Das Thema ist 500 Jahre alt und wir diskutieren es immer noch. Es wird Zeit für eine Entscheidung. Für ein vernünftiges Gleichgewicht in der Wirtschaft.

Erst kräftig rauf, zuletzt heftig runter: Auf dem Markt ist ständig die Hölle los. Als Tatverdächtige gelten meist kurzfristig orientierte Finanzinvestoren ohne moralischen Prinzipien. Beginnen wir von vorne und nehmen das Beispiel der Weizen:

Wann kauft der Spekulant überhaupt seine Weizen? Nicht bei extrem niedrigen Preisen während einer Rekordernte (wie vielleicht angenommen), sondern wenn er von einer drohenden Dürre oder einem anderen Ereignis erfährt, das angetan ist, die Preise nach oben zu treiben. Klingt absurd – aber es geht noch weiter, keine Angst.

Ist die Nahrungsmittelspekulation ein Magnetfeld für Investoren? Eigentlich sind diese Anzeichen üblich in allen Märkten. Die Globalisierung der Finanzmärkte führte zu einem extremen Herdenverhalten der Marktteilnehmer. Die Käufe des einen Investors ziehen weitere Käufe anderer Investoren und kleinere private „Trittbrettfahrer“ nach sich. Jeder orientiert sich am Verhalten oder am erwarteten Verhalten der anderen Marktteilnehmer und verschärft dadurch den Trend. Das macht es auch Brandgefährlich. Würde es also eine Meldung über eine bevorstehende schlechtere Weizenernte in einem Teil der Welt geben, könnte das beispielsweise zu einer Preissteigerung von 10 Prozent führen.

Nun machen wir einen kurzen Sprung zum Mais und schauen dort ein paar Zahlen an. Ab Oktober 2007 kam es binnen 8 Monaten nahezu zu einer Preisverdopplung von 430 US-Cent/Bushel auf 830 US-Cent/Bushel. Die Begründung der Börsen waren anfangs durchaus nachvollziehbar: Die vermehrte Nachfrage durch den steigenden Lebensstandard in Asien, die zusätzliche Nachfrage nach Mais durch die Biotreibstoffgewinnung sowie schwere Überschwemmungen der Anbaugebiete am Mississippi. Doch in den nachfolgenden 6 Monaten bis Dezember 2008 brach der Preis im steilen Sturzflug ein und unterbot sein Ausgangsniveau mit 325 US-Cent/Bushel im Dezember 2008 deutlich.

Wie konnte das passieren? Keines der bis dato genannten Argumente für die Preissteigerung war hinfällig geworden. Weder gab es eine plötzliche Ernährungsumstellung in Asien, noch wurde weniger Biokraftstoff produziert. Warum ist der Preis dennoch in solch großer Geschwindigkeit – scheinbar entgegen aller Marktlogik – gefallen? Die Antwort lautet: Die Spekulanten mussten ihr Engagement zurückfahren.

Wie finanzieren sich die Marktteilnehmer diese Spekulation? Der grösste Teil der spekulativen Investments wird nicht mit Eigenkapital – richtig gehört – eingegangen, sondern mit Krediten. Der Spekulant muss lediglich eine Sicherheitsleistung (Margin) in Höhe von wenigen Prozent des Gesamtwertes seiner Maisposition hinterlegen.

Wo stehen wir heute? Die Akteure haben zunehmend Schwierigkeiten, einen fairen Preis anhand echter Nachfrage und echten Angebots festzustellen – es herrscht eine regelrechte Marktverzerrung. Erhöht ein Bauer aufgrund der extremen Preisentwicklung seine Produktion durch einen kostenintensiven Einsatz, kann der Frust da sein, wenn sich die Preise bis zur nächsten Ernte halbiert haben und den Einsatz keinesfalls mehr rechtfertigte. Auch für die Verbraucher hat die Verzerrung des Marktes verheerende Folgen. Wenn ein starker Anstieg der Lebensmittelpreise aufgrund kurzfristiger spekulativer Übertreibung die Bürger in unseren Breiten Kaufkraft und Lebensstandard kosten, wird es für Millionen Menschen in den armen Regionen lebensbedrohend.
Warum sollte es – nach oben genannten Punkten – noch einen einzigen volkswirtschaftlichen oder gar humanitären Grund geben, weshalb es Finanzinvestoren erlaubt sein sollte in Nahrungsmittel zu investieren?

Entlasten wir den Weltmarkt für Lebensmittel aus ihrem extremen Nachfragestress und stoppen diese tödliche Spekulation. Nur so kann das Gleichgewicht in der Wirtschaft und mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft hergestellt werden.

Quellen: IWF Rohstoffpreisstatistik, Zahlen gemäß fao.org

126 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.