Die Angst vor Einsamkeit

http://www.nzz.ch/aktuell/zuerich/stadt_region/vereinsamt-vergessen-verstorben-1.17565007

Die Angst vor Einsamkeit ist eine der häufigsten Problemgefühle überhaupt - was nicht immer offensichtlich ist. Wenn jemand beispielsweise befürchtet, aufgrund eines finanziellen Zusammenbruchs zum Sozialfall zu werden, steckt dahinter in den meisten Fällen nicht die Angst, nicht mehr genug zu essen oder kein Dach über den Kopf zu haben (na ja, nicht unbedingt bei uns in der Schweiz), sondern die Angst vor dem Ausschluss aus dem vertrauten sozialen Umfeld - man fürchtet dann zum Abschaum der Gesellschaft zu gehören und nicht mehr akzeptiert zu sein. In unserer Gesellschaft hat jeder Mensch - selbst wenn er ein absoluter Sonderling ist - die Möglichkeit, irgendwo Menschen zu finden, die zu ihm passen, und bei denen er akzeptiert wird.

Die einzige -jedoch leider reichlich genutzte - Möglichkeit, sich heutzutage einsam zu fühlen, ist eine künstliche Selbstisolierung, indem man sich entweder zuhause einigelt und praktisch den ganzen Tag online, ohne Unterbruch auf Facebook, Twitter und diversen Foren verbringt (kann sogar zur Droge werden, man will ja nichts verpassen) oder seine eigene Wahrnehmung so stark auf Einsamkeit ausrichtet, dass man blind wird für zahllose Kontaktmöglichkeiten, die das Leben bietet.

Viele gehen sogar soweit, dass sie die Geselligkeit weitest gehend auf eine Zweierbeziehung reduzieren und von ihrem Partner verlangen, alles Mögliche für sie zu sein, was in den meisten Fällen schnell zu Überforderung und damit zu Frustration oder Minderwertigkeitskomplexen führt. Kein Mensch kann alles können.

Ganz ohne sozialen Kontakt gelingt es allerdings kaum jemandem, glücklich zu sein - ein erleuchteter Meister, der sich zutiefst mit dem gesamten Universum verbunden fühlt, kann auch als Einsiedler im Himalaja ein glückliches Leben führen, für alle "normalen" Menschen empfiehlt sich jedoch eher ein gesunder Mix an sozialen und anderen Verbundenheiten.

Was passiert, wenn zwei Menschen nebeneinandersitzen (sodass sie sich einen grossen Teil ihrer selbst gemachten Realität "teilen" müssen), und einer von ihnen stellt sein Bewusstsein auf Regenwetter ein, der andere hingegen "bestellt" strahlenden Sonnenschein? Was für eine Realität erleben die beiden, wenn sie doch jedem von ihnen seine Bewusstseinsausrichtung widerspiegeln muss?

Wäre eine der beiden Personen spirituell extrem weit entwickelt, sodass sie sich ihrer schöpferischen Macht voll bewusst - und damit weitgehend unabhängig vom gemeinsamen Realitätsrahmen - wäre, so könnte sich das Dilemma dadurch auflösen, dass tatsächlich beide verschiedene Realitäten erleben - was vermutlich zur Folge hätte, dass der "Mensch" mit dem weniger flexiblen Bewusstsein, der gerade strömenden Regen erlebt, den anderen für verrückt halten würde, sofern dieser ihm erzählen würde, wie sehr er die wärmende Sonne geniesst.

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