«Merry Christmas»

Zu Weihnachten etwas Politikfreies

Ich bin eigentlich kein Weinexperte, aber trinke gerne ein Glas oder zwei. In guter Gesellschaft - an Weihnachten zum Beispiel - auch mehr, wenn ich nicht autofahren muss. Im Fachgeschäft einen guten Wein einzukaufen, kann auch amüsant sein.

Nun, vorgestern, am Samstag, es war etwa 14 Uhr, als ich den Weinladen "boire très agréable" bei uns betrat. Ich wollte für Robert und Pamela (meine Schwester), bei denen Claudia und ich zu Weihnachten eingeladen sind, einen guten Tropfen besorgen. Im Laden stand ein kleiner Dicker mit spärlichem Haarwuchs. Er trippelte, wenn er sich bewegte, und näselte leicht beim sprechen, als er mich fragte: „Roten oder Weissen?“ Ich war in diesem Jahr schon ein paar Mal hier gewesen, aber ihn habe ich nie gesehen.
„Einen Roten“, sagte ich. „Vielleicht sollte er zu Zigarren passen. Mein Schwager raucht Zigarren.“ „Gehen wir zu den Spaniern“, sagte der Verkäufer. Er nahm eine Flasche. „Dieser hier, delikat, würzig, traubig, fast monströs, hält jede Zigarre stand. Probieren Sie mal.“ Er entkorkte eine Flasche, die bereit stand, und goss Wein in ein Glas. Ich nahm einen ordentlichen Schluck. Er goss sich selbst auch ein und trank.
„Unglaublicher Nachhall, was?“, sagte er. „Hört gar nicht mehr auf, wow!“ Ich hatte noch nie gesehen, dass ein Weinverkäufer selbst mittrank, wenn er Wein verkaufte.
„Ja“, sagte ich. Ich verstehe nicht viel von Wein, obwohl ich ihn gern trinke. Wenn ich über Wein reden soll, scheitere ich ganz. Der Dicke nahm noch einen anständigen Schluck und griff nach einer anderen Flasche. „Dieser hier“, sagte er. „Voll konzentriert, opulent, auch geschmeidig, seidig im Abgang, gleichzeitig hölzern – eine Wucht.“ Er goss den Wein in zwei grosse Gläser. Wir kosteten.
„Hmmm“, machte ich, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte.
Ich dachte über hölzerne Seide und seidigem Holz nach. Der Fettleibige steigerte sich allmählich in die Sache hinein und zündete sich eine Zigarillo an. Wie kann es sein, dass ein Verkäufer in seinem Laden raucht, dachte ich. Er trank eilig einen zweiten Schluck. Ich auch.
"Nun, wie wäre es mit diesem hier", sagte er. Er füllte unsere Gläser und hielt sie gegen das Fenster. "Was für ein Rot!" „Wie das Blut aus dem Hals des Holofernes, nachdem Judith ihn köpfte.“ Er atmete über dem Glas tief ein und trank schlürfend. „Zwetschgig, kirschig, johannisbeerig“, sagte er. „Und dahinter irgendwo kalter Rauch, frisches Gemüse, ja, und Noten von Rohöl.“ Ich trank, er auch. „Ich habe noch nie Rohöl getrunken“, sagte ich. „Was Weinfachleute so alles saufen müssen!“ Er hörte nicht zu, wir tranken. „Hier, ein Chilene!“ sagte der gute Mann. „Ich gebe Ihnen von dem.“ Er füllte zwei Gläser und trank. „Muskulös, was?“. Er seufzte hingerissen. „Stämmige Textur, gleichzeitig dieses Wilde, Unnahbare – und ich schmecke Brot und Winzerschweiss, das Unterholz eines sterbenden Mischwaldes, die Spur eines streunenden Wildschweins im Moos und das Geschrei eines brünstigen Hirsches.“
„Banane“ sagte ich, weil ich auch was sagen wollte. „Als wäre Banane im Abklang, äh, Nachgang.
Er nickte gedankenverloren, als horche er auf etwas Fernes. „Einen letzten“, sagte er rasch, und nahm eine Flasche, füllte die Gläser. „Den kannst du auch nehmen (nun duzte er mich), ein 2007er Domaine du Traginer,, feinstaubig-tannig, vibrierend-tabakig am Gaumen, randig irgenwie auch, wachsig-mineralig, kräuterzuckrig, im fernen Hintergrund auch etwas auf Kürbisbasis." Wir tranken. Ich dachte, wenn er nicht mit Wein handeln würde, könnte er auch ein Adjektivgeschäft aufmachen. Da war hinter einer Tür am Ende des Ladens ein Geräusch zu hören. „Ich muss gehen“, sagte der kleine Dicke plötzlich hastig. „Mach's gut!“
„Aber“ sagte ich, da war er schon rausgehuscht. Er war offensichtlich in Weihnachtsstimmung,
Aus der Tür am Ladenende trat ein hoch aufgeschossener Mann mit randloser Brille und weisser Schürze. Er schnupperte und sagte: „Bitte rauchen Sie hier nicht!“ „Ich habe nicht geraucht, das war ein kleiner Dicker." Er seufzte auf, ging zur Ladentür, schaute hinaus, kam wieder zurück. „Mein Bruder“, sagte er. „Er soll hier eigentlich nicht rauchen. Ich habe es ihm verboten.“
„Er schreibt mir die Prospekte, verfasst auch Bücher über Wein und arbeitet für Weinjournale, wissen Sie“, fügte er hinzu. „Das kann er gut.“
„Ich glaub`s“, sagte ich.
„Sie suchen Wein?“ fragte er. „Wählen wir zusammen aus?“ Er machte eine Bewegung, als führe er ein Glas zum Mund.
„Oh, nein danke!“, ich nahm eine Flasche Traginer für 40.-, zahlte, wünschte ihm schöne Weihnachten und ging von dannen.

Ich erwarte nur, dass dieser Tropfen auch hält, was den Preis und die Bedienung betrifft.

Ich wünsche allen hier schöne Weihnachten, mit oder ohne Wein.

Hier einige Menüvorschläge fürs Festmahl, nur für Hartgesottene:

http://www.news.at/a/ekeliges-extremes-essen/meerschweinchen

2 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.


Mehr zum Thema «Gesellschaft»

zurück zum Seitenanfang