Live Bericht einer türkischen Studentin die in Freiburg im Breisgau studiert. über ihre Erlebnis auf dem Taskim -Platz Text unverändert hier veröffentlicht

Am 13.06 sollte ich mich mit meiner Freundin um 18.25 in Kabatas treffen, wo es 15 Minuten zu Fuß nach Taksim-Platz und beziehungsweise Gezi-Park ist. Ich musste lange auf sie warten. Ich habe Menschen gesehen, mit Gasmasken und Helmen, die Ihre Blutgruppen mit Permanentstifte auf ihre Arme geschrieben hatten. Einige haben gelahmt. Ich habe auch Sirene gehört.

Erst nach ein paar Minuten hat meine Freundin mich angerufen und gesagt, dass es in Gezi-Park Polizeieingriff gibt. Natürlich sind wir dann nicht hingegangen, weil wir um unsere Leben Angst hatten. Wir haben von Fernseher geguckt, was da passiert. Natürlich gab es nichts auf türkischen Fernsehkanälen außer zwei, Ulusal Kanal und Halk Tv. Deswegen haben wir CNN International und Halk Tv gleichzeitig gesehen. In CNN International hat man ein Interview mit Ibrahim Kalin, Chefberater von Ministerpräsident Erdogan gemacht, wo Kalin alle Demonstranten „Randgruppen“ und „Provokaleuren“ genannt hat. Er hat den Brutalen Eingriff der Polizei dadurch gerechtfertigt, dass er behauptet hat, dass die Demonstranten mit Molotow-Cocktails in der Hand zu dem Istanbuler Büro von Ministerpräsident gelaufen sind und Tausende von Demonstranten „Vandale“ genannt, nur weil da ein Paar Menschen Provokaleuren waren. In Istanbul gab es Eingriff mit Wasserwerfer und Tränengas, in Ankara war es wie immer schlimmer, die Polizei hat Plastikkugeln benutzt.

Am nächsten Tag, gegen 11 Uhr sind wir auch zum Gezi-Park gegangen, um den Menschen dort zu helfen. Es war eine tolle Atmosphäre. Der Park war voll mit Zelter und Menschen. Es gab Menschen aus verschiedenen Hintergründen: LGBT, cArsi (Eine Organisation, die ursprünglich den Besiktas-Fans gehört, die aber sehr empfindlich ist über soziale Ereignisse. Sie sind mittlerweile ein Legend geworden wegen den Akten, die sie bei diesem Wiederstand gemacht haben.) , Feministen… Da waren so verschiede Menschen und sie haben alle glücklich und in Ruhe „gewohnt“. Und sie waren alle für diesen Park, gegen übermäßige Polizeigewalt und gegen das Verhalten des Erdogan, die sein eigenes Volk verachtet und die Wünsche des Volkes ignoriert hat. Dass das ganze türkische Volk eines Tages für einen Grund zusammenkommen kann, hat man in der Türkei nie erwartet und jeder, der in diesem Park war, war von dieser Harmonie bezaubert. Es gab ein Zelt für Kinder, wo sie malen und spielen konnten, ein Zelt, wo man Essen bekommt und auch noch eine Bibliothek. Und man musste für nichts zahlen. Jeder hat alles ehrenamtlich gemacht und die, die für den „Widerstand“ keine Zeit hatten, haben Lebensmittel, Zelt, Gasmasken, Medikamenten und viele andere Sachen spendiert für die Menschen, die diesen Park und seine Bäume adoptiert haben.
Wir haben den Müll geräumt und den Boden gekehrt. Mindestens fünf Leute haben uns „Frohes Schaffen“ gewünscht. Das klingt euch vielleicht normal, aber in Istanbul redet man sehr selten mit Menschen, die man nicht kennt. Aber in diesem Park waren alle sehr nett und respektvoll zueinander. Es war sogar wie eine kleine Kommune. Diese Leute haben gezeigt, dass man doch ohne Staat mit Harmonie und in Frieden leben kann.

Die Demonstranten sind anders als die vor 40 Jahren. Sie haben lustige Slogans, Lieder und sie bringen immer ihren Humor mit in Demonstrationen. Vielleicht weißt die Regierung deswegen nicht, was sie dagegen tun soll. Die Menschen da nehmen nichts ernst. Sie haben auch keine Angst vor Tränengas oder Wasserwerfer, solange sie alle zusammen sind. Weil sie wissen, dass sie immer in ein Treppenhaus fliehen können und dass es dann wieder gut wird.

Am nächsten Tag war ich dort mit meiner Mama, damit sie diese Atmosphäre auch sieht. Ich habe mich dort mit meiner Cousine getroffen, die seit einer Woche im Gezi-Park gezeltet und an dem vorherigen Abend trotz eine Menge Tränengas und vielen Wasserwerfern es geschafft hat, in ihrem Zelt zu bleiben.“ Die Polizei hat uns überhaupt nicht gewarnt“ hat sie gesagt. „Ich saß in meinem Zelt und plötzlich haben sie auf uns, in den Park Tränengas geschossen.“ Sie hat auch erzählt, dass keiner Gasmasken finden konnte, weil in dem Park in diesem Moment Chaos herrschte. (Randbemerkung: Genau an dem Tag hat der Istanbuler Mayor Mutlu gesagt, dass es keine Polizeieingriffe geben wird in Istanbul.)

Der Ministerpräsident und der Istanbuler Mayor haben mit einigen sogenannten Vertretern des Widerstandes und Künstlern Gespräche geführt, worüber wir uns alle Hoffnungen gemacht hatten. Das hat aber auch nichts gebracht.
Am 16.06 wollte ich mit einer Freundin, die an dem Tag an einem Musik- Festival den deutschen Kammerphilharmonie Bremen betreut hat, nach Taksim-Platz gegen dieses Verhalten der Regierung und der übermäßigen Polizeigewalt demonstrieren gehen. Sie musste wegen „Sicherheitsgründen“ in demselben Hotel wie die Künstler schlafen. Als ich das Haus verlassen habe, um nach Taksim zu gehen, haben die Polizeiangriffe wieder angefangen. (Die Polizei hat dieses Mal doch eine Durchsage gemacht, dass sie Demonstranten den Park verlassen sollen und dass sie sonst mit Gewalt entfernt werden.) Ich habe das letzte Schiff noch geschafft, die späteren waren storniert. Ein Schiff habe ich noch nie in meinem Leben so voll gesehen. Wir haben Slogans, Lieder gesungen über Demokratie, Liebe, Freiheit; gegen Gewalt, Tränengas, Unterdrückung… Als wir in Karaköy angekommen waren, waren natürlich alle Wege nach Taksim zu. Ich habe mich deswegen mit meiner Freundin getroffen und mit dem Bus, der zu diesem Musik-Festival gehört hat, haben wir zusammen zu ihrem Hotel in Taksim gefahren.

Wir waren in der Mitte von allem, konnten aber nur aus dem Fenster schauen, weil es unmöglich war, aus diesem Gebäude rauszugehen. Wir haben immer die Polizei gehört, als sie Tränengas geschossen haben. Wir haben auch gesehen, als ca. sieben Polizisten vier Demonstranten nachgelaufen sind, und dabei mindestens dreimal Tränengas geschossen haben.

Am nächsten Morgen um 7 Uhr wollte ich nach Hause fahren und habe das Hotel verlassen. Erst dann habe ich gesehen, was gestern Abend passiert ist. Der Gezi-Park wurde leer gemacht und die Zelte weggeräumt. Überall auf der Straße waren Tränengaskapseln. Es gab einen Wasserwerfer vor dem Divan Hotel, das als Erste Hilfe Zentrum benutzt wurde. Erst später habe ich erfahren, dass die Polizei in das Hotel gegangen ist und Tränengas auf Verletzte geschossen hat. Und mit Wasserwerfer haben sie auch den Verletzten eingegriffen, damit sie nicht in das Hotel gehen. Es gab immer noch Menschen morgens um 7 Uhr vor dem Hotel, die gegen diese Gewalt protestiert haben. Später habe ich auf Twitter und Facebook, was eigentlich wegen Medienzensur heutzutage unsere neue Nachrichtquelle geworden sind, die Videos von dieser Nacht gesehen und habe gedacht, dass wir damit eine gute Entscheidung getroffen haben, nicht rauszugehen.

Als ich zu Hause ankam, habe ich meiner Mama von allem berichtet, was ich gesehen und gehört habe. Sie hat sich auch genauso wie ich gefühlt über diese Brutalität und die Beschuldigungen der Staatsmänner, dass Demonstranten Vandale sind und dass sie die Polizei angegriffen haben. Deswegen sind meine Eltern, viele Freunde von ihnen und ich sind nach Besiktas protestieren gegangen. Mit der Menge wollten wir nach Taksim laufen. Es gab sehr viele Menschen, die voneinander als Hintergrund und Ideologie verschieden waren. Wieder haben wir gesungen, applaudiert, ein wenig getanzt. Die Mitbewohner der Gebäuden, von denen wir vorbeigelaufen sind waren alle am Fenster und haben uns unterstützt. Wir sind fast eine Stunde gelaufen. Danach, als wir in Nisantasi waren, hat die Menge gehalten. Wir waren an der Polizei-Barriere. Wir haben unseren lustigen Slogan über Tränengas gesungen, weil wir wussten, was gleich kommen wird. Wir hatten unsere Gasmasken dabei. Sie waren sehr billige Gasmasken, die eigentlich so gut wie gar nicht geholfen haben. Wir haben „WICK VapoRub“ auf die innere Seite unseren Gasmasken gerieben, damit, das Gas wenigstens „erfrischend“ ist. Wir hatten alle Schwimmerbrillen, damit unsere Augen weniger brennen. Manche hatten den „traditionellen Widerstandsmedikament“ für Tränengas dabei, was aus Wasser und Medikament gegen Magensäure besteht. Die Polizei hat die ersten drei Tränengas-Kapseln geschossen (Eine von diesen Kapseln ist in unsere Nähe gelandet und darauf stand „Nicht bei näher als 125 Meter benutzen“ und unser Abstand mit der Polizei war auf jeden Fall weniger.) und jeder hat irgendwohin gerannt. Ich, mit meinen Eltern und zwei Freunden von ihnen, bin in ein Treppenhaus von einem Gebäude gegangen, von dem die Mitbewohner die Tür für uns aufgelassen hatten. Es waren auch andere Menschen dort mit uns. Wir sind aber die Treppen hoch gegangen, weil die Polizei in das Gebäude Tränengas schießen konnte, falls sie uns sieht. Dann hat mein Vater gesagt, dass er nicht atmen kann. Er hatte auch keine Schwimmerbrillen dabei, um seine Augen zu schützen. Ein Mädchen, die auch da war, hat ihm ihr selbstgemachtes „Medikament“ angeboten. Es ging ihm dann viel besser. Alle hatten aber Angst, dass er in dem Moment einen Herzinfarkt bekommt, weil er schon vorher Probleme mit seinem Herz hatte. Nach einer Weile sind wir rausgegangen und eine sichere Straße gesucht. Da haben wir in einer Gasse Jungs gesehen, die in 15 Sekunden eine Barrikade gemacht haben. Wir sind hinter ihnen gelaufen und danach heimgefahren. Später an dem Tag habe ich erfahren, dass die Demonstranten in eine Moschee geflohen sind und dass die Polizei auch in den Garten der Moschee Tränengas geschossen hat.
Das, was wir erlebt haben, kann man nicht mit dem, was einige anderen Demonstranten erlebt haben vergleichen, weil wir immer sehr vorsichtig waren und die Polizei an diesem letzten Tag nicht so brutal war. Man kann so viele Videos und Bilder von Polizeigewalt im Internet finden und ich finde es einfach unfassbar, dass es in der Türkei immer noch Menschen gibt, die für die Polizei und die Regierung sind.

Es ist nicht nur die Polizei, die friedlichen Demonstranten angreift, sondern auch einige Zivilisten, die für die Regierungspartei sind.

Bei 25.06.13 gab es insgesamt 7681 Verletzte, 4 Tote, 2841 Internierungen, und 70 Verhafteten. (IHD- Organisation für Menschenrechte) Ein Demonstrant, Ethem Sarisülük) wurde von der Polizei am Kopf geschossen und der Polizist wurde nach dem ersten Gericht freigelassen, obwohl es Videos von diesem Moment gibt und man die Situation klar sieht. Das Gericht hat aber noch nicht beendet. Die Wasserwerfen benutzten Wasser mit Chemikalien, was zu Brennung und Errötung an der Haut verursachte. Es wurden mehr als 150.000 Tränengaskapseln geschossen, einige Demonstranten behaupten, dass es auch Agent Orange benutzt wurde, aber das ist noch nicht klar.

Und die Regierung redet immer noch, nach einem Monat von Widerstand, von Vandalismus, Randgruppen, Molotow- und wie viel Geld diese Demonstrationen ihnen gekostet haben. Und Erdogan versucht immer noch „sein Volk“ durch Religion zu manipulieren und benutzt in seinen Reden viel zu oft die Wörter „wir“ und „sie“.

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