Persönliche Erfahrung mit dem Mindestlohn

Es war Anfangs Dezember 2012 am Pier der Huntington Beach, draussen auf den Wellen. Dave Cinquini, ein 27. Jähriger Surferboy aus Kalifornien schwärmte davon, sein eigenes Surfcamp zu eröffnen. Auf der ganzen Welt findet man Surfcamps. In Frankreich, Maroco, auf Bali, in Australien und in Südamerika. Aber es gibt kein Camp in Kalifornien, dort wo die moderne Surfkultur entstand und sich über die gesamte Welt verbreitete.

Und weil mich selbst der Surfvirus erwischt hat, sagte ich zu ihm, hör auf zu träumen und wir eröffnen eines. Zwei Monate später kann man unter www.thecalicamp.com Surfreisen in Kalifornien buchen. Ich bin jetzt Minderheitsteilhaber an einem Surfcamp und lernte dabei einiges darüber, wie es in den USA läuft und wie dies mit dem Mindestlohn funktioniert.

Meine erste Mindestlohnlektion
In Branchen, in denen Unternehmen genügend Leute finden, ist der Mindestlohn wie ein Magnet. Wenn man ein Budget aufstellt, ist die erste Frage, was müssen wir mindestens bezahlen und vielleicht setzt man noch ein paar Dollar darauf. Dies Reaktion muss nicht einmal sein, weil man geldgierig nach mehr Profit schreit, es genügt, weil die Mitbewerber sich ebenfalls alle an diesem Mindestlohn orientieren und entsprechend auch die Verkaufspreise ansetzen.

Meine zweite Mindestlohnlektion
Es macht beim Mindestlohn einen noch grösseren Unterschied, in welcher Branche man Arbeit, als in der Schweiz. Mein amerikanischer Geschäftspartner fand meine Fragen nach einer anständigen Krankenversicherung, nach Ferien, Überzeitenregelung doch eher seltsam für ein kleines KMU. Wären wir eine grosse Firma, müssten wir uns an einen rigiden Arbeitnehmerschutz richten oder wären wir in der IT-Branche, würden wir automatisch mehr bezahlen, weil wir die Leute händeringend suchen würden. Aber für ein KMU, das Surfer anstellt. Junge Leute, die eh nicht viel verdienen und froh sind, wenn sie mit viel Enthusiasmus etwas Geld mit Surfen verdienen können?

Meine dritte Mindestlohnlektion
Ich nutzte die Zeit, um mit möglichst vielen Geschäftsleuten über die Gepflogenheiten in den USA zu sprechen und bin heute überzeugt, der Mindestlohn in den USA ist eine gute und auch eine gefährliche Sache. In Ländern, in denen ein Heer von Arbeitnehmern auf einen Job oder einen besser bezahlten Job wartet, indem es kein anständiges soziales Sicherungssystem gibt, macht der Mindestlohn Sinn. Wer seinen Job von heute auf morgen verlieren kann und keine Arbeitslosenversicherung hat, der muss annehmen, was er erhält. Es bleibt ihm keine Wahl, wenn er laufende Kosten decken muss und noch kein Erspartes hat. Der Wettbewerb ist für Unternehmen wie für Arbeitnehmer brutal und so ist der Mindestlohn eine soziale Absicherung - quasi ein Auffangnetz.

Gefährlich ist der Mindestlohn, weil in den USA eine grosse Anzahl an “illegal” anwesenden Menschen arbeitet. Die sind “interessant”, weil sie unter dem Mindestlohn arbeiten oder höherwertige Arbeit nahe am Mindestlohn verrichten.

Meine Lektion für die Schweiz?
Der Mindestlohn hat in Ländern wie den USA oder Thailand, Indonesien und Indien eine wichtige soziale Auffangnetzfunktion. Wo man einen Job verlieren kann, sollte man wieder einsteigen können, ohne gleich alles zu verlieren. In der Schweiz haben wir dieses Auffangnetz mit der Arbeitslosenkasse. Der Mindestlohn muss hier also eine andere Funktion haben.

Was ist die andere Funktion des Mindestlohns?
Das die Löhne der tiefen Einkommen steigen. Ich persönlich habe nichts dagegen, wenn diese Einkommen steigen. Als Arbeitgeber stelle ich Informatiker ein, die sowieso weit über dem Mindestlohn verdienen. Ich selbst machte einst eine Verkäuferlehre und kenne die Konditionen im Detailhandel und darum habe ich bedenken beim Mindestlohn.

Der Mindestlohn als Magnet - nach unten.
Paul Rechsteiner stellt in seinem Beitrag ganz selbstverständlich die Behauptung auf:

Die Mindestlohninitiative würde die Lebenslage von Hunderttausenden von Lohnabhängigen und ihrer Familien verbessern, direkt für jene, welche trotz Vollzeitarbeit weniger als 4‘000 Franken pro Monat verdienen, und indirekt für alle mit bescheideneren Löhnen, weil ein Mindestlohn von 4‘000 Franken pro Monat auch die Einkommen jener positiv beeinflusst, die heute über diesem Mindestwert liegen.

Ideologisch kann man dies gerne so stehen lassen. Wer aber darüber hinaus ein ernsthaftes Interesse für die Arbeitnehmer hat, sollte den Mut zeigen und fragen, was sind die negativen Konsequenzen? Ist es relevant, wie viele Arbeitsplätze verloren gehen, weil es sich nicht mehr lohnt, in der Schweiz zu produzieren. Was machen wir nachher mit diesen Mitarbeitern, welche eh schon in einer schlechter qualifizierten Situation sind. Interessiert uns das?

Für mich ist die wichtigste Frage, stimmt die Behauptung von Herrn Rechsteiner, dass die Löhne über dem Mindestlohn profitieren? Mein Bauchgefühl sagt etwas anderes. Wenn ich meine Erfahrung in den USA heranziehe, vermute ich eher, dass mittelfristig die Löhne zwischen 4’000 und 4’800 unter Druck kommen und sich langsam an den Mindestlohn orientieren. Und wie sieht die Schlussbilanz aus? Haben wir nachher mehr Verlierer bei den Löhnen über 4’000 Franken, als Gewinner bei den Löhnen darunter?

Als Mindestlohnbefürworter würde ich von den Gewerkschaften eine klare, gute und sachlich fundierte Antwort erwarten. Denn sonst kämpft die Linke für etwas, dass dem Büezer am Schluss mehr Geld kostet, als es bringt.

Ps:
Wir haben unsere Preise beim Camp so angesetzt, dass die Surfguides über dem Mindestlohn verdienen und eine anständige Krankenkasse haben. Wir sind teurer, als wenn jemand in Maroco, Frankreich oder Indonesien seine Surfferien bucht. Dafür bieten wir ein Surferlebnis, wie es kein anderes Camp bieten kann. Wir haben zwei der weltgrössten Surfereignisse gleich um die Ecke, bieten Sonderwochen mit Profi-Fotografen an, machen Nerd-Weeks, in denen wir die Leute neben dem Surfen zu Firmen wie Apple, Google und EA bringen und bieten den kalifornischen Traum mit allem Drum und Dran. Ich bin überzeugt, auch für die Schweiz sind Massnahmen, die die Wettbewerbsfähigkeit verbessern, der beste Garant für höhere Löhne.

Ich hoffe, der Beitrag wird nicht als billige Schleichwerbung abgetan oder als ideologische FDP-Antwort ignoriert. Mein Beitrag ist aus der realen Situation ein Plädoyer dafür, sich im Interesse der Arbeitnehmer nicht mit einfachen Antworten zufriedenzugeben.

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