Asteroiden kommen von links und rechts. Hilfe, die Welt geht unter ;-)

Da das Ende der Welt wieder einmal unvermeidlich ist, macht sogar die Dauerkrise Pause und geht Weihnachtsgeschenke einkaufen; wir halten kurz inne und kommen irgendwie zur Besinnung. Fürs Fest der Liebe reicht es ja heuer angeblich nicht mehr, aber wir tun das, was wir schon immer am besten konnten: wir ignorieren, was wir lieber nicht wissen wollen, und das mit inbrünstiger Nachhaltigkeit.

Geht das überhaupt? Sind wir so bewusst handelnde Menschen, dass wir all die Botschaften, die ständig auf uns reinprasseln, verstehen, überprüfen und richtig werten könnten, auf dass wir sie in den Tresor unserer wertvollen Erfahrungen und Erkenntnisse legen, sie als unwichtig kategorisieren und zum Recycling bereitlegen oder sie mit der nötigen Vorsicht auf der Giftmülldeponie entsorgen? Diese Frage scheint mir sehr wichtig zu sein, für uns Menschen, die sich der Informationsgesellschaft stellen müssen. Und vor allem wir Schweizer müssen sie beantworten können, wenn wir die direkte Demokratie mit der Sorgfalt pflegen wollen, die einen zartes Pflänzchen dringend braucht.

Mir persönlich ist die immer stärkere Polarisierung im politischen Diskurs ein Dorn im Auge. Dieser Artikel von Herrn Oskar Freysinger bringt auf den Punkt, was ich meine, wenn ich auch seine Einseitigkeit erwähnen muss. Er macht im Grunde genau das, was er selber kritisiert, perfekt: er manipuliert. Er ist selber Teil - wenn nicht gar ein Star - in der Gesellschaft des Spektakels. In den letzten Jahren hat die Polarisierung und auch die Personalisierung der Politik stetig zugenommen. Der „Klartext“ wurde eingeführt, der wohl oft gar nicht zur Klärung beiträgt, sondern den Bürger einfach zutextet. Man suggeriert, als einziger die Wahrheit zu erzählen, und macht seine politischen Gegner klein und spricht ihnen sogleich jede Vertrauenswürdigkeit ab. Diese Taktiken sind ja alle uralt und gehören zur Politik, seit die Menschen sich organisieren, aber durchschauen wir sie wirklich? Und wenn ja, können wir all diese Aufrufe zum Misstrauen und Appelle zur letzten Schlacht wirklich filtern?

Wenn man sich umhört, spürt man auch in der Schweiz die Tendenz zur extremen Polarisierung wie in den USA. Die Mitteparteien haben ja auch tatsächlich Mühe, in diesem Umfeld Konturen zu zeigen und verlieren "ihre Mitte"; wo extreme Botschaften schnell und dankbar von den Medien aufgenommen werden, wird man als vernünftiger Pragmatiker, der vielleicht sogar eine unangenehme Wahrheit ehrlich kommuniziert, wohl eher als Langweiler oder gar Störenfried wahrgenommen, und bekommt zum Dank nicht genügend Stimmen für die Wiederwahl. Ja, auch das Gegenteil gibt es, das ist klar. In der Mediendemokratie mit den anständigen Umgangsformen halten es eher Teflonmenschen in der Öffentlichkeit aus und wer zu sehr aneckt, wird sogleich entfernt – auf beiden Polen. Mir gefällt das Fazit jetzt nicht wirklich, aber könnte dieses Umfeld effektiv populistisches Mittelmass fördern? Denjenigen, der kontrollieren kann, wie er dargestellt wird und der möglichst effektiv die Botschaft verbreitet, die sein Wähler hören will? Und weniger die Wahrheit, auf jeden Fall nicht der Teil, der bei der eigenen Klientel nicht ankommt?

Das sagenhafte „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern“ wird oft angeführt, um an unseren Nationalstolz zu appellieren. Sind wir das eigentlich noch? Ich lese und höre oft, dass der eine oder andere ein schäbiger Landesverräter sei, das Parlament eine Dunkelkammer, die Wirtschaft die Politik im Sack hat und die Wirtschaftsführer alle Abzocker seien. Hilfswerke nur Teil der Sozialindustrie, die Etatisten und Kollektivisten nur Umverteiler vom hart erarbeiteten Geld an Sozialschmarotzer, Steuern und Bussen staatlicher Diebstahl, Steuerhinterziehung üblich und das Militär bloss eine Geldumverteilungsmaschine für die Korrupten und die Industrie. Und, und, und.

Dass Politiker, Agitatoren, Journalisten und Lobbyisten gekonnt mit diesen politischen Kampfbegriffen umgehen können, versteht sich von selbst. Es ist ja eben ihr täglich Brot geworden; es gibt wohl nicht wenige PR-Agenturen, die mit ihrer Expertise viel Geld verdienen. Aber versteht das ein einfacher Bürger noch? Wie viele durchschauen dies noch? Und vor allem: was bleibt davon bei uns hängen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind? Sind wir noch rational und frei in unserer Entscheidung? Wie beeinflusst dies unseren „freien“ Willen? Ich spüre, dass wir ein zutiefst gespaltenes Volk sind. Das Spielfeld Schweiz scheint sich in eine stark konservativ geprägte ländliche und eine eher progressive städtische Hälfte aufzuteilen.

Ich vermisse Kräfte, die ausgleichen und vermitteln. Es gibt einige löbliche Ausnahmen, aber eben auch die starke Tendenz zu mehr Polarisierung und mehr extremen Positionen. Dass unter diesen Umständen die sogenannte Konkordanz wohl eher mathematisch definiert bleiben wird, bedaure ich sehr. Vielleicht würde es etwas bringen, wenn die gewählten Volksvertreter der Regierungsparteien sich zum Beginn der Legislatur auf einen Koalitionsvertrag einigen könnten – eine gemeinsame Vision? Gut, diese Latte liegt sehr hoch, bei Parteien mit komplett unterschiedlichem Verständnis, welcher Weg der richtige wäre.
An die Wahrung von Fairness im politischen Diskurs zu appellieren wäre wohl auch etwas blauäugig, oder? Ich höre schon, wenn man keine Argumente mehr habe, werde die Stilfrage gestellt.

Also, dann machen wir es halt alle Jahre wieder: wir freuen uns auf das Fest der Liebe, lassen und von Politik und Werbung manipulieren, kaufen was das Zeug hält, reissen uns ein paar Tage zusammen und sind richtig nett zueinander.

Man weiss ja nie, wann die Welt wirklich untergeht.
Und aus welcher Richtung der nächste Asteroid kommen wird.
Oder ob wir es ohne Hilfe von "oben" schaffen?

Schau in die Nacht und verpasse ja nicht, wo wieder das hellste Glitzerfeuerwerk krachend explodiert. Eigentlich ganz nett, die Dauerkrise.

If tomorrow never comes


I Don't Want to Miss a Thing

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