Wie viele Einwohner dürfen es denn sein?

Verfolgt man die Diskussionen zur Ventilklausel, zur Initiative gegen Masseneinwanderung der SVP, oder zur Initiative Stopp der Überbevölkerung der Ecopop, kann in den kontroversen Argumentationen dafür oder dagegen vor allem Ideologie heraus gelesen werden. Die Gegner jeglicher Einschränkungen argumentieren mit der drohenden EU, mit dem Zerfall der Wirtschaft, mit hohen Arbeitslosenzahlen. Und die Befürworter erörtern die Interessenlage mit der abnehmenden Bewegungsfreiheit, mit steigenden Preisen bei den Immobilien, mit den überfüllten Verkehrswegen, oder mit dem steigenden Energieproblem.

In diesem Artikel geht es nicht darum, diese kontroverse Diskussion weiterzuführen, sondern die Frage in den Raum zu werfen, wie viele Einwohner für dieses Land eigentlich vertretbar sind. Autoren äusserten sich, dass im Grunde die gesamte Schweizer Bevölkerung im Kanton Glarus Platz hätte, und die Weltbevölkerung in Frankreich. Andere Schreiber argumentieren, dass wohl bei strenger Platzregelung alle Einwohner des Landes in Glarus Platz finden würden, doch damit wäre die Frage der Lebensqualität nicht gelöst. Die verbliebene Industrie kann man nicht auch noch in die Wohnsilos hineinpferchen, geschweige denn die Dienstleister. Somit wird man auch mit dem stark komprimierten Bauen das Problem des Pendelns nicht lösen. Der Londoner Bürger pendelt täglich im Schnitt 45 Minuten bis zum Arbeitsplatz, in Tokio sind es noch mehr.

Die Regelungen zur Personenfreizügigkeit legen fest, dass jede und jeder neu Sesshafte einen Arbeitsplatz nachweisen muss. Diese Klausel verhindert, dass von Beginn weg die Menschen unsere Arbeitslosenversicherung aushöhlen, und garantiert gleichzeitig, dass die Wirtschaft wachsen kann. Das SECO veröffentlichte jedoch eine Übersicht der Arbeitslosenquoten bei den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Wie das mit Bundesbern eben so ist, stammen die neusten Zahlen vom Januar 2011, und basieren aufgrund der Erwerbstätigen der Volkszählung des Jahres 2000. Die Tendenz ist jedoch klar.

Zwar waren vorletztes Jahr gesamthaft nur 3.8% Arbeitslose gemeldet, allerdings waren davon nur 2.7% der Schweizerinnen und Schweizer arbeitslos, bei den Ausländern waren es 7.6%. Die höchste Gruppe der Erwerbslosen war die Bevölkerung aus dem Westbalkan mit einem Anteil von 8.3%, dicht gefolgt von den Portugiesen mit einer Quote von 8.1%. Die Quote der Deutschen lag genau auf dem Landesdurchschnitt, und die Bürger der EFTA Staaten lagen sogar nur bei einer Quote von 2.6%.

Dazu folgende Thesen:

  • Das Wirtschaftwachstum ist in Wirklichkeit eine Blase der Binnenwirtschaft. Die enormen Beschäftigungsraten werden in erster Linie durch die Zuwanderer selbst ausgelöst, weil 80‘000 Menschen mehr pro Jahr in der Schweiz auch wohnen, fahren und essen wollen. Der „Hammer“ kommt postwendend, wenn die Zuwanderung begrenzt wird. Die einzige Möglichkeit dies zu verhindern, ist ein unbeschränktes Wachstum bis zum Himmel und darüber hinaus, ganz im Sinne eines Schneeballsystems.
  • Das Energiekonzept des Bundes für 2050 berücksichtigt aber diese 800‘000 Zuwanderer in jeweils 10 Jahren nicht. Ohne neue Grosskraftwerke (Gaskombi, Kohle – oder Atomkraft) lassen sich die zusätzlichen Bedürfnisse gar nicht decken. Ausserdem werden Neubauten mit Wärmepumpen ausgerüstet, welche zwar kein Heizöl mehr verbrennen, dafür aber Strom verbrauchen. In einem EFH Haushalt sind dies bis zu 2‘500 kWh pro Jahr Mehrverbrauch.
  • Die Verkehrswege werden noch ausgebaut, jedoch nicht in der Geschwindigkeit, welche dies die Einwanderung vorgibt. Der Verkehr kollabiert, und tägliche Verspätungen am Arbeitsplatz kosten Milliarden an Produktivität.
  • Unser Schulsystem gerät an seine Grenzen, weil die Kinder der Einwanderer noch zu wenig Deutsch, Französisch oder Italienisch sprechen.

Vor einigen Tagen veröffentlichte das Schweizer Fernsehen, dass am 31.12.2012 in unserem Land 8‘013‘996 Menschen lebten. Vor 83 Jahren waren es gem. BfS gerade einmal 3‘645‘700 Personen, wobei der grösste Anstieg der Bevölkerung in den Jahren zwischen 1950 – 1970 mit jährlich durchschnittlich 1.4% stattfand. Erst die Begrenzung der Einwanderung in den Jahren zwischen 1970 und 1980 reduzierte die relative Wachstumsziffer auf 0.15%.

Lukas Bühlmann, Direktor der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung, äusserte sich hier, dass es in der Schweiz Platz für 10 Millionen Einwohner gäbe. SRF schrieb am 19.12.2012 davon, dass bis 2060 die 11 Millionen Grenze erreicht würde. Darin eingebettet ein interessantes Interview mit dem Bevölkerungssoziologen François Höpfliger.

Um dieses Wachstum aufzufangen und die Lebensqualität aufrecht zu erhalten, müssen Anstrengungen unternommen werden. Sozialpolitische, strukturelle, verkehrspolitische und nicht zuletzt ökologische Massnahmen. Ob wir allerdings mental bereit sind, eine so grosse Gemeinschaft zu werden, bezweifelt zumindest der Bevölkerungssoziologe François Höpfliger. Ein Problem sieht Höpfliger im Graben zwischen unserer Selbstwahrnehmung und der Realität. «Wir sehen uns als ländliche Gesellschaft, das heisst, wir haben einen nostalgischen Rückblick auf eine Schweiz, die es gar nie gab und gleichzeitig haben wir Mühe mit Urbanität», sagt Höpfliger in der «Tagesschau». Damit der Soziale Friede dem Wachstum standhält, müssen wir vor allem unseren gemeinsamen Raum sinnvoll strukturieren. Nur wenn es uns laut Höpfliger gelingt, mit einer «gezielten Strategie der Durchmischung» die Bildung von einkommensabhängigen Gettos zu verhindern, können 11 Millionen Menschen in der Schweiz gut zusammenleben. Für ebenso wichtig hält Höpfliger aber die Disziplin. Wir benötigten eine Struktur, die mit Unterschieden umgehen könne, sagt der Soziologe. Und dies bedinge, dass wir lernen würden unsere Aggressionen im Zaum zu halten. Überdies müsse aber auch in der Wohnungspolitik auf das Wachstum reagiert werden. «Denkbare Modelle kommen zurzeit in Singapur und London zur Anwendung. Reiche und weniger begüterte teilen sich die gleichen Quartiere. Und sie lernen sich bei öffentlichen Mittagstischen und Quartierveranstaltungen gegenseitig kennen», erklärt Höpfliger.

Das führt aber dann automatisch zur Frage, was wir tun, wenn diese 11 Millionen Einwohner erreicht sind. Künden wir dann die PFZ, oder lassen wir uns erklären, wie wir in unserem schmalen Landstreifen zwischen Jura und Alpenkette auch 22 Millionen einquartieren können, nur weil ein internationales Vertragswerk unsere Mitentscheidungsrechte beraubt hat?

Deshalb meine Frage an Sie: Wie viele Einwohner haben Platz in unserem Land, und wie stellen Sie sich die Konsequenzen vor?

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