Mali - Tor zur Hölle oder Allahs Warteraum?

Momentan dominiert ein Thema die Medien und diverse Experten erzählen, dass den Franzosen ein ähnliches Desaster droht wie den Amerikanern in Afghanistan und Irak.

"Frankreich hat für seine Staatsangehörigen ein Todesurteil unterschrieben und die Tore zur Hölle geöffnet," hat Hamaha gesagt. "Dies wird ein langer Krieg… gefährlicher als Afghanistan und Irak."

Bei einer solchen überheblichen Aussage muss ich doch die Stirn runzeln. Wie genau will Herr Omar Hamaha, Kommandant von Ansar Dine (eine Islamistische Bewegung welche mit Al-Qaeda alliiert ist) diese Drohung verwirklichen? Wenn man nämlich das Ganze etwas nüchtern betrachtet und sich in die Materie hineindenkt, wird man erkennen, dass es doch frappante Unterschiede zwischen Mali und den Erfahrungen der Amerikaner in Irak und Afghanistan gibt.

Was also erwartet die Franzosen in Mali, jetzt wo sie die Bodenoffensive starten?

Terrain

Mali ist ein grosses Land, fast doppelt so gross wie Frankreich, die Schweiz und Beneluxstaaten zusammen. Das Land hat die Form eines Schmetterlings. Der Nordflügel, Nord-Mali auch bekannt als Azawad, ist wo die Kämpfe stattfinden. Der Norden von Mali liegt in seiner Gesamtheit in der Sahara Wüste, während der Süden eher etwas fruchtbarer und 'grün' ist.

Kommen wir auf die Elevation zu sprechen; Nord-Mali besteht aus rollenden Hügeln und Hochplateaus, welche auf einem Höhenbereich zwischen 180 und 480 Meter sein können. Der höchste Punkt ist weit im Nord-Osten in der Nähe der algerischen Grenze, genannt Adrar des Ifoghas, auf einer Höhe von rund 980 Meter. Dabei handelt es sich eher um eine Formation von Felsen, anstelle von Bergen. Schon hier sieht man also wie wenig man dies mit Afghanistan vergleichen kann, wo die Soldaten im holprigen Gelände auf bis zu, wenn nicht teilweise sogar über 2100 Meter agieren müssen. Ich sage dies bloss um zu zeigen, dass es keine Bergverstecke geben wird wo sich die Islamisten verkriechen können.

Bevölkerung

In Mali leben rund 14.5 Millionen Leute – 90% davon im Süden. Circa 1.3 Millionen leben im Norden, verstreut über die grosse Fläche von Wüste. Sie tun das in kleinen Kommunen oder leben den Nomaden-Stil.
Die zwei grössten Städte in Nord-Mali sind Timbuktu (~60‘000) und Gao (~90‘000) – beide kontrolliert von Islamisten.

Wenn man dies nun mit einigen ‘hotbed‘ Städten im Irak (31 Millionen Einwohner) und Afghanistan (35 Millionen Einwohner) vergleicht kommt man auf folgendes:

Baghdad: 7 Millionen Einwohner
Mosul: 1.8 Millionen Einwohner
Kirkuk: 850‘000 Einwohner
Fallujah: 330‘000 Einwohner
Helmand Provinz: 1.4 Millionen Einwohner
Kabul: 3.2 Millionen Einwohner
Kandahar: 500‘000 Einwohner

Die grosse Anzahl Einwohner haben Aufstandsbekämpfungen unglaublich schwierig gemacht.

In Mali ist ein solches Szenario schon rein wegen der Grösse der jeweiligen Städte undenkbar. Die Aufständischen werden mehr Mühe haben sich in die lokale Population einzufügen und mit dieser zu verschmelzen. Viele dieser Gruppen operieren aus Training Camps oder einen kleinen Basis verteilt über die Region. Es macht nicht den Anschein als würden diese Aufständischen in Geheimhaltung aus dem Keller ihrer Mütter agieren.

Geheimdienstinformationen/Aufklärung

Es ist kein Staatsgeheimnis, dass Terroristen und Aufständische über Telekommunikation erwischt werden. Die Kommunikationsinfrastruktur in Mali ist aber als suboptimal zu bezeichnen und im Norden gar als nicht-existent. Rund 30% der Iraker haben ein Funktelefon und sogar 50% der Afghanen benutzen Mobiltelefone, während es in Mali in etwa 6% der Gesamtbevölkerung sind. Von diesen 6% werden die meisten Nutzer im Süden leben.
Diese fehlende Kommunikationsinfrastruktur reduziert SIGINT (signal intelligence) auf ein Minimum für Geheimdienste und Spezialeinheiten. Eine weitere Form von Aufklärung und Informationen liefert HUMINT (human intelligence); die offizielle Sprache von Mali ist Französisch und fast 2 Millionen Leute sprechen es, während die Zahl jener mit gewisser rudimentärer Grundkenntnisse noch weit höher ist. Mit Französischen Soldaten am Boden, die Fähigkeit mit der lokalen Bevölkerung und der Armee des Gastgeberlandes in seiner Muttersprache kommunizieren zu können ist wie ein wahrgewordener Traum aus Sicht der Einsatzfähigkeit.
Man stelle sich vor die Afghanen hätten Englisch gesprochen – die Hürden mit jemandem zu reden, der gegen die Islamisten helfen will, sind nicht vorhanden wie dies im Irak und Afghanistan der Fall war.

Der Feind

Es gibt einige Gruppen welche in Nord-Mali operieren; wären da Al-Qaeda im Islamischen Maghreb (AQIM), Ansar Dine, die Bewegung für Einigkeit und Jihad in Westafrika (MOJWA). Diese Organisationen sind miteinander alliiert und waren die Hauptziele der Französischen und Malischen Truppen.
Es gibt aber einen weiteren ‘Schlüsselspieler‘ in dieser ganzen Suppe, welcher nicht ausser Acht gelassen werden kann: Die Nationale Bewegung für eine Befreiung von Azawad (MNLA). Dies ist eine Bewegung für eine Unabhängigkeit des Norden geführt von den Tuareg, einem Sahara-ansässigen Nomadenvolk.
In 2012 haben es die Tuareg geschafft, die Regierungstruppen aus dem Norden fort zu jagen. Dies war auch der Grund warum das Militär in Mali den damaligen Präsidenten im März gestürzt hat. Das Militär war der Ansicht, dass die Handlungen des Präsidenten den Einwohner von Mali ihr Land kosten würde. Dieser Sturz ist auch der Grund warum die USA keinerlei Verbindungen zur jetzigen Regierung hat. Das Militär von Mali tat ganz einfach was es für richtig hielt…

Nachdem die MNLA den Norden übernommen hatte begannen diese einen bewaffneten Kampf gegen die Islamisten, wobei jedoch ihr Einfluss auf den Norden verloren ging. Ich weiss nicht welche Strategie die Franzosen am Boden verfolgen im Bezug auf die MNLA und deren Überbleibsel aber meiner Meinung nach sollte man sich das Sprichwort “Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ etwas zu Herzen nehmen.
Während die MNLA lediglich die Unabhängigkeit Azawads verlangt, suchen die Islamisten eine Dominanz über Mali.

Eine Schätzung über den Bestand des Feindes sieht etwa so aus:

Ansar Dine – 500 bis 1000 Mitglieder
AQIM – 800 Mitglieder
MOJWA – keine gute Schätzung möglich

Von den Meldungen bis jetzt kann man eher davon ausgehen, dass diese Gruppen eher einen Guerilla-Kampf führen anstelle der typischen Selbstmordanschlägen.
Bsp. Die Truppe von 1‘200 Islamisten welche von Konna aus los zogen um eine Militärstation in Mopti anzugreifen ist in einem Massenkonvoi gefahren – ziemlich gewagt wenn man bedenkt.

Nah und Näher

Wenn man sich die Krisenherde auf der Weltkarte ansieht, kann man unweigerlich erkennen, dass es schon sehr nahe an uns dran ist. Schon die Konflikte im Irak und Afghanistan waren räumlich gesehen nicht so weit weg aber Nordafrika ist noch ein Stück mehr in unsere Richtung und das wird Europa auch früher oder später zu spüren kriegen.
Für mich ist die Intervention von Frankreich das einzig Richtige – auch wenn ein erhöhtes Risiko besteht. Einen Flüchtlingsstrom kann man nie ausschliessen besonders nicht wenn man den Fanatikern freie Hand lässt.
Es wurde gesagt, dass Frankreich den Terror zu sich holt aber der Terror ist schon längst in Europa. Anschläge in Spanien und England haben dies gezeigt und auch die Versuche in Deutschland machen dies deutlich. Wer denkt, Europa sei ein sicherer Hafen der sollte schleunigst einen Reality-Check machen. Für mich wird gerade deshalb immer unverständlicher wie man an einer Abschaffung der Armee festhalten kann – dies wird nicht der letzte Konflikt gewesen sein.

Wie sollen wir uns zukünftig bei solchen Auseinandersetzungen verhalten? Ist Neutralität noch zeitgemäss im Angesicht dieser Bedrohung?

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