Die Wehrpflicht - Ein Auslaufmodell? Nein, ein absoluter Gewinn und eine Chance für die Schweiz!

Ein Erfahrungsbericht im Kontext der momentanen Diskussion über die Wehrpflicht

Am 29. Oktober war es auch für mich an der Zeit einzurücken. 300 Tage Dienst am Stück (mittlerweile sind es noch deren 251) stehen bevor. In einer politisch, sozial und wirtschaftlich instabilen Zeit wird im krisengeplagten Europa praktisch überall das Armeebudget heruntergefahren, die Armeen werden verkleinert und professionalisiert. Anders die Schweiz, letztes Jahr wurde das Armeebudget auf 5 Mia. CHF pro Jahr angehoben. Dies entspricht immer noch keinem proportionalen Wachstum gemessen an den Gesamtausgaben und international gesehen ist die Schweiz mit knapp 0.8% Armeeausgaben gemessen am BIP ebenfalls massiv unterrüstet (EU-Schnitt liegt bei ca. 1.4%). Doch immerhin.

Die nächsten paar Monate und Jahre werden für unsere Armee sehr entscheidend sein. So steht der Kauf des neuen Kampfjets Gripen kurz bevor, der Armeebestand wird bald von momentan knapp 180‘000 AdA’s auf rund 100‘000 Mann praktisch halbiert werden. Bis 2020 fallen weitere äusserst wichtige Rüstungsgeschäfte an; so sollen neue Drohnen gekauft werden und weiter soll eine neue Boden-Luft-Abwehr (BODLUV 2020) installiert werden. Parallel wird (sollten Regierung und Volk der Kampfjetbeschaffung zustimmen) die Gripen-Beschaffung anlaufen und natürlich muss die Armee auch an anderen Orten investieren und erneuern.

Aktuell steht jedoch ein anderes Thema zur Diskussion: Die Wehrpflicht. Genauer: Es wird momentan über die GSoA-Initiative diskutiert, welche die Wehrpflicht abschaffen will. Die Armee steht im Fokus wie selten zuvor. Die Diskussion darüber, welche Armee wir überhaupt wollen, wie teuer sie sein darf und was sie können soll ist berechtigt. Leider verfallen aber so manche Armeegegner dem Drang der Polemik, wenn sie auch nur das Wort „Armee“ hören. Dabei hätte die Armee (wie ich unten erklären werde) auch ihre sozialpolitischen Aspekte, welche auch für linke Kreise interessant wären.

Wie gesagt bin ich momentan gerade im Dienst und erhalte dadurch Einblicke und Erfahrungen aus der Armee von heute. Wie schlecht ist die Organisation wirklich? Wird der Dienst überhaupt einen Sinn ergeben? Wie ist der Umgang untereinander? Solche und andere Fragen stellte ich mir während der ersten Zugfahrt in die Kaserne. Ich möchte hier meine Eindrücke mit Ihnen teilen und Ihnen ein vielleicht etwas anderes Bild der Armee zeichnen, als Sie es aus den Medien und Abenteuerstorys Ihrer Kollegen kennen.

Positive Überraschungen

Ich habe in den vergangenen Monaten bereits so einige Beiträge über die Armee verfasst. Ich habe mich detailliert über diverse Themen informiert und war deshalb mehr oder weniger auf die Lebensumstellung vorbereitet. Tatsächlich erwartete ich kein perfektes System beim Einrücken, ich erwartete das organisierte Chaos und aggressive, „laute“ Vorgesetzte, sowie die härtesten Wochen meines Lebens.

Nichts von all dem trat ein – wohlgemerkt, ich bin in einem Infanterie Durchdiener Batallion. Zwar entpuppte sich die Organisation in den ersten paar Wochen RS tatsächlich als ein bisschen chaotisch, doch das ist normal. Für die unteren Kader (welche selbst auch noch in der Ausbildung stecken) ist der ganze Betrieb auch neu. Nach den ersten 2 Wochen pendelte sich der Betrieb jedoch überraschend gut ein. Oder anders gesagt; ich hätte schlechtere Zustände erwartet. Natürlich gibt es in einem Betrieb mit gut 800 Personen, welche alle zur selben Zeit ausgerüstet und ausgebildet werden, Komplikationen. Natürlich muss man ab und zu warten – doch das „grosse Ghetto“ blieb aus. Längere Wartezeiten oder Probleme waren viel eher auf Startschwierigkeiten oder Missverständnisse der tieferen Kader zurück zu führen. Generell kann ich auch sagen, dass der Umgang untereinander sehr normal ist. Zwar ist der Ton etwas lauter und deutlicher als im zivilen Leben, doch grundsätzlich spricht man miteinander wie sonst auch. Die Vorgesetzten sind eigentlich immer fair und engagiert, manchmal für meinen Geschmack sogar zu freundlich. Weiter wird sehr darauf geachtet, dass die Rekruten möglichst mindesten 6 Stunden Schlaf (ab und zu auch mehr) erhalten, jeder Zug sollte etwa 30 Minuten zum Essen haben und grundsätzlich bleibt auch genügend ID-Zeit (Duschen, usw.).

Kurz; das Leben ist keineswegs gemütlich, doch man achtet auf einen normalen Umgang und auf sinnvolle Tagesplanungen. Auf sinnlose Beschimpfungen und Schikanen wird generell verzichtet. Die RS – die härteste Zeit im Militär – ist definitiv zu überstehen, sie ist physisch und psychisch anstrengend aber sicherlich keine Qual. Nach ein paar Wochen sieht man bereits mehr oder weniger wie der Hase läuft, man weiss was man sich erlauben darf und was nicht – aber vor allem sieht man, dass auch die Vorgesetzten „nur“ Menschen sind. Meistens sogar noch in etwa im selben Alter, sprich mit ähnlichem Humor und mit ähnlichen Interessen und Hintergründen.

Was lernt man überhaupt in der RS?

Hat man erst einmal die anfänglichen Strapazen und Anpassungen überwunden, so beginnt man –nach den ersten Wochen Dienst – erstmals zu realisieren, was man im Militär überhaupt alles lernt. In den Medien hört man von den armeefreundlichen Politikern oftmals das Wort „Lebensschule“ oder die Begriffe „Erfahrungen für’s Leben“ und „Dienst an die Gesellschaft.“ Auch hier; wenn man selbst noch nie Dienst geleistet hat, kann man sich darunter nicht wirklich etwas vorstellen. Jene, welche momentan am lautesten gegen die Armee bellen (wie NR Cédric Wermuth) haben noch keine einzige Sekunde Dienst geleistet. Genau dieser Art von Personen würde der Dienst jedoch gut tun, sie würden die Armee aus einem anderen Blickwinkel kennen lernen (was nicht bedeutet, dass man sie blind unterstützt) - doch man könnte sich selbst ein Bild der Lage machen.

Viele der Rekruten ändern in den ersten paar RS Wochen ihre Meinung zur Armee, weil sie sich den Dienst im Voraus anders vorgestellt hatten. Manche brechen die Übung ab und lassen sich in den Zivi umteilen, andere entscheiden sich für die Weiterbildung in einer Kader-Position. Zu meiner Überraschung kommt die Armee bei vielen jungen Männern gut an - Die Motivation in der Truppe ist besser, als ich es im Voraus erwartet hätte. Auch Kaderanwärter lassen sich überraschend viele finden. Die Medien und linke Propaganda leisten hier eine „gute“ Arbeit, denn dieses Bild wird in der Allgemeinheit komplett verzerrt wahrgenommen. Die strikten Armee-Gegner unter den Rekruten, welche sich komplett quer stellen brechen den Dienst innerhalb der ersten Wochen ohnehin ab, einige andere verletzen sich während dieser Zeit, bzw. es wird festgestellt, dass sie den Dienst aus medizinischen Gründen nicht leisten können. Auf rund 800 eingerückte Rekruten entfallen nach den ersten paar Wochen gut 80 - 100 Entlassene (aus medizinischen oder psychlogischen Gründen).

In der RS lernt man die eigenen Interessen zum Wohl des Ganzen zurück zu stellen, die Privatsphäre schrumpft auf ein Minimum zusammen und man muss sich ziemlich schnell daran gewöhnen, dass einem so ziemlich alles befohlen wird. Einerseits lockern sich diese Zustände wieder, wenn man sich untereinander besser kennen lernt und wenn man weiss, wem man Verantwortung und Freiheiten übertragen kann und wem nicht. Was aber unverkennbar ist, ist der Zusammenhalt untereinander. Dieser Zusammenhalt entwickelt sich bereits am ersten Tag – oftmals kennt man (auch später) kaum den vollen Namen des Gegenübers, doch das ist egal – man hilft, wenn es etwas zu helfen gibt. Man ist automatisch aufgeweckter und übernimmt selbständig Verantwortung, schaut, dass man pünktlich am richtigen Ort erscheint. Man hilft den Schwächeren und man überträgt den Stärkeren mehr Verantwortung. Das ist in der Tat ein Erlebnis, das man nur in der Armee sammeln kann. Dieses Gefühl des Zusammenhaltes, der Hilfsbereitschaft und Aufrichtigkeit ist ohne Zweifel eine Lebensschule. Man lernt sich für andere aufzuopfern und sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Dieser Zusammenhalt beeindruckte mich persönlich stark.

In der Endüberlegung werden alle Rekruten einmal mit ihrem Dienst fertig sein und wieder ins zivile Leben zurückkehren. Alleine diese Werte – Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Gehorsamkeit und Hilfsbereitschaft – sind nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Gesellschaft von unschätzbarem Wert.

Doch das ist noch längst nicht alles. Grundsätzlich ist der Militärdienst in den ersten paar Wochen von Natur aus spannend, da man viele neue Dinge lernt. Man ist sich bewusst, dass man eine Waffe mit scharfer Munition in den Händen hält – man ist sich der Verantwortung deswegen bewusst. Das erste Mal schiessen, der erste Marsch oder überhaupt; das erste Mal die Uniform tragen zu dürfen/müssen ist ein Erlebnis. Zu lernen, wie man die Waffe bedient und reinigt ist ebenfalls eine wertvolle Erfahrung für’s Leben, welche man (ausser in Schützenvereinen) nur in der Armee holen kann. So habe ich persönlich (überhaupt kein Schiess-Freak) Freude am Schiessen bekommen.

Was gegen aussen praktisch überhaupt nicht kommuniziert wird: Man hat jedoch auch noch weitergehende Ausbildungen. Die Büroordonnanzen werden in Computerarbeiten spezialisiert und unterstützen die Kader bei der Organisation. Hier ist definitiv Mitdenken gefordert (dies wird auch erwartet). Die Infanteristen wiederum erhalten die Spez-Ausbildungen (Funk, LMG, Panzerfaust, usw). und die Fahrer erhalten ihre Fahrer-Ausbildung. Letzere ist auch für das Privatleben sehr wertvoll, denn die Lastwagenprüfung würde im Zivilen mehrere tausend CHF kosten. Im Militär ist die Ausbildung gratis. Alle AdA’s erhalten Selbstverteidigungskurse und auch theoretische Weiterbildungen (z.B. Sicherheitspolitik, Weiterentwicklung der Armee, Ausrüstung, Gefahren, Terrorismus, ABC-Abwehr, usw.). Die Ausbildung ist vielseitig und – zumindest zu Beginn – sehr spannend.

Fazit: Wie sinnvoll ist die Wehrpflicht?

Ich bin der Meinung, dass diese Ausbildung als Ganzes Sinn macht und erst noch spannend ist. Im Gegenzug muss man halt einige Kröten schlucken und ab und zu halt auch einmal ein bisschen durchbeissen – aber auch das ist eine gute Lehre. Für manche, welche das bisherige Leben auf der Schulbank verbracht haben und/oder Zuhause verhätschelt wurden, ist das Militär eine sehr gute (und meiner Meinung nach notwendige) Abwechslung. Ich persönlich habe gelernt den Dienst als Chance zu sehen – als Chance etwas für’s Leben zu lernen und das Beste aus der Situation zu machen. Wenn man sich diese Einstellung erst einmal angeeignet hat, fallen einem viele Aufgaben leichter. Man beginnt das Ganze nicht mehr so eng zu sehen, man beginnt sich einzugliedern. Und dann erhält man automatisch mehr Verantwortung und spannendere Aufgaben, dann wird Militär höchstwahrscheinlich richtig spannend. Zumindest bei mir ist dies der Fall; ich bin nun seit einigen Wochen im Batallionsstab im Bereich der Planung und erhalte hier viel Verantwortung und Freiheiten –und muss im Gegenzug meine Leistung erbringen.

Die Wehrpflicht ist eine Chance – Keine Last!

Wie eingangs beschrieben hatte auch ich zu Beginn Bedenken, wie sinnvoll ich die 300 Tage Dienst verbringen würde. Bereits in der 4. Woche zeichnete sich ab – es wird eine grösstenteils tolle, spannende Zeit werden. Vor dem Dienst habe ich persönlich die Dienstzeit als Hindernis angesehen, viel lieber hätte ich mein BWL-Studium begonnen. Dies hat sich bis heute zwar nicht geändert, doch den Dienst nehme ich garantiert nicht mehr als Hindernis wahr. Es ist doch schon ein bisschen verblüffend mit anzusehen, wie GSoA und Linke, welche grösstenteils keine Sekunde Militärdienst geleistet haben, derart verhasst gegen die Wehrpflicht schiessen. Es ist verblüffend mit anzusehen, wie sich während der Dienstzeit die Meinungen auch unter den Rekruten verändert – mancherorts ins Negative (weil man etwas ganze anderes erwartet hatte) und manchmal, wie bei mir, ins Positive.

Aus rein Gesellschaftspolitischer Sicht, ist die Wehrpflicht aus den genannten Gründen äusserst wertvoll. Die Wirtschaft profitiert von zuverlässigen Mitarbeitern, die „Mitarbeiter“ selbst können im Militär (auch ohne Kaderausbildung) auf ganz verschiedene Art und Weise Verantwortung übernehmen. Eine abgeschlossene RS ist somit auch gleichzeitig eine Art Gütesiegel für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der Militärdienst ist heute meiner Meinung nach soweit weiter entwickelt worden, dass er besonders auch für Frauen attraktiv wäre. Auf dem Papier haben Frauen heute in der Wirtschaft mancherorts sogar leichte Vorteile gegenüber den Männern, weil sie während eben dieser Dienstzeit arbeiten können und Berufserfahrung sammeln können (respektive keine militärbedingte Abwesenheit im Betrieb verursachen). Auf der anderen Seite entgeht ihnen eine Lebensschule, es entgeht ihnen Führungserfahrung zu sammeln und es entgeht ihnen eine Menge Lebenserfahrung. Ich selbst habe diese Aussagen der bürgerlichen Armee-Befürwortern auch nicht wirklich geglaubt. Für mich waren es halbwegs leere Worte, welche dazu dienen, das Militär und die Wehrpflicht zu rechtfertigen. Nun, ich lag falsch.

Im Militär trifft man die verschiedensten Personen aus der ganzen Schweiz, Personen mit den verschiedensten Hintergründen, Ausbildungen und Lebenseinstellungen. Ich denke es tut jedem einmal gut, nicht nur unter gleich alten, gleich ausgebildeten, gleich sprechenden Personen zu leben. Die Romands, welche am 29. Oktober eingerückt sind, sprechen mittlerweile spürbar besser Deutsch – Zu Beginn mussten sich die Vorgesetzten (welche damals ebenfalls praktisch kein Französisch sprachen) mit Englisch und Handzeichen verständigen, sofern kein Übersetzer in der Nähe war. Für eine kleine Minderheit entpuppt sich die RS daher sogar als Sprachaufenthalt „der etwas anderen Art.“ Wieder andere leisten den Militärdienst in Form eines Praktikums (KV) als Büroordonnanz und wieder andere können in der Armee sogar ihren Berufen (Lastwagenchauffeur, Elektroniker, Mechaniker, Koch, KV-Lehrling) nachgehen und eben trotzdem noch Berufserfahrung sammeln. Genau hier liegt die Stärke des Miliz-Systems.

Weiterentwicklung der Wehrpflicht

Meiner Meinung nach sollten genau diese Aspekte der Wehrpflicht weiter entwickelt werden. Der Militärdienst sollte (noch) attraktiver werden, nicht umsonst hat er bereits heute ein einigermassen gutes Ansehen bei den Jugendlichen. Einerseits ist der Militärdienst eine Abwechslung vom „langweiligen“ Alltag, am Büro oder in der Uni sitzen kann man noch ein Leben lang. Militär leisten die meisten von uns nur ca. 1 Jahr lang. Diese Zeit sollte man besonders für das Zivilleben g