Protektionismus für das Ladengeschäft? Das Widerrufsrecht bei Kaufverträgen.

Beim Verkaufsprozess kann grob zwischen „proaktiv“ und „reaktiv“ unterschieden werden. Der „proaktive“ Verkauf bedeutet, dass der Verkäufer potentielle Kunden im Laden, auf der Strasse, am Telefon oder mittels Werbemails auf ein Angebot aufmerksam macht. Dies kann auch subtil erfolgen, beispielsweise mit Plakaten, Werbebanner oder Rechnungsbeilagen. Die „proaktive Hardselling“ Methode hingegen bedeutet, wenn wir ungefragt Besuch eines Staubsaugerverkäufers an der Haustüre, oder ungefragt Telefonanrufe von Weinverkäufern erhalten.

Der „reaktive“ Verkauf entsteht beispielsweise beim Bäcker, wo die Kundschaft mit einem klaren Bedürfnis gezielt das Geschäft aufsucht, oder beim Automaten am Bahngleis, wo die Interaktion (Geld in den Schlitz, Ware in den Ausgabekorb) alleine vom Kunden ausgeht, und das Angebot nur durch die Präsenz des stummen Automaten stattfindet.

Sehr bedenklich nun dieser Artikel. Sämtliche sogenannte „Fernabsatzgeschäfte“, also auch bei Internetshops, sollen ein Widerrufsrecht erhalten, welches sogar von sieben auf 14 Tage ausgedehnt werden soll. Dass dabei die Konsumentenschützer links überholt werden, stellt ein weiteres pikantes Detail dar.

Während das Widerrufsrecht für Haustürengeschäfte oder Outbound Telesales Verkaufsabschlüsse aufgrund eines zu aggressiven Gebarens seitens Verkäufer noch nachvollziehbar sind, wäre beispielsweise das generelle Widerrufsrecht beim Internethandel doch sehr fragwürdig. Stellen wir uns einen Internetshop für e-books vor. Da kann ja jeder innert 7 – 14 Tagen ein Buch gemütlich auf dem Tablett lesen, um es dann kostenlos genutzt zu haben. Oder beim Webshop für unser Weinbeispiel. Bestellt ein Kunde im Sommer einen Spitzenwein über das Internet, könnte er ja in einer geistigen Umnachtung dieses Gut originalverpackt draussen auf dem Balkon direkt an der Sonne lagern, um dann nach 14 Tagen die Rücksendung zu veranlassen. Auch für Webshops wie die von MIGROS oder COOP hätte es einige Implikationen, besonders für verderbliche Ware wie Milch, Gemüse oder Fleisch. Auch ist mir der Unterschied zwischen einem gedruckten Reiseprospekt aus dem Reisebüro um die Ecke und den Bildern des Internet – Buchungsportal nicht wirklich klar.

Für schadhaft angelieferte Produkte, oder Ansichtssendungen, geben die Allgemeinen Geschäftsbedinungen des Lieferanten Auskunft. Diese sind durch den Kunden vorgängig zu akzeptieren. Entgegen den Einkäufen beim Retailer sind die Bedingungen des Kaufs über das Internet somit restlos geklärt, bevor die Ware bezahlt wird.

Das Widerrufsrecht für „reaktive“ Ferngeschäfte, bei welchen der Kunde also von sich aus aktiv werden muss, ist ein Mumpitz sondergleichen, und stellt einen ganz offensichtlichen und exklusiven Schutz für Retailer mit Ladengeschäft dar. Falls so etwas eingeführt werden sollte, wird am Ende nur der Konsument damit bestraft, weil das Angebot an Internetläden massiv eingeschränkt würde, und sich am Ende wiederrum auf den Einkaufsverkehr negativ auswirken wird.

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