Einkommensverteilung: Handelszeitung hätte die Gewerkschaften loben müssen

Die Handelszeitung hat in ihrer letzten Ausgabe versucht, das Problem der verstärkten Ungleichheit bei der Einkommensverteilung kleinzureden. Doch der Versuch scheiterte, weil das statistische Bild mittlerweile so eindeutig ist, dass sich das Problem nicht mehr vertuschen lässt. So haben die Einkommensanteile der obersten Einkommensklassen stark zugenommen, wie die Zeitung selber schreibt. Im Übrigen wurden Daten teilweise selektiv wiedergeben wurden. Es stimmt zwar, dass der Lohnanteil am Bruttoinlandprodukt (Lohnquote) nicht markant gesunken ist. Doch dieser auf den ersten Blick erfreuliche Befund relativiert sich leider bei einer genaueren Betrachtung. Rechnet man den Anteil des obersten Prozentes aus der Gesamtlohnsumme heraus, ist die Lohnquote gesunken. Das oberste Prozent hat seinen Anteil am BIP zwischen 1997 und 2008 von 3 auf 6 Prozente erhöht (SGB-Verteilungsbericht 2011). Im Verteilungsbericht des SGB 2012 finden sich viele weitere Informationen zur Entwicklung der Einkommensverteilung in der Schweiz.

Während auch in der Schweiz die höchsten Einkommen ihre Anteile am Kuchen erhöht haben, ist die Entwicklung bei den unteren Einkommen im Vergleich zu anderen Ländern hingegen positiver. Das aber nicht, weil diesen Einkommensschichten in der Schweiz „Geschenke“ gemacht wurden und schon gar nicht deshalb, weil der Arbeitnehmerschutz im internationalen Vergleich schwach ist. Diese Einkommensschichten sind nicht abgesunken, weil sie sich gewehrt haben. Dank intensiver Gewerkschaftsarbeit, konnten die Tiefstlöhne in verschiedenen Branchen angehoben werden. Am Bedeutendsten war die Kampagne „keine Löhne unter 3000 Fr.“ der Gewerkschaften. Dank dieser Kampagne konnten beispielsweise die tiefsten Mindestlöhne im Gastgewerbe von 2340 Fr. Ende der 1990er Jahre auf 3400 Fr./Mt. (plus 13. Monatslohn) heute angehoben werden.

Internationale Vergleiche zeigen, dass die unteren Löhne in allen Ländern mit aktiven Gewerkschaften oder einer guten Mindestlohnpolitik besser sind. Sogar die punkto Arbeitnehmerschutz ehemals wenig freundliche OECD ist zu solchen Ergebnissen gekommen (s. die Working Wapers zur Publikation „Divided we stand“). Der nationale Handlungsspielraum für Verteilungsgerechtigkeit ist vorhanden. Diese zentrale Schlussfolgerung hat die Handelszeitung leider ebenfalls unterschlagen. Sie hätte die Gewerkschaften loben müssen.

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