Eine kritische Auseinandersetzung mit der 1:12 Initiative

Obwohl die 1:12 Initiative der JUSO’s erst im Herbst 2013 zur Abstimmung gelangt, ist sie praktisch im Wochentakt in den Schlagzeilen. Einerseits verstehen es die JUSO’s wie keine andere Partei die mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, auf der anderen Seite spielen ihnen die unzähligen Schlagzeilen um hohe Manager Vergütungen natürlich in die Hände.

Was bis jetzt aber gänzlich fehlt, ist die kritische Auseinandersetzung mit der Initiative. Entweder man ist voll dafür („Recht so, es ist eine Frechheit wenn diese Manager so viel verdienen!“) oder voll dagegen („Diese Initiative bedroht unseren Werkplatz Schweiz, viele Firmen werden abwandern und somit werden 10‘000 Arbeitsplätze vernichtet“). Eine differenzierte Meinung, welche die Initiative kritisch, aber fair begutachtet, ist leider Mangelware.

Deshalb werden an dieser Stelle die Argumente der JUSO’s, welche der offiziellen Kampagnenseite entnommen wurden, entsprechend begutachtet. Der Transparenz wegen möchte ich gleich zu Beginn klarmachen, dass ich zwar in einem grossen Finanzbetrieb arbeite, dies aber meine abschliessende Meinung nicht beeinflusst.

Argument 1: „Die 1:12-Initiative schafft gerechte Löhne.“
Text JUSO: „Die 1:12-Initiative will, dass niemand in einem Jahr weniger verdient als der bestbezahlte Manager im gleichen Unternehmen in einem Monat. Sie will deshalb in der Verfassung verankern, dass der tiefste Lohn in einem Unternehmen nicht mehr als zwölf Mal tiefer als der höchste sein darf. Dadurch wird verhindert, dass sich Abzocker-Manager immer mehr vom Kuchen unter den Nagel reissen und allen anderen Mitarbeiter/innen nur Brosamen bleiben. Mit der 1:12-Initiative werden den Manager-Gehältern Schranken gesetzt, damit die Löhne aller wieder steigen.“

Man könnte meinen, jedes Schweizer Unternehmen würde von einem Vasella oder Co. geführt, werden doch die „Lohnskandale“ der grössten Schweizer Firmen praktisch auf die gesamte Branche gespiegelt. Dies ist mitnichten so. Nehmen wir die Pharmabranche: Gemäss Bundesamt für Statistik beträgt der Medianlohn eines Topmanagers in dieser Branche 43'163 Franken pro Monat, macht also im Jahr 517‘956 Franken, also knapp eine halbe Million.

Wichtig ist an dieser Stelle die Definition des Medianlohns: Während die JUSO und auch die UNIA gerne mit dem Durchschnittslohn argumentieren, also alle Löhne zusammengezählt geteilt durch die Anzahl Top Manager, misst der Medianlohn die häufigste Verteilung um einen Lohnwert herum. Ein Jahresmedianlohn von 500‘000 CHF bedeutet also, dass der grosse Anteil Top-Manager um die 500‘000 CHF verdient. Statistische Ausreisse, welche vielleicht 5 Millionen verdienen, verfälschen eine Berechnung auf dem Durchschnittswert massiv. Beispiel: Wenn zehn Personen 500‘000 CHF verdienen und jemand 5 Millionen, ergibt das ein Durchschnittswert von knapp einer Million CHF, was nicht den Tatsachen entspricht.

Praktisch identische Zahlen wie Pharma- weist die Versicherungsbranche (Jahresmedianlohn von 488‘496 CHF), die Finanzbranche (Jahresmedianlohn von 506‘760 CHF) und als Spitzenreiter die Tabakbranche mit einem Jahresmedianlohn von 555‘780.

Die Medianjahreslöhne für die „normalen“ Angestellten verteilen sich in den oben genannten Branchen wie folgt: In der Pharmabranche beträgt dieser 107‘292 CHF, in der Versicherungsbranche 124‘128 CHF, in der Finanzbranche 155‘688 CHF und in der Tabakbranche 100‘104 CHF. Die Lohnverteilung sieht für die Branchen wie folgt aus: Pharma- 1:4.8, Versicherung- 1:3.9, Finanz- 1:3.25 und die Tabakbranche 1:5.55.

Vergleicht man also die Medianlöhne miteinander, muss man feststellen, dass die 1:12 Initiative bereits überall mehr als erfüllt wird. Für ein paar Dutzend Top-Manager Löhne, welche in der Tat überrissene Bezüge kassieren, nun ein solches Gesetz zu verlangen, erscheint mir fragwürdig. Zudem hat das Schweizer Volk in diesem Frühjahr die Initiative gegen die Abzockerei angenommen, welche den Aktionärinnen und Aktionären ein entsprechendes Instrument in die Hand gibt, die Löhne der Top-Manager zu beurteilen. Doch dazu später noch mehr.

Nun wird auch oft argumentiert, dass die Personen, welche die niedrigsten Löhne in der Firma kassieren, im Verhältnis zu den Top-Managern regelrecht ausgebeutet werden. Dies stimmt, bezogen auf die Durchschnittslöhne. Ich mache an dieser Stelle keine weiteren Vergleiche mit dem Medianlohn, sondern stelle vielmehr die Frage in den Raum: Was bringt es dem Niedriglohnpersonal konkret, wenn der oberste Chef nur noch ein zwölffaches verdienen darf als er? Nehmen wir einen Niedriglohn von 3‘500 CHF. Gemäss 1:12 dürfte der oberste Lohn in dieser Firma noch knapp eine halbe Million Franken betragen. Dies reicht aber nach wie vor zum Leben und gehen wir mal davon aus, dass die findigen Firmenchefs das einte oder andere Schlupfloch finden werden, um sich trotzdem noch anderweitige Bezüge auszahlen zu lassen, dem einfachen Arbeiter hat die Initiative so nichts gebracht. Bedenken wir zudem, dass 95 % der Schweizerinnen und Schweizer in einem KMU angestellt sind, in welchen die Chefs niemals so hohe Löhne erhalten, die einfachen Angestellten aber sehr häufig mit niedrigsten Löhnen ausgebeutet werden. Und bei den grossen Firmen ist es auch zumindest mit Vorsicht zu geniessen ob die eingesparten Millionensaläre nicht in der Firma behalten oder den Aktionärinnen und Aktionäre ausbezahlt werden.

Stattdessen wäre es von grosser Wichtigkeit, die Kräfte auf die Mindestlohninitiative zu bündeln, welche dem Niedriglohnpersonal einen echten Mehrwert bieten könnte. So wäre zumindest halbwegs gesichert, dass auch die Angestellten in der untersten Hierarchiestufe nicht ausgenutzt werden und nicht mehr jeden Rappen dreimal umdrehen müssen.

Relativ wenig würde es auch dem Wohnmarkt bringen. Einfache Angestellt können sich auch nach der 1:12 Initiative keine 4-Zimmer Wohnung in Zürich leisten, würde ihnen aber einen anständigen Mindestlohn garantiert, wäre dies theoretisch wieder machbar.

Wir müssen daher dafür sorgen, dass die Kaufkraft der unteren Schicht sinnvoll gestärkt wird. Dies erreichen wir nicht, indem wir die oberen Saläre kappen, sondern gezielt die unteren Saläre nach oben bringen. Nur damit erreichen wir nachhaltig gerechte Löhne.

2. Argument: „Die 1:12-Initiative stoppt Abzocker.“
Text JUSO: „Trotz der Krise: Die Abzocker-Manager zahlen sich unverschämte Saläre und Millionen-Boni aus. Im Schnitt verdient ein Manager heute 4 Millionen oder 56 Mal mal mehr als ein/e normale/r Schweizer Arbeitnehmer/in! Dafür gehen sie erneut unverantwortliche Risiken ein, für die wir dann mit tieferen Löhnen, unseren Jobs oder unseren Steuern gerade stehen müssen. Die 1:12-Initiative schiebt hier einen Riegel.“

Die ganze Geschichte mit dem Durchschnittslohn haben wir bereits in Argument 1 widerlegt, deshalb lassen wir das hier aus. Demnach unterscheidet sich das zweite Argument praktisch kaum vom zweiten. Zudem verbietet die angenommene Initiative gegen die Abzockerei nun ausdrücklich, dass ein Geschäftsleitungsmitglied Einsitz im Vergütungsausschuss nehmen darf.

Für das Argument „mit unseren Steuern gerade stehen“ möchte ich noch kurz das Beispiel der ZKB ausführen: Die ZKB ist ja bekanntlich eine Kantonalbank und geniesst Staatsgarantie. Ihr ursprünglicher Auftrag, die regionalen Unternehmer und Privatkunden zu fairen Preisen zu bedienen, erfüllt sie nach wie vor, hat ihr Standbein zum Beispiel im volatilen Handelsgeschäft extrem ausgebaut und generiert heute damit 379 Millionen CHF, also fast ein Fünftel des gesamten Geschäftsertrags. Die Bilanzsumme beläuft sich mittlerweile auf 150 Milliarden CHF.

Bei einem (theoretischen) Ausfall der ZKB müsste der Kanton Zürich und die von den JUSO’s angesprochenen Steuerzahle gerade stehen. Nur beträgt das gesamte BIP des Kantons Zürich knapp 130 Milliarden CHF und die Steuererträge im letzten Steuerjahr lagen bei 6 Milliarden CHF. Da müsste der Kanton also ziemlich tief in die Tasche greifen, bzw. es wäre gar nicht möglich die ZKB aus Kantonshand zu retten.

Positiv anzumerken ist an dieser Stelle aber, dass sich die JUSO für eine (aus ihrer Sicht) ethischere und demokratischere ZKB engagieren möchte (siehe Positionspapier unter Quellen).

3. Argument: „Die 1:12-Initiative lässt das Volk über die Spielregeln entscheiden.“
Text JUSO: „Heute entscheiden die Abzocker alleine über die Löhne – und berücksichtigen dabei nur ihr eigenes Portemonnaie. Alle anderen müssen taten los zu sehen und die Folgen ausbaden. Das ändert die 1:12-Initiative. Sie gibt dem Volk wieder das letzte Wort, um für faire Spielregeln zu sorgen.“

Dieses Argument beinhaltet eine fundamentale Ansichtsweise der Wirtschaft. Während die JUSO davon ausgeht, dass jede Firma, jeder Top-Manager und dessen Lohne ein Allgemeingut der ganzen Schweizer Bevölkerung ist, halte ich es mit dem guten alten Stakeholder Modell.

Ich bin der Meinung, dass eine privatwirtschaftlich organisierte Unternehmung mehrere Stakeholder hat, welche allesamt ihre Daseinsberechtigung haben. In ihrer Vollständigkeit wären dies: der Staat, die Lieferanten, das Management, die Bevölkerung, die Umwelt, die Eigentümer, die Mitarbeitenden und die Kunden.

Über die Wichtigkeit und die Reihenfolge der einzelnen Stakeholder liesse sich nun ellenlang diskutieren. Deshalb halte ich es einfach: Der Eigentümer hat mit der Annahme der Volksinitiative gegen die Abzockerei ein wichtiges Instrument, um bei börsenkotierten Firmen gegen überrissene Manager Löhne zu kappen, erhalten.

Dies war für mich essentiell, denn schlussendlich investieren die Aktionäre ihr Geld in die Unternehmungen und erwarten natürlich eine entsprechende Rendite (dies ist aus meiner Sicht absolut in Ordnung). Die Mitarbeitenden hingegen haben bei der Lohnsumme wenig mit zu reden, vor allem im Niedriglohnbereich. Deshalb wäre es für mich auch hier sinnvoller, die unteren Löhne per Mindestlohninitiative zu stärken.

Die Bevölkerung und der Staat sind natürlich auch wichtige Stakeholder. Den unmittelbaren Schaden der Volkswirtschaften rein durch hohe Lohnsummen erleidet zu beziffern ist extrem schwierig. Für mich gibt es da keinen Zusammenhang und es ist mir auch keine wissenschaftliche Studie bekannt, welche diese Behauptung der JUSO unterstützt.

Für das Risiko, welche die Top-Manager eingehen, müssen sie aber vor allem gegenüber diesen Stakeholdern Rechenschaft ablegen und das ist auch gut so. Dass dies in den letzten Jahren, vor allem in der Finanzbranche, mehr schlecht als recht geklappt hat, hat der Staat erkannt und mit der Too big to fail Vorlage einen wichtigen Eckpfeile in der Finanzbranche eingeschlagen. So werden systemrelevante Banken gezwungen in einigen Jahren gezwungen, mindestens 19 % ihrer risikogewichteten Aktiven als Eigenmittel zu halten.

Dies schenkt ein und ist es bereits jetzt zu beobachten, dass es unmittelbare Konsequenzen auf die Mitarbeitenden hat. Entlassungswellen gab es und es werden noch mehrere folgen, bis auch die Top-Manager begriffen haben, dass es nicht reicht die Lohnsumme der Mitarbeitenden einzusparen, weil ohne Personal eine Bank bald Konkurs geht. Bevor dies geschieht, werden die meisten wohl auch einen Teil ihres Top-Gehalts opfern.

Alles in allem setzt die 1:12 Initiative für mich am falschen Ort an. Würden diese kleine Zahl von Top-Manager, welche die Initiative direkt betrifft, weniger verdienen, so würde es für den einfachen Arbeitnehmer wenig ändern und er hätte stets noch die gleichen Sorgen. Zudem möchte ich an dieser Stelle die Steuerausfälle dieser Top-Manager nicht auch noch auf bringen, das wäre zu einfach und wir wollten ja eine kritische, aber faire Auseinandersetzung.

Mit einer Mindestlohnvorlage, sowie mit der Erbschaftssteuer- und Grundeinkommen Initiative haben wir eine echte Chance, die Schweiz nachhaltig sozialer und gerechter zu gestalten.

Quellen:

http://www.zkb.ch/etc/ml/repository/prospekte_und_broschueren/corporate/geschaeftsbericht/220745_geschaeftsbericht_2012_pdf.File.pdf

http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/03/04/blank/key/lohnstruktur/kaderloehne.html

http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/03/04/blank/key/lohnstruktur/nach_branche.html

http://1-12.ch/#

http://www.juso.org/files/120327_Positionspapier%20ZKB.pdf

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