Kaum einer ist vom FDP-Stadtratskandidaten wirklich überzeugt. Er soll nur gewählt werden, um den profilierten Linken Wolff zu verhindern. Ob das reicht?

Nach der Ankündigung von SP-Stadtrat Martin Waser, dass er im Februar 2014 nicht mehr antritt, schlägt erwartungsgemäss die Stunde der Polit-Auguren. Experten und Schreibtisch-Strategen aller Couleur melden sich mit gewichtigen Analysen zu Wort und versuchen zu ergründen, wie diese Rücktrittsankündigung Volkes Wille beeinflussen könnte. Für die AL ändert sich nichts Grundsätzliches. Am 21. April geht es nach wie vor um eine klare Frage: Wolff oder Camin? Mit Biss oder ohne Biss?

Kann Camin sich bei Waser bedanken?

„Camin kann sich bei Waser bedanken“ betitelt Edgar Schuler seinen Kommentar im Tages-Anzeiger: „Wasers Rücktrittsankündigung ist ein klares Signal an die SP-Mitglieder und ihre Wähler, Wolff nicht zu wählen.“ Allerdings traut auch Schuler der Sache nicht ganz: „Aber: Marco Camin kann sich nicht auf die unverhoffte Unterstützung der SP verlassen und sich zurücklehnen. Viele linke Wähler werden mit dem Herzen lieber einen Linken wählen, statt taktisch auf die Stadtratswahl im Februar 2014 zu schielen.“

Auch Mark Balsiger, Polit-Blogger auf allen Kanälen, interpretiert gegenüber dem Tagi die Rücktritts-Medienkonferenz und den gewählten Zeitpunkt als Schachzug, um „die Position der SP-Spitze beim kommenden zweiten Wahlgang klarstellen zu können. Am 21. April könne man also herausfinden, ob die SP ihre Wählerinnen und Wähler im Griff hat und ob sie sie mobilisieren kann, sagt Balsiger. „Es stellt sich nämlich die Frage, ob die Basis dafür zu gewinnen ist, strategisch zu wählen.“

Betont vorsichtiger als der Tages-Anzeiger - der sich bei seinen Prognosen zu dieser Stadtratswahl schon mehr als einmal verrannt hat - gibt sich einmal mehr die NZZ. Urs Bühler hält nüchtern fest: „Wahltaktisches Kaffeesatzlesen wird den Urnengang im April kaum entscheiden.“

Die einzige Frage: Wolff oder Camin? Mit Biss oder ohne Biss?

Auch für die AL und ihren Kandidaten ändert sich nichts Grundsätzliches. Der zweite Wahlgang vom 21. April und die Gesamterneuerungswahlen 2014 sind zwei Paar Stiefel. Bei Gesamterneuerungswahlen, wo jeder und jede neun Stimmen zur Verfügung haben, können taktische und parteipolitische Aspekte durchaus eine Rolle spielen. Bei der Ersatzwahl vom 21. April 2013 dagegen müssen die Wählerinnen und Wähler einzig darüber befinden, welchen der beiden Kandidaten sie für das Amt als geeignet ansehen. Sie müssen entscheiden: Wolff oder Camin? Mit Biss oder ohne Biss?

Normale Menschen denken nicht so verschroben

Betont nüchterner sehen es auch die Polit-Twitterer. Allen voran SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti. Zum Kommentar von Schuler meint er: „Das habe ich schon gelesen, aber es leuchtet mir nicht ein. Erinnert an die Vatikan-Experten. Normale Menschen denken nicht so verschroben wie Journalisten und/oder Politiker.“ Dem kann ich nur beipflichten.

Wer will eigentlich Marco C.?

Das freisinnige Leibblatt, die NZZ, findet Marco C. eigentlich den falschen Kandidaten, bittet aber im Namen der 6:3-Zauberformel dennoch um seine Wahl. Auch die SVP-Spitze hat mit dem „herumeiernden“ FDP-Kandidaten politisch an sich nichts am Hut, empfiehlt ihn aber zur Wahl, um den profilierten Linken Wolff zu verhindern. Und geht es nach einigen medialen Polit-Auguren, sollen auch SP-Wählerinnen und Wähler einen farblosen FDP-Platzhalter ins Amt hieven, nur damit die Kirche im sozialdemokratischen Dorf bleibt und die Wahl eines Waser-Nachfolgers 2014 nicht gefährdet wird. Das alles, nachdem der FDP-Kandidat mit inhaltslosen Aussagen und einer von der SVP diktierten Scharfmacher-Rhetorik im Tagi-Streitgespräch mit Richard Wolff sein angekratztes Image weiter beschädigt und sich zusätzlich diskreditiert hat. Ob die Wählerinnen und Wähler diese Überdosis an Negativ-Wahlstrategie schlucken, darf bezweifelt werden. Wagen wir darum aus aktuellem Anlass eine vorsichtige Prognose: Aus diesem Camin dürfte kaum weisser Rauch aufsteigen.

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