Über Sinn und Unsinn von Ärztestopp und Hausarztinitiative

Der Hausärztemangel ist ein ernst zu nehmendes Problem. Er gefährdet die Grundversorgung und bringt die Menschen dazu, kostenintensivere Institutionen wie Spezialisten und Spitäler aufzusuchen. Die Hausärzte möchten dieses Problem mit ihrer „Initiative für die Hausarztmedizin“ angehen. Andererseits machen sich immer mehr Ärztespezialisten mit einer eigenen Praxis selbstständig, was hohe Kosten verursacht und den Bund veranlasst hat, erneut über einen Zulassungsstopp für die Vergabe von Konkordatsnummern (quasi die Lizenz des Arztes, selbst Rechnungen an die Krankenkasse zu stellen) an Spezialisten zu debattieren. Ein paar Ansichten zu dieser scheinbar widersprüchlichen Thematik.

Fakt ist: Es gibt heute in der Schweiz mehr Ärzte denn je. Im Jahr 1990, als noch niemand von Ärztemangel gesprochen hat, kamen auf einen Arzt in freier Praxis 660 Einwohner (10‘398 Praxisärzte auf rund 6.87 Millionen Einwohner). Im Jahr 2011 kamen auf einen Praxisarzt gar 490 Einwohner (16232 Ärzte in freier Praxis auf rund 7.95 Millionnen Einwohner)! Damit hat die Ärztedichte deutlich zugenommen.

Deutlich divergiert ist jedoch die Verteilung. Während 2011 in ländlichen Gebieten wie den Kantonen der Innerschweiz 1500 Einwohner und mehr auf einen niedergelassenen Arzt kommen, haben wir im Stadtkanton Genf eine geradezu absurde Ärztedichte von weniger als 300 Einwohnern pro Praxisarzt. Es herrscht also ein krasses Überangebot in städtischen Agglomerationen, während es in Randregionen sehr schwierig geworden ist, bei einem Hausarzt unterzukommen.

Ein weiterer bedeutender Umstand ist die Tatsache, dass die Zahl Allgemeinmediziner stark abnimmt. Von der genannten Anzahl Praxisärzten 2011 sind gerademal 5800 Hausärzte, also etwa ein Drittel. Innerhalb der FMH, die über 30‘000 Mitglieder hat, sind sie Minderheit unter den Ärzten geworden. Wenn man vom Konzept ausgeht, dass die Basisbehandlung beim Hausarzt erfolgt und nur komplizierte Fälle beim Spezialisten landen sollten, liegt dieses Zahlenverhältnis ziemlich quer in der Landschaft. Zudem muss man berücksichtigen, dass immer mehr Spezialisten offizell zwar selbstständig arbeiten, aber in einem Spital praktizieren. Wir stellen also eine Umverteilung von Hausärzten zu Spezialisten und von kleinen Praxen hin zu ambulanten Spitalbetrieben fest

Es ist also absolut verständlich, dass man den lokalen Wildwuchs von Praxiszulassungen an Orten wie dem Kanton Zürich oder dem Genferseebecken begrenzen will. Wenn ich hingegen meinen Heimatkanton Solothurn ansehe, könnten wir durchaus noch einige Dermatologen, Rheumatologen, etc. vertragen. Darum plädiere ich hier klar dafür, dass die Neuzulassung von Praxisärzten nicht eidgenössisch blockiert, sondern kantonal reguliert werden soll. Auf diese Art kann die lokale Verteilung von Ärzten besser gesteuert werden.

Eine klare Absage erteile ich auch der Initiative für die Hausarztmedizin. Man muss zunächst erkennen, dass die Hausärzte noch nie die alleinigen Grundversorger waren. Spitex, Apotheken und weitere Gesundheitsberufe/-institutionen waren und sind stets an der medizinischen Versorgung der Bevölkerung beteiligt. Es macht daher keinen Sinn, Privilegien für einen einzelnen Gesundheitsberuf in die Verfassung zu schreiben, zumal sie für einige Betätigungsfelder wie der Prävention oder der Erstversorgung dem Hausarzt eine Monopolstellung zusichern. Zudem fördert die Initiative die Abschottung des Arztberufes gegen die Zusammenarbeit mit anderen Berufen, obwohl klar ist, dass diese interdisziplinäre Zusammenarbeit unbedingt nötig ist, um die zukünftige Qualität der medizinischen Grundversorgung sicherzustellen.

Die Initiative ignoriert zudem die Ursache für die heutige Fehlverteilung der Ärzte und die Gesamtsituation. Nicht nur Hausärzte sind von Personalmangel betroffen, sondern auch Pflegekräfte und Apotheker sind, insbesondere für Randregionen, immer schwerer zu rekrutieren. Aus diesem Grund ist die Grundsatzstrategie des Bundesrates gutzuheissen, die eine kompetenzgerechte Verteilung von Aufgaben und mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit anstrebt.

Als häufiger Grund für die gesunkene Attraktivität des Hausarztberufes unter Medizinern wird oft das „tiefe“ Einkommen genannt. Dieses ist mit durchschnittlich 200‘000 Franken jährlich jedoch weit weg vom Existenzminimum. Beachtlich ist jedoch das Einkommensgefälle innerhalb der Ärztegattungen: Während Kinder- und Jugendpsychiater mit 116‘000 Franken jährlich tatsächlich wenig im Verhältnis zu ihrer Ausbildungsdauer verdienen, gehen die Durchschnittseinkommen von Augenärzten, Radiologen und Gastroenterologen gegen 400‘000 Franken. Mit einigen Ausbildungsjahren zusätzlich lassen sich damit auf Lebenszeit mehrere Millionen Franken mehr an Einkommen erzielen.

Diese Zahlen zeigen, dass eine Angleichung der Einkommen dringend Not tut, um das Ansehen des Hausarztes (und darum geht es den Hausärzten letztlich) in ein angemessenes Verhältnis zur übrigen Ärzteschaft zu setzen. Während die Krankenkassen eine kostenneutrale Nivellierung anstreben, verlangt die FMH eine pauschale Erhöhung der niedrigen Einkommen, ohne etwas an den oberen Einkommensklassen zu ändern. Dies lässt sich angesichts der steigenden Gesundheitskosten und der doch recht ansehnlichen Gehälter nicht rechtfertigen.

Schliesslich muss sich auch der Beruf des Hausarztes weiterentwickeln. In den letzten dreissig Jahren zeichnete sich eine schleichende Degradierung vom hauptsächlich betreuenden Arzt zum Zu- und Weiterweiser an Spezialisten und Spitäler ab. Das Fachgebiet des Arztes ist die anspruchsvolle Erkennung und Diagnose von Krankheiten. Wenn sich die Hausärzte jedoch weiter auf den Verkauf von Medikamenten und die Behandlung von Bagatellen verlegen, die sich heute in jeder Apotheke oder Drogerie versorgen lassen, so werden sie nicht überleben. Denn die Zeit bleibt für keinen Beruf stehen.

Die Strategie des Bundesrates wird die nötigen Leitplanken setzen, damit die Hausärzte ihren Platz im Gesundheitswesen einnehmen können, die Entwicklung des eigenen Berufes müssen sie aber selbst in die Hand nehmen, besser heute als morgen. Statt sich auf gesetzliche Privilegien zu verlassen, wird es Zeit, dass die Hausärzte sich wieder auf ihre ursprünglichen Kompetenzen besinnen und sich gleichzeitig für die Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen öffnen. Nur so gelangen wir zu dem, was die Bevölkerung braucht: Eine vernetzte, zuverlässige und kosteneffiziente Gesundheitsversorgung!

Referenzen:
http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/14/03/03/key/01.html
http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/grosse-unterschiede-bei-den-aerzteeinkommen-1.12376394

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