Wir sind was wir erinnern. Zur Aufarbeitung des Kapitels der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen

Die Schweiz ist wirklich kein Land in dem die Aufarbeitung der eigenen Geschichte sehr populär ist. Die mehr als zweifelhafte Rolle der Schweiz im zweiten Weltkrieg, die Unterstützung des Franco-Regimes in Spanien (die Schweiz war z.B. zweiter Staat weltweit die die Putschregierung des Diktators anerkannte) oder die wirtschaftliche Kooperation sind nur einige der Fälle in denen die Schweiz in der Vergangenheit ihrem humanistischen Anspruch nicht gerecht wurde und über die heute kaum jemand so richtig reden will.

So ist es auch nicht sehr erstaunlich, dass die juristische und symbolische Aufarbeitung von begangenem Unrecht immer wieder verschleppt wird und meist erst stattfindet, wenn der Grossteil der Opfer bereits tot ist - so geschehen im Fall der Rehabilitierung der Spanienkämpfer 2009 als von den ursprünglich 800 Freiwilligen noch 20 lebten.

Ohne diese Form der Aufarbeitung leben mussten mehrere Tausend heute noch lebende Opfer sogenannter "fürsorgerischer Zwangsmassnahmen" - bis heute: Unter der Ägide der Justizministerin Sommaruga - keine Angst das soll kein Lobgesang auf die Könizer Klavierlehrerin werden, dafür passt sie mir in Wirtschaftsfragen zu wenig ;) - wurden Massnahmen ergriffen, die es möglich machen, dass heute erstmalig ein Gedenkanlass für die Opfer stattfinden wird.

Die Durchführung eines Anlasses um den Opfern der perfiden Formen von Zwangsmassnahmen zu gedenken, deren Lebenstil nicht in das bürgerlich-spiessige Weltbild der Schweiz passte ist elementar. Die viel zu häufig portierte Vorstellung einer Schweiz, die sich in ihrer Geschichte stets vorbildlich verhalten hat ist ein Hohn für Betroffene und schädlich für den Umgang kommender Generationen mit eigener Identität und dem Verantwortungsgefühl der eigenen Geschichte gegenüber.

Doch noch kurz zu den "fürsorgerischen Zwangsmassnahmen" an sich: Bis ins Jahr 1981 wurden Kinder von ihren Familien weggerissen, wenn diese nicht dem konservativen Wertebild der damaligen Schweiz entsprachen. Mütter die ihre Sexualität auslebten waren davon ebenso betroffen wie Jenische, an denen -und da kann man keinen anderen Begriff finden - ein Ethnozid, also ein kultureller Völkermord begangen wurde. Die Kinder, die in Heime gesteckt wurden oder als Verdingkinder schuften mussten, waren oft Opfer von Missbrauch und schwersten Misshandlungen. Vergangene Versuche das Unrecht wieder zu einem Teil gut zu machen, wurden in den Parlamenten, allen voran von den Bürgerlichen, abgeschmettert. Zu unangenehm war der Umgang mit den Kapiteln der Schweizer Geschichte, die nicht von gewonnen Schlachten im Mittelalter und dem Reduit handelten. Besonders hervor tat sich ein gewisser Bundesrat Blocher, der es nicht einmal für nötig hielt die Schuld der Schweiz einzugestehen, da dann eine Lawine von Schadensersatzforderungen folgen würde.

Es ist klar, dass die absolute Mehrheit der heute lebenden SchweizerInnen in keinster Weiser Schuld sind, an dem, was in diesem Land bis vor 40 Jahren geschehen ist, doch nicht einzugestehen, dass dies ein Teil der Schweizer Geschichte ist, weil man sich derart mit diesem Land identifiziert, dass man nicht zulassen kann, dass er vielen unsägliches Leid brachte, ist reinster Chauvinismus. Es ist an der Zeit, dass wir beginnen einen verantwortungsvollen Umgang mit unserer Geschichte zu leben um nicht weiterhin die alleinerziehenden Mütter, die Jenischen, die Verdingkinder und alle anderen Opfer jener Politik damit verhöhnen, dass wir so tun als wäre ihnen nichts widerfahren.

Die historische Aufarbeitung von Unrecht, dass vielleicht von unseren Grosseltern oder deren Eltern begangen wurde, ist unangenehm aber es ist notwendig

denn wir sind, was wir erinnern.

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