Grundversicherung: Die Menge macht die Kosten

Die Kostenzunahme in der Grundversicherung ist in erster Linie die Folge der Mengenausweitung – vor allem im spitalambulanten Bereich und bei den Spezialärzten. Dies ist das Schlüsselergebnis einer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur, welche im April präsentiert wurde. Die von santésuisse in Auftrag gegebene Studie analysierte erstmalig die Entwicklung der Mengen und Preis in den Kantonen von 2004 bis 2010.

Die Studie von Professer Reto Schleiniger von der ZHAW beweist, dass die Anstrengungen der Krankenversicherer, die Tarife im Gesundheitswesen tief zu halten, notwendig sind und Wirkung zeigen. Entscheidend für den steten Anstieg der Gesundheitskosten hat allerdings das ungebremste Mengenwachstum. Mit der Zunahme der in einem Kanton tätigen Spezialärzte und mit dem Wachstum des spitalambulanten Bereichs werden über die Zeit auch mehr Leistungen beansprucht. Die Studie der Zürcher Hochschule bestätigt damit die These, dass im Gesundheitsmarkt das Angebot die Menge der Leistungen bestimmt.

Starke Unterschiede bei kantonalen Kosten
Die Studie zeigt auch, dass die grossen Kostenunterschiede zwischen den Kantonen strukturell bedingt sind. Dies gilt sowohl für das Preisniveau als auch für die Menge der Leistungen. Die Mengenunterschiede sind insgesamt der wichtigste Faktor für die Unterschiede bei den Gesamtkosten. Deshalb wären Prämiengrossregionen – deren Einführung die Einheitskassen-Initiative fordert – zutiefst ungerecht. Prämienzahlende in kostengünstigen ländlichen Gegenden müssten sonst die grössere Mengenausweitung und die höheren Preise in städtischen Gegenden mitfinanzieren. Dies würde falsche Anreize schaffen.

Bessere Anreize statt politischer Nonsens
Mit der Einheitskasse würde auch das einzige funktionierende Regulativ geopfert werden – nämlich die kostendämpfenden Tarif- und Preisverhandlungen der Krankenversicherer. Im Einheitskassen-Konstrukt der SP sollen ja mit Kantonen und Leistungserbringern genau jene Player Leitungsgremium der staatlichen Einheitskasse sitzen, bei welchen aufgrund ihrer Zielkonflikte gar nicht möglichst günstige Tarife bzw. kleine Mengen im Vordergrund stehen können. Während es heute dank des Gegendrucks von Krankenversicherern bei Tarif- & Preisverhandlungen mit den Leistungserbringern gelingt, die Preise für die medizinische Leistung im Griff zu halten, gibt es bei der Menge bislang keine funktionierende Eindämmung für den Konsum der Medizin. Vordringliches Problem sind hier die unnötigen Leistungen, die im angebotsgesteuerten Markt beträchtliche Volumen zulasten der Prämienzahler ausmachen. Die Mengenausweitung ist daher weitgehend für Kosten- und Prämienanstieg verantwortlich. Die Annahme der Einheitskassen-Initiative würde den blauen Containment-Ring (siehe Abbildung) der Krankenversicherer zerschlagen und so zu einem dramatischen Anstieg der Kosten führen. Früher oder später wäre die Einheitskasse gezwungen im Bereich der Leistungen zu Rationierungsmassnahmen zu greifen. Ein politischer Nonsens ohne Gleichen. Sinnvoller wäre es bessere Anreize zu prüfen. santésuisse hält beispielsweise unterschiedliche Tarife für prüfenswert: tiefere Tarife in überversorgten Gebieten und etwas höhere bei Unterversorgung. Die gesamte Studie kann unter santesu.is/seke9 abgerufen werden.

Mehr zum Thema findet sich im Artikel Gesundheits-Grafiken von Monsieur Santé (1): Menge vor Preis

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