Radikaler als die Juso

Die Juso möchte die Löhne auf 1:12 begrenzen. Sie fordert die “Demokratisierung” der Wirtschaft, ohne konkrete zu sagen wie, und wünscht eine stärkere Stellung der Gewerkschaften. Ich bin Radikaler und erwarte schon lange, dass die Wissensarbeiter von heute "ihre" Firmen “übernehmen”.

Längst hat “das Kapital“ seine Bedeutung verloren. Heute braucht es keine teuren Maschinen mehr, um ein Geschäft zu starten. Oft genügt eine clevere Idee, die richtigen Leute und schon steht dem Schritt zum eigenen Unternehmen nichts mehr im Weg. “Das Kapital” sucht händeringend nach Möglichkeiten, bei welcher Firma es sich anbieten kann. Die Machtverhältnisse haben gekehrt. Vielen Startups und IT-Unternehmen ist es wichtiger, gute Leute zu finden, als ein paar Franken zu holen, um zu starten oder zu wachsen.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Firma Namics. Entstanden aus der Universität St.Gallen, hat die Internetfirma früh in einem Partnermodell wichtige Kunden in der Schweiz gefunden und wuchs zu einer der grössten Schweizer Internetfirmen heran. Kurz vor der grossen New Economy Krise verkaufte sich das Unternehmen an die Publigroupe. Ob Zufall oder geplant, es war ein cleverer Schachzug. So hatte die Firma in jener Phase, als es hart auf hart ging, einen potenten Kapitalgeber im Rücken (nicht immer ist Kapital schlecht ;-). Nach der Krise entwickelte sich das Unternehmen bodenständig weiter. Mit 370 Mitarbeitern und 51 Millionen Franken Umsatz ist der Umsatz pro Mitarbeiter nicht berauschend hoch, aber anständig. So anständig, dass sich die Firma letztes Jahr wieder selbst zurückkaufte, und zwar an 22 Partner, die selbst in der Namics mitarbeiten. Das Unternehmen ist keine Genossenschaft, aber bindet seine Mitarbeiter stark ein. Vor wenigen Tagen baute Namics die Partnerschaft aus und erweiterte die Beteiligung auf neu 26 operativ tätige Mitarbeiter.

Dieser Schritt könnte an vielen Orten mehr passieren. Es würde mich nicht überraschen, wenn eines Tages in einem Grossunternehmen die Mitarbeiter keine Gewerkschaften fordern, sondern mitbestimmen wollen, wohin die Strategie geht und wer CEO wird. Warum sollten in einer Bank, einer Fluggesellschaft oder einem Elektronikhersteller die Mitarbeiter nicht fordern, dass sie eigene Verwaltungsräte stellen dürfen oder gar mit dem Kapital gemeinsam den CEO bestimmen? Vielleicht wird die Schweiz eines Tages ein Vorbild, wie eine Grossfirma aufgestellt wird. Ein Kapital-Verwaltungsrat (Ständerat), ein Mitarbeiter-Verwaltungsrat (Nationalrat), die gemeinsam die Geschäftsleitung (Bundesrat) bestimmen. Von mir aus kann man auch gleich die Volkswahl des Bundesrates fordern, also alle Mitarbeiter bestimmen die Geschäftsleitung.

Verwegen? Vielleicht. Aber wenn die Mitarbeiter von heute Mitbestimmung verlangen und diese weiter geht, als gewerkschaftliche Forderungen, also die Mitarbeiter Verantwortung übernehmen, dann kann dies tatsächlich ein Schritt in eine demokratisierte Unternehmenswelt werden.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es einige Chefs gibt, die Beteiligungsmodellen offener gegenüberstehen, als gemeinhin angenommen. Auch besonders in einer Zeit wo viele KMUs mit der Firmennachfolge kämpfen oder neue Startups entstehen. Bei uns im Surfcamp haben wir zum Beispiel unseren ersten Angestellten ebenfalls beteiligt. Eine Demokratisierung der Wirtschaft wird nur funktionieren, wenn die Mitarbeiter sie nicht nur fordern, sondern auch bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Ich persönlich finde dies eine spannende Entwicklung.
Radikaler als die Juso ;-)

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