Ein JA zu unserer Zukunft

Das Nein der SVP zum Familienartikel, über welchen wir am 3. März abstimmen werden, zeigt wieder ein Mal wie welt- und gesellschaftsfremd diese Partei denkt. Umso wichtiger ist es nun, dass die Vorlage an der Urne ein überdeutliches Ja einfährt.

Als Replik auf mein Politbattle gegen Tamara Lauber von der FDP, möchte ich meine genannten Forderungen mit dem Familienartikel verknüpfen. Eines vorneweg: Kinder sind Privatsache und wer keine möchte, der soll auch keine haben müssen. Niemand sollte verurteilt werden, wenn er oder sie aus karrieretechnischen oder sonstigen Gründen auf das Kinderglück verzichtet und stattdessen eine andere Erfüllung sucht.

Diejenigen, die sich aber entscheiden eines oder mehrere Kinder in die Welt zu setzen, sollten aus meiner Sicht so gut es geht unterstützt werden und das aus einem einfachen Grund: Kinder sind unsere Zukunft! Ohne Kinder können wir uns unseren Wohlfahrtsstaat abschminken und in eine ungewisse Zukunft, mit hohen AHV und sonstigen Lücken reisen.

Leider haben Kinder in unserer Politik einen schweren Stand, ihnen fehlt die Lobby, da sie als Wahlzielgruppe bis zum 18. Lebensjahr nicht taugen und nicht mit millionenschweren Budgets um sich werfen können. Unverständlich aus meiner Sicht. Auch unser Staat sorgt sich, natürlich immer im Verhältnis zu den sonstigen Ausgaben, viel zu wenig um das Kindeswohl. So werden in der Schweiz gerade mal ein knappes Prozent des BIP für Familien und Kinder ausgegeben. In skandinavischen Ländern wie Norwegen oder Schweden sind es zwischen 3 und 3.5 %!

Dies bleibt nicht ohne Folgen: So hat sich der Anteil an kinderlosen Privathaushalten zwischen den 70er Jahren und heute vervierfacht! Der Anteil von Paaren mit einem oder mehreren Kindern stagniert aber seit 40 Jahren. Dies schlägt sich auch in der Geburtenrate, welche in der Schweiz mit 1.4 Kindern pro Frau sehr niedrig liegt, nieder. Die drastischen Folgen des mangelnden Kindernachwuchs habe ich bereits an anderer Stelle thematisiert.

Es ist natürlich absolut klar, dass auch andere gesellschaftliche Entwicklungen zu dieser Situation geführt haben: Frauen können sich heute glücklicherweise gleichwertig aus- und weiterbilden wie die Männer (und tun dies mittlerweile sogar mit mehr Erfolg, wie die Zahlen aus den Unis belegen) und lassen sich daher nicht mehr auf die „Herd-frau“ abstempeln. Viele Männer möchten es ihrer Partnerin ermöglichen, ebenfalls Karriere Ziele zu verfolgen, nur leider sind Teilzeitkarrieren bis heute kaum möglich. Gerade Firmen sollten daran interessiert sein, bessere Voraussetzungen für Teilzeit-Eltern zu schaffen. Denn sie sind schliesslich an Nachwuchs für ihre Arbeitsplätze interessiert und klagen branchenunabhängig immer wie mehr über Spezialisten und Nachwuchsmangel. Aber stattdessen werden diese Spezialisten lieber teuer aus dem Ausland rekrutiert.

Es ist meiner Meinung nach schade, wenn die beiden Seiten (Traditionelles versus neues Familienbild) gegeneinander ausgespielt werden. Wenn sich ein Elternteil dazu entscheidet, auf die Karriere zu verzichten und daheim zu sein, um seine Kindern aufzuziehen, sollte dies ebenso verständlich sein, wie wenn beide Elternteile nebst dem Eltern- auch das Berufsglück teilen möchten.

Die Rahmenbedingungen für Letzteres sind in der Schweiz aber extrem schlecht. Kinderkrippenplätze sind genau so Mangelware wie sonstige Anreize um Kinder zu zeugen (und so unsere Gesellschaft aufrechtzuerhalten!). Desweitern ist der grosse Teil der Familien auf ein gemeinsames Einkommen beider Elternteile angewiesen. Die Kosten für den Mittelstand sind in den letzten Jahren regelrecht explodiert: Preise für Vier-Zimmer Wohnungen haben sich Schweiz Weit um 15 % erhöht, Krankenkassenprämien steigen jedes Jahr unvermindert an und selbst Krankenkassensubventionen haben keinen positiven Einfluss auf die Einkommensentwicklung.

Ein Paradebeispiel in Sachen Kinder- und Familienpolitik ist Norwegen: Auf der einen Seite ist der Durchschnittssteuersatz ca. 10 % höher als in der Schweiz. Aber für dieses Geld erhalten die Norweger und Norwegerinnen einiges, allen voran die Familien. So ist für jedes norwegische Kind bis zum zweiten Lebensjahr ein Krippenplatz garantiert, ab dann werden die Kinder spielerisch in die Welt des Kindergartens und schliesslich in die Primarschule eingeführt. Jede Familie erhält Familien- und Kinderzulagen und zwar unabhängig ob man das Kind in eine Krippe bringt oder zu Hause selbst betreut.

Diese Gleichbehandlung ist aus meiner Sicht ein Erfolgsfaktor, der sich auch in den wirtschaftlichen Zahlen niederschlägt. Das BIP Norwegens ist um satte 20 % höher als dasjenige der Schweiz und dies trotz vergleichbaren Rahmenbedingungen (Arbeitslosigkeit, Grösse, Bevölkerung, kein EU-Land). Es ist also absolut möglich, mit höheren Steuersätzen und einer besseren Umverteilung zugunsten von Familien und Kinder eine Top-Wirtschaftsleistung zu erzielen und dabei den Wohlfahrtsstaat sogar noch auszubauen.

Es ist absolut hirnrissig, wenn sich meine gute Kollegin von mir und mittlerweile Mutter, mit Masterabschluss und Top-Voraussetzungen für eine tolle Karriere, zwischen Arbeit und Familie entscheiden muss. Oder bei der Suche nach einem Krippenplatz beinahe den Verstand verliert? Für was hat der Staat zigtausende Franken in sie investiert (Stipendien, subventionierte Studiengebühren) um schlussendlich einen kleinen bis vielleicht gar keinen Return on Investment zu erhalten? Das ist volkswirtschaftlich gesehen absoluter Blödsinn und wir müssen alle Hebel in Bewegung setzen, damit solche Hürden abgebaut werden.

Es darf nicht sein, dass bürokratische und gesellschaftliche Hürden die Lust aufs Kinderkriegen nehmen. Alle Paare, welche sich für Kinder entscheiden, verdienen unsere absolute Unterstützung. Kinder zu kriegen ist an sich schon herausfordernd genug und zerrt an den Kräften junger Erwachsener. Aber ein Blick in süsse Kinderaugen machen all diese Anstrengungen vergessen und mit dem Familienartikel leisten wir als Gesellschaft einen kleinen Beitrag dazu, dass die Familie ihren Stellenwert auch in unserer Verfassung erhält und so den Zugang zu Bundesgelder für Kinderkrippen und weitere familienfreundliche Massnahmen vereinfacht.

Quellen:

„Familien in der Schweiz – Statistischer Bericht 2008“

http://www.familienpolitik.net/Norwegen/norwegen.html

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