Die Armee-Diskussion in Bundesbern läuft völlig falsch. Es muss eine Grundsatzdiskussion geführt und über das Miliz-System nachgedacht werden.

Die Armee hat ein Image-Problem. Deshalb wollen die einen gut ausgebildete Spezialeinheiten, andere über den Umweg der Wehrpflicht die ganze Armee abschaffen. Während die Armee vor 20 oder 30 Jahren der Wirtschaft als Kaderschmiede diente, ist sie heute in den Augen vieler nur noch ein Übel. Die Armee hat in den letzten Jahren mächtig an Unterstützung verloren. Zum Teil sicherlich selbstverschuldet, doch auch die Gesellschaft hat sich verändert. Die Armee konnte, oder wollte oder durfte da nicht mithalten. Und jetzt stehen wir vor dem Scherbenhaufen. Neue Kampfflieger können wir eventuell nicht kaufen, weils zu teuer ist. Die Soldaten in den Wiederholungskursen können kaum mehr richtig ausgerüstet werden, weil in den Zeughäusern das blanke Chaos herrscht.

Es wird Zeit, etwas zu ändern. Die Wehrpflicht-Initiative der GSoA verhilft der Armee hoffentlich dazu, dass sie politisch thematisiert wird. Denn es sind zwingend einige Grundsatzdiskussionen nötig.

Der Auftrag der Armee

Das ist der erste und wichtigste Punkt in der gesamten Armee-Diskussion. Wie sieht der Auftrag der Armee aus. Mit welchen Bedrohungslagen muss unser Land in den nächsten 15 bis 20 Jahren rechnen. Vor allem auf die so genannten asymmetrischen Bedrohungen muss die Armee besser eingestellt werden. Die Landesverteidigung sieht also nicht mehr so aus, wie noch zu Zeiten des kalten Krieges.

Und wie sieht es mit anderen Bereichen aus? Zum Beispiel die Aufgabe der Luftraumsicherung. Unsere Luftwaffe hat luftpolizeiliche Aufgaben, auch in Friedenszeiten, wahrzunehmen. Namentlich auch bei politischen Grossanlässen wie dem WEF beispielsweise, hat unsere Air Force den Luftraum zu überwachen. Das gehört jetzt zu ihrem Auftrag. Doch mit den bestehenden Ressourcen kann das die Luftware gar nicht – jedenfalls nicht für mehrere Tage. Es herrscht also eine gewaltige Diskrepanz zwischen Auftrag und Möglichkeiten. Dieser Misstand ist zwingend zu beheben.

Dimensionierung der Armee

Erst nachdem der Auftrag der Armee in einem vernünftigen Detaillierungsgrad definiert wurde, kann das Heer strukturiert und dimensioniert werden. Erst nachdem der Auftrag klar ist, wird erkennbar, was es dafür alles braucht, um den Auftrag zu erfüllen. Dann sehen wir, was der definierte Auftrag kostet und dann können wir uns überlegen, ob uns die Erfüllung des Auftrages dieses Geld wert ist. Wenn nicht, wird als einzige Konsequenz der Auftrag geändert und jeder weiss, was alles bei einer Kürzung dann nicht mehr im Sicherheitsdisositiv enthalten ist.

Vorhandene Stärken nutzen, Schwachstellen korrigieren – Teilprofessionalisierung

Entgegen meinen bisherigen Forderungen, die Armee durch ein Berufskorps zu ersetzen, plädiere ich für ein anderes Modell: eine Teilprofessionalisierung. Die Swisscoy-Einsätze im Kosovo haben gezeigt, wo die Schweizer Armee unglaublich stark ist und wo sogar die meisten ausländischen Armeen auf unsere Hilfe zurückgreifen. Es sind die logistischen, rückwärtigen Dienste. Durch das Milizprinzip verfügt die Schweizer Armee über Berufsleute, die ihren erlernten Beruf auch in der Armee ausführen. Das fängt bei den Lastwagenfahrern an und geht bis hin zu zu den Truppenköchen oder Chemikern zur Wasseraufbereitung. Es macht deshalb bei näherer Betrachtung keinen Sinn, solche Posten durch Berufssoldaten zu ersetzen. In diesen Bereichen ist die Miliz absolut bestens geeignet und muss auf jeden Fall beibehalten werden.

Anders hingegen sieht es bei den Kampfeinheiten aus. Diese müssen durch Berufsleute ersetzt werden. Mit Kampfeinheiten meine ich nicht bloss ein paar Spezialeinheiten, sondern restlos alle Kampfelemente aller Waffengattungen der Armee. Denn genau hier funktioniert das Milizsystem nicht mehr. Die «Teilzeitsoldaten» haben weder die Ausbildung noch die Motivation für diese Aufgaben und das Miliz-Kader ist sowieso überfordert. Ein Berufskorps kann man viel besser ausbilden und nötigensfalls auch kurzfristig für polizeiliche Aufgaben im Inland (wie Botschaftsbewachung, Objektschutz, etc) einsetzen, ohne dafür die Polizei zu behelligen und von ihrer eigentlichen Aufgabe abzuhalten. Somit können Synergien genutzt werden, was unter dem Strich der Sicherheit und den Kosten zu Gute kommt.

Dienstpflicht wird beibehalten

An der allgemeinen Dienstpflicht wird weiterhin festgehalten. Jeder junge Schweizer bleibt stellungspflichtig und besucht eine Rektrutenschule. Die RS wird jedoch um einiges kürzer ausfallen und hauptsächlich die Schulung der militärischen Umgangsformen sowie die strukturellen Belange der Armee beinhalten. Ein gelernter LKW-Chauffeur wird also nicht noch eine völlig sinnlose Fahrprüfung im Militär absolvieren müssen und ein Koch wird nicht lernen müssen, wie man Nahrungsmittel zum Verzehr geeignet aufbereitet. .

Während diesen paar Tagen Grundausbildung kann man sich auch entscheiden, ob man danach der Armee treu bleiben will und ob man am Ausscheidungsverfahren für eine professionelle Kampftruppe teilnehmen wird. Besteht man die Selektion, wird man Berufssoldat und erhält eine entsprechende umfangreiche Ausbildung.

Frauen dürfen weiterhin auf freiwilliger Basis Militärdienst leisten, egal ob im rückwärtigen Dienst oder bei einer Kampfeinheit. Frauen werden genau die selbe Ausbildung absolvieren wie ihre männlichen Kollegen.

Wiederholungskurse

Für die Miliz-Soldaten werden natürlich weiterhin WK’s durchgeführt, um das Erlernte aus der RS einerseits wieder aufzufrischen, aber auch um ihre Aufgabe der logistischen Unterstützung der Profi-Einheiten wahrzunehmen. Die WK’s werden allerdings nicht mehr irgendwo im Raum Schweiz in einem Kellerloch stattfinden, sondern die Einheiten sind einzig und alleine in entsprechenden militärischen Gebäuden untergebracht. Somit entfällt das völlig sinnlose Herbei- und Zurückkarren von tonnenweise Material. Die Zeughäuser übrigens werden direkt der Armee unterstellt und sind somit eine Dienstleistung der Truppe, mit den Arbeitszeiten der Truppe.

Reduktion der persönlichen Ausrüstung

Die persönliche Ausrüstung wird auf ein Minimum reduziert. Jeder Milizsoldat verfügt über seine persönlichen Kampfstiefel (Tragekomfort) und allenfalls über eine Ausgangsuniform. Fertig. Der Milizsoldat rückt in zivil ein, wird vor Ort (ein Zeughaus) ausgerüstet und beginnt seinen Dienst. Auf sämtlichen überflüssigen Kram wird verzichtet.

Gesetzesänderungen

Es werden einige Gesetzesänderungen nötig sein. So zum Beispiel muss dafür gesorgt werden, dass im Bedarfsfall ein Miliz-Soldat binnen weniger Tage der Armee für eventuell nicht bestimmte Zeit zur Verfügung steht. Dafür fällt er aber unter dem Jahr durch kürzere WK’s viel weniger aus und wenn nichts passiert, bleibts auch dabei.

Selbstverständlich ist das Ganze nicht abschliessend – wäre aber ein aus meiner Sicht sinnvoller und diskussionswürder Vorschlag.

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