Die Gefahr von Cyber-Kriegen wächst. Warum man nicht "von gestern" sein muss, um für eine starke Armee zu sein.

„Jeder hält die Grenzen des eigenen Gesichtsfelds für die Grenzen der Welt“, hat der deutsche Philosoph Arthur Schoppenhauer einmal geschrieben. Damit beschreibt er treffend, woran es vielen Menschen auch im 21. Jahrhundert noch mangelt: der Weitsicht.

Fast schon im Jahrestakt werde ich auf der Strasse von sogenannten Armeegegnern angesprochen – mit Kugelschreiber und Unterschriftenbogen bewaffnet. Ich sei doch bestimmt auch dafür, dass wir diese nutzlose und geldfressende Armee endlich abschaffen. „Dann brauchen Sie nur noch hier zu unterschreiben.“

Ich zögere, der Bitte Folge zu leisten. Man schaut mich nun etwas ungläubig an: „Hey komm schon, glaubst du wirklich noch an das Märchen, dass es wieder einmal Krieg bei uns gibt? Die Zeiten des Kalten Krieges sind vorbei und wir sind von lauter Freunden umgeben.“ Auch nach diesen vermeintlich stichhaltigen Argumenten, setze ich den Stift nicht zur Unterschrift an.

Der Aktivist wirkt nun sichtlich ungeduldig. Wir sind am Punkt angekommen, an dem man sich nicht mehr auf Augenhöhe begegnet. Hier die moralisierenden Armeeabschaffer, dort derjenige, der keine Ahnung hat. Mir wurde soeben einen Stempel auf die Stirn gedrückt mit der Aufschrift: „Ewig Gestriger“. Wie kann der bloss in seinem jungen Alter noch für eine starke Armee sein? Mit dem stimmt doch etwas nicht. Aber stellen Sie sich vor: Auch junge Leute können einen Grund haben, gegen die Abschaffung der Armee zu sein.

Sicherheit als wichtige Staatsaufgabe

„Die Wehrpflicht ist unsinnig, teuer und vor allem eine massive Freiheitsberaubung für junge Männer. Es ist Zeit, diesen alten Zopf abzuschneiden!“ Mit diesen Worten preist die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) ihre neuste Initiative auf ihrer Homepage an.

Solche und ähnliche Forderungen zur Dezimierung oder gar Abschaffung der Armee sind fahrlässig und verkennen die Realitäten. In den letzten Jahren hat die Politik der Schweizer Armee bereits viel zu viele Stachel gezogen – vor allem personell und finanziell.

Die Prioritäten werden in der heutigen vermeintlich friedlichen Epoche überall gesetzt – nur nicht bei der Armee. Dabei wird übersehen, dass eine der wichtigsten Staatsaufgaben die Garantierung der Sicherheit für die Bürger ist. Dass immer gerade in diesem Bereich gespart wird, damit Steuergelder im Ausland verschleudert werden können, entbehrt einer gewissen Ironie. Anstatt den eigenen Bürgern zu dienen, werden Milliarden in den IWF gepumpt, um ein idealistisches Euro-Konstrukt aufrecht zu erhalten. Den Schweizern will man weismachen, dass für ihre Sicherheit leider nicht genügend Mittel vorhanden seien, während am nächsten Tag die Entwicklungshilfe-Zahlungen erhöht werden.

Eine Armee Ja – aber welche?

Die meisten jüngeren Menschen wachsen in einer Wohlstandsgesellschaft auf. Dies wird langfristig nicht ohne Folgen bleiben. Die Lust am Konsumieren nimmt zu, während der langfristige Gedanke an die Zukunft zunehmend verloren geht. Dass es jemals wieder zu einem Krieg kommen könnte, scheint den meisten ein abstruser Gedanke zu sein. Viel mehr als ein müdes Lächeln ernte ich jeweils nicht, wenn ich ernsthaft die These vertrete, dass wir uns auch in Zukunft keineswegs sicher fühlen können.

Vertrete ich die Meinung, dass die Österreicher mit ihrer Armee in die Schweiz einfallen und alles kurz und klein schlagen? Natürlich nicht. Die Chancen, dass unsere Nachbarländer in Kürze über uns herfallen sind tatsächlich nicht allzu gross. Es gibt aber Bedrohungen und Gefahren, die heute nicht allzu ernst genommen werden. Eine der Wesentlichsten ist der Cyberkrieg. Die Schweiz von heute ist leider noch weit davon entfernt, für diesen Krieg gerüstet zu sein, wie der Skandal um den Schweizer Geheimdienst gezeigt hat. Bei diesem wurden sensible elektronische Daten entwendet während die Schweizer Behörden nur zuschauen konnten. Die Armee von morgen muss dringend diese neuartigen Bedrohungen in ihre Strategieüberlegungen miteinbeziehen.

Cyberkrieg – ein wenig beachtetes Phänomen

Viele haben keine klaren Vorstellungen davon, was ein Cyberkrieg alles beinhalten kann. Viele denken beim Wort Krieg an Sturmgewehre, Panzer oder Bomben. In einem Cyberkrieg existieren diese konventionellen Waffen nicht. Ist es dann nicht einer Übertreibung bei Hackerangriffen von Krieg zu reden? Dabei sterben ja keine Menschen, oder? Leider weit gefehlt. Die Auswirkungen von Cyberkriegen können verheerend sein.

Die beiden Journalisten Andreas Rinke und Christian Schwägerl veröffentlichten 2012 ein äusserst empfehlenswertes Buch mit dem Titel ‚11 drohende Kriege‘. Darin benennen sie Cyberkriege als ein ernst zu nehmendes Zukunftsszenario und zeigen mögliche Bestandteile und Abläufe eines solchen Krieges auf. Was die beiden Autoren dort beschreiben, muss man sich zuerst einmal auf der Zunge vergehen lassen.

Lahmlegung der Wirtschaft

Viele der Szenarien kann sich der Durchschnittsbürger gar nicht vorstellen. Deutsche Geheimdienste entwickeln beispielsweise bereits Szenarien, wie Cyber-Kriminalität in eine neue Form von Terrorismus übergehen könnte. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich vertritt die Meinung, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis kriminelle Banden oder Terroristen virtuelle Bomben zur Verfügung haben werden. „Mit solchen Angriffen könnte eine Volkswirtschaft empfindlich getroffen werden“, warnt er. Dies könnte beispielsweise geschehen, indem der ganze elektronische Zahlungsverkehr von Banken lahmgelegt wird, Kontostände gelöscht oder hohe Börsentransaktionen ausgelöst werden.

Eine solche Attacke kann eine Wirtschaft empfindlich treffen. Wenn das Schweizer Finanzsystem beispielsweise von einem Virus befallen würde, das solche oder ähnliche Aktivitäten auslöst, könnte es sein, dass ausländische Banken und Unternehmen aus Angst vor einer Virenübertragung den Datenverkehr mit der Schweiz abbrechen. Damit gingen unter Umständen unzählige Firmen Bankrott.

Manipulation von Verkehrssystemen

Es geht aber nicht nur um wirtschaftliche Risiken. Auch die Sicherheit ganzer Nationen steht auf dem Spiel. Immer mehr kommen beispielsweise unbemannte, bewaffnete Drohnen zum Einsatz. Wer weiss, ob die Schweiz nicht auch schon bald solche anschaffen wird. Drohnen werden von Soldaten von einem Computer aus ferngesteuert. Nicht auszudenken, wenn solche Drohnen gehakt werden und in die Hände von fremden Mächten fallen. Was, wenn diese plötzlich auf die eigene Bevölkerung zu schiessen beginnen, ohne dass man nachvollziehen kann, wer genau hinter den Attacken steht?

Auch Angriffe auf die Gesellschaft ohne konventionelle Waffen sind denkbar. Unser Wohlstand basiert auf einer funktionierenden, immer stärker vernetzten, elektronischen Infrastruktur. Könnte es nicht sein, dass digital hochgerüstete Staaten, Gruppen oder Individuen uns bedrohen, indem sie beispielsweise von einem ausländischen Standpunkt aus in das elektronische System der SBB eindringen? Dort könnten sie unter anderem die Weichenstellung so manipulieren, dass an einem Tag Duzende von Zügen ineinander rasen.

Auch im Strassenverkehr könnten Verkehrsregelungs-Systeme gehakt werden. Was geschieht wohl, wenn auf allen Strassenkreuzungen plötzlich nur noch grüne Lichtsignale aufleuchten? Das Chaos wäre perfekt.

Nationale Sicherheit in Gefahr

Cyberkrieg kann noch perfidere Züge annehmen. Stellen Sie sich vor, ausländische Mächte übernehmen unverhofft die Kontrolle über die Stromzufuhr in Schweizer Spitäler. Die Täter könnten derweil die politischen Repräsentanten erpressen und Zugeständnisse erlangen. Wenn die Schweizer Vertreter nicht tun, was von ihnen verlangt wird, werden die Anweisungen für Beatmungsgeräte und Infusionen so manipuliert, dass Tausende von Patienten sterben.

Ein Ort, wo wir ebenfalls empfindlich getroffen werden können, ist die Lebensmittelversorgung. Anstatt Bomben über der Schweiz abzuwerfen, könnten auch einfach alle Kühlsysteme von grossen Lebensmittelketten abgeschaltet werden. Das Chaos wäre perfekt, wenn die Migros und der Coop auf einmal leer stünden.

Weiter denkbar wären elektronische Hackerangriffe auf Staudammsysteme. Schleusen könnten sich wie von Geisterhand komplett öffnen und ganze Regionen überfluten.

Eines wird bei der Betrachtung dieser möglichen Szenarien klar: Die Freiheit, Sicherheit und Unabhängigkeit der Schweiz befinden sich in ernsthafter Gefahr, wenn wir uns vom globalen Wettrüsten im digitalen Bereich abkoppeln. Die Chinesen und die USA sind uns bereits meilenweit voraus. Es ist deshalb fahrlässig, der Armee die nötigen Mittel zu entziehen, die sie braucht, um unsere Werte auch in der neuen digitalisierten Welt noch verteidigen zu können.

Andererseits muss sich unsere Armee aber auch intensiver auf solche Hackerangriffe vorbereiten. Einfach nur Mittel zu sprechen reicht natürlich nicht. Es braucht eine umfassende Anpassung der Strategie. Unsere Systeme müssen ständig die neusten Sicherheitsstandards erfüllen, um solchen katastrophalen Hackerangriffen zu entgehen – und das kostet leider Gottes etwas. Sparen wir weiterhin am falschen Ort, steigen die Chancen, dass wir im Cyberkrieg den Kürzeren ziehen und damit all unsere Errungenschaften verlieren.

Eine funktionsfähige Armee, die mit allen technischen Wassern gewaschen ist, ist Voraussetzung für unsere Kinder, dass sie auch in Zukunft in Sicherheit und Freiheit aufwachsen können.

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