Das Problem mit der Transparenz

Wir Menschen glauben oft, nehmen wir eine Handlung vor, kommt genau das heraus, was wir uns vorstellen. Transparenz ist so seine Sache. Wenn wir nur genügend Transparenz herstellen, wird schon alles gut. Quasi ein Allheilmittel in jeder Situation. Solche festen Annahmen infrage zu stellen, ist für viele Ketzerei.

Einer, der sich nicht um feste Annahmen kümmert, ist Dan Ariely. Ein Verhaltensforscher, der in seinem neusten Buch die halbe Wahrheit ist die beste Lüge unter anderem überprüfte, wie sich Transparenz auswirkt. Dazu bediente er sich einer Studie von Daylian Cain und Don Moore aus dem Jahr 2005. Die beiden Forscher stellten ein Glas mit Kleingeld auf. Ein Teil der Probanden wurde zu “Gutachtern”. Sie mussten die Summe im Glas schätzen. Je genauer sie lagen, desto mehr Geld bekamen sie dafür. Ein anderer Teil wurde zu “Beratern”. Ihnen sagten die Forscher, dass etwa 10 bis 30 Dollar im Glas sind. Die “Berater” hatten einen Informationsvorsprung. Sie waren die Experten in diesem Experiment. Die “Gutachter” konnten die “Berater” nach ihrer Meinung fragen und die “Berater” nach Gutdünken antworten.

Bis hierhin so weit so gut. Um festzustellen, wie sich ein Interessenkonflikt auswirkt, wurden die “Berater” in zwei Gruppen aufgeteilt. Die einen erhielten Geld, je genauer die “Gutachter” schätzten. Die anderen erhielten Geld, wenn die “Gutachter” die effektive Summe überschätzten. Der zweite “Berater” fuhr also besser, wenn er den Betrag nach oben halten konnte.

Wie zu erwarten, trieben die “Berater” mit einem Interessenkonflikt den Schätzwert nach oben. Im Schnitt um $4. Sie können sich vorstellen, die “Gutachter” folgten den Empfehlungen und so schätzten diejenigen, die einen “Berater” mit Interessenskonflikt hatten, auch den Betrag höher.

Bis hierher lief alles wie erwartet. Um das Experiment spannend zu machen, teilten die beiden Forscher ihre “Berater” nochmals in zwei Gruppen auf. Die einen “Berater” verheimlichten ihren Interessenskonflikt, die anderen “Berater” mussten den “Gutachtern” sagen, dass sie mehr verdienen, wenn sie es schaffen, die Schätzung des “Gutachter” nach oben zu drücken.

Was ist passiert? Zwei Dinge. Die “Berater” ohne Transparenz drückten den Betrag wie vorher um $4 Dollar nach oben. Die “Berater” mit Transparenz um $8. Der transparente “Berater” legte seine Hemmungen ab. Nun wäre das nur halb so schlimm, wenn der “Gutachter” dafür richtig reagieren würde. Durchs Band unterschätzten die "Gutachter" jedoch die Dreistigkeit der "Berater". Sie dachten, der "Berater" ziehe sie nur mit 2 statt 8 Dollar über den Tisch. Transparenz hat die Situation verschlimmert.

Sobald ein “Gutachter” Transparenz herstellte, fühlte er sich weniger an moralische Verpflichtungen gehalten. Er schlägt dann hemmungsloser über die Stränge.

In diesem Kontext können Sie zum Beispiel die aktuelle Spionagediskussion betrachten. Egal wie viel man früher vermutete, erst jetzt fängt man das gesamte Spionage-Ausmass an zu verstehen. Aus einem vagen Verdacht wurde dank Snowdon Gewissheit. Er hat Transparenz geschaffen.

Geheimdienste werden versuchen, diese Situation zu ihren Gunsten zu nutzen. Sie werden ihre Taten verharmlosen, indem sie sagen “machen doch alle”. Sie werden versuchen neue Kompetenzen zu bekommen “wenn die Anderen dürfen, müssen wir doch auch” und sie werden fehlenden Widerstand der Bevölkerung als Freipass interpretieren, um ihre Grenzen noch weiter auszudehnen.

Mir Gefällt darum Daniel Vischers Erkenntnis

Jeder Geheimdienst der Welt versucht seine Befugnisse möglichst weit auszudehnen und überschreitet immer wieder die gesetzlichen Schranken. Je weiter diese gesetzt sind, desto weitergehend weitet er seine Befugnisse aus. Je enger jedoch die Grenzen gezogen werden, desto grösser ist der Druck auf den Geheimdienst, nur im äussersten Extremfall die gesetzlichen Grenzen zu missachten.

Das Büpf kommt zwar nicht aus dem Geheimdienst, ist aber ein weiterer Versuch der Strafverfolgungsbehörde an mehr Macht zu kommen. Wenn Sie zu jenen gehören, die dem Datenhunger staatlicher Behörden einen Riegel vorschieben wollen, dann setzen Sie ein Zeichen und unterschreiben Sie die Petition gegen das Büpf. Egal ob es angenommen wird oder nicht, wenn die Reaktion ganz ausbleibt, hat Snowden den Behörden eine riesige Türe geöffnet, um an den gläsernen Bürger ranzukommen.

Ihre Reaktion zählt.

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