Organspende: Bund und Kantone nehmen Informationspflicht ungenügend wahr

Gegen 1200 Personen warten derzeit in der Schweiz auf ein Spenderorgan. Trotz hervorragendem Gesundheitssystem müssen jährlich bis zu 100 Wartende ihr Leben lassen, weil für sie kein Organ zur Verfügung steht. Bei lediglich 400 bis 500 transplantierten Organen pro Jahr verschlimmert sich die Lage zusehends.

Aktionsplan „Mehr Organe für Transplantationen“

Im europäischen Vergleich belegt die Schweiz einen der hintersten Ränge, was die Organspende anbelangt. Bei gerade mal 12.8 Organspender pro Million Einwohner ist die Spenderrate markant tiefer als in umliegenden Ländern wie Österreich (23.2) oder Spanien (35.3). (Quelle Swisstransplant; Zahlen 2011).

Mit dem Ziel, die Zahl der Organspenden in der Schweiz zu erhöhen, lancierte der Bundesrat im März 2013 den Aktionsplan „Mehr Organe für Transplantationen“. Zusammen mit den Kantonen und den beteiligten Akteuren sollen noch im laufenden Jahr Schwerpunkte definiert und bis 2017 umgesetzt werden. Ziel ist es, die heute rund 100 Organspenden pro Jahr auf 160 zu erhöhen.
Basis des Aktionsplans bildet der Bericht „Prüfung von Massnahmen zur Erhöhung der Anzahl verfügbarer Organe zu Transplantationszwecken in der Schweiz“, welcher sich an Ländern wie Spanien, Österreich, Australien und den USA orientiert. Diese Länder konnten durch die gezielte Umsetzung verschiedener Massnahmen die Zahl der Organspenden deutlich erhöhen.
Im Zentrum der im Bericht definierten Massnahmen für die Schweiz steht der Einsatz von Koordinatoren als Vermittler zwischen den Spitälern und Transplantationszentralen, sowie die Ausbildung des Medizinalpersonals.

Massnahmen nicht erst beim Verstorbenen im Spital ansetzen

Äusserst fraglich erscheint mir die Tatsache, dass sich der Bericht des Bundesrates praktisch ausschliesslich auf den Spendeprozess, also den Zeitraum von der Spendererkennung auf den Notfall- und Intensivpflegestationen der Spitäler bis hin zur Entnahme der Organe bezieht.

Innerhalb des Spendeprozesses folgt nach der Erkennung eines möglichen Spenders meist der kritischste Punkt in Form des Gesprächs mit den Angehörigen. In mehr als 95 % der Fälle ist der Wille der verstorbenen Person nicht bekannt. Über eine allfällige Organspende entscheiden dann die Angehörigen. Die Ablehnungsrate liegt dabei schweizweit bei rund 53 %, was im europäischen Vergleich (ca. 30 %) sehr hoch ist.

Das Gespräch zur Abklärung des Spendewillens der verstorbenen Person ist für die Angehörigen wie auch das Spitalpersonal sehr belastend. Zumal die Entscheidung unter einem gewissen Zeitdruck gefällt werden muss, kommt es oft zu Stresssituationen. Dass sich die Angehörigen unter diesen Umständen mehrheitlich gegen eine Organspende aussprechen ist nachvollziehbar und verständlich.

Dieser hohen Ablehnungsrate durch die Angehörigen will der Bundesrat nun mit vermehrtem Einsatz von speziell ausgebildeten Koordinatoren auf den Intensiv- und Notfallstationen der Spitäler sowie psychologischer Schulung des Spitalpersonals begegnen.

Warum die Massnahmen erst beim Verstorbenen im Spital angesetzt werden, ist mir absolut unverständlich. Das primäre Ziel sollte doch darin bestehen, die Angehörigen erst gar nicht mit dieser schwierigen Frage belasten zu müssen. Ist der Wille des Verstorbenen bekannt, werden die Angehörigen wie auch das Spitalpersonal massiv entlastet.

Bund und Kantone sollen Informationspflicht wahrnehmen

Junge und gesunde Menschen machen sich selten Gedanken über den eigenen Tod. Aber auch Ältere verdrängen dieses Thema oft. So erstaunt es nicht, dass sich die Mehrheit der Schweizer Bürger noch nie mit dem Thema Organspende befasst hat.

Es ist zwingend notwendig, dass die Bevölkerung für dieses Thema sensibilisiert wird. Den wenigsten Menschen ist bewusst, welche grosse zusätzliche Belastung im Ernstfall auf ihre Angehörigen zukommt, wenn der Wille nicht bekannt ist. Die Diskussion innerhalb der Familie muss deshalb unbedingt gefördert werden.

Das Transplantationsgesetz verlangt, dass der Bund und die Kantone die Bevölkerung regelmässig über die Belange der Transplantationsmedizin informiert. Fakt ist jedoch, dass diesbezüglich kaum ein Kanton aktiv ist. Dieser Informationspflicht soll nun endlich nachgekommen werden. Die Aufklärungsarbeit darf dabei nicht erst im Spital ansetzen.

Gerade auch junge Menschen sollten vermehrt zur Diskussion angeregt werden. Die Möglichkeiten dazu sind vielfältig. Sinnvoll wäre es beispielsweise, das Thema in die zur Erlangung des Fahrausweises obligatorischen Nothelferkurse aufzunehmen. Aber auch Informationskampagnen an Berufsschulen oder im Rahmen von sozialen Netzwerken könnten die Auseinandersetzung mit dem Thema fördern.

Die Information muss dabei auf jeden Fall sachlich, wertfrei und neutral erfolgen. Der Entscheid für oder gegen eine Organspende soll jedem Einzelnen überlassen bleiben. Auch darf niemand zur Willensäusserung gedrängt werden. Erfahrungen aus anderen Ländern haben gezeigt, dass dies eher zu einer Ablehnung führt. Wichtig ist, dass der Wille den Angehörigen mitgeteilt und allenfalls dokumentiert wird.

Ich setze mich für eine bessere Information der Bevölkerung zum Thema Organspende ein. Die persönliche Entscheidung soll eigenverantwortlich zu Lebzeiten gefällt und mit der Familie besprochen werden. Zum Schutz der Angehörigen und zur Erhöhung der Anzahl an verfügbaren Spendeorganen.

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