es gibt auch eine falsch verstandene Freiheit!

Orientieren wir uns wieder vermehrt an unseren Wurzeln!

Das Zitat vom Violinist Yehudi Menuhin könnte nicht zutreffender für die Schweiz an ihrem Geburtstagsfest sein: „Freiheit ist nicht Freiheit zu tun was man will; sie ist die Verantwortung das zu tun, was man tun muss“.

Danke, dass Sie meinen Worten Aufmerksamkeit geschenkt haben. Es würde mich freuen, wenn das Gesagte auch den einen oder anderen positiven Gedanken ausgelöst hat.

Gott schütze unsere Heimat Schweiz!

Hans-Peter Portmann

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