Obama hat es einfach nicht drauf

Nach seiner Wiederwahl stand Bush Junior vor die Kameras und diktierte seinen Gegnern die Bush-Agenda auf. Anstatt auf Zusammenarbeit zu setzen, warf er seinen Sieg bei den Präsidentschaftswahlen in die Waagschale und zeigte dem Land, wo es lang geht. Man kann über Bush sagen, was man will, der Mann nutzte die Macht des Präsidentenamtes, um seine Agenda durchzusetzen. Er hielt an Leuten fest, die andere Politiker längst gefeuert hätten und er verfolgte seine Ideen gegen den Rest der Welt. Von Obama kann man dies nicht behaupten. Obama ist seit seiner Wahl ein “schwacher” Präsident. Nicht einmal seine Wiederwahl nutzt er, um seinen Gegnern zu zeigen, “wo der Hammer hängt”.

Amerika steht vor der so genannten “Fiscal Cliff”. Einigen sich Demokraten und Republikaner nicht auf ein Budget, treten automatische Steuererhöhungen und Ausgabekürzungen ein. Nachdem es Obama in den ersten vier Jahren nicht geschafft hat, ein Budget aufzustellen, scheint er auch jetzt nicht in der Lage zu sein. Er kann nicht einmal innert nützlicher Frist Steuererhöhungen für die Reichen durchzusetzen. Dabei hätte Obama alles in der Hand gehabt, um die Republikaner alt aussehen zu lassen. Stattdessen flog er kurz nach seiner Wiederwahl nach Asien, um mit eher unwichtigen Ländern wie Burma und Thailand Verhandlungen über nichts Konkretes zu führen. Auch wenn die Time dies mit viel gutem Willen als weitsichtige Handlung darzustellen versucht, die Amerikaner fühlen sich von ihrem Präsidenten allein gelassen und die Republikaner nutzen die Situation, um sich besser zu positionieren.

Europas blinde Verliebtheit in Obama

In der Wahlnacht war ich in Hawaii, dem Heimatort von Obama. Obwohl Hawaii deutlich für Obama stimmte, gab es kein Freundentaumel. Etwa zwei Stunden nach der Wahl stand ich in einem Supermarkt und konnte das Gespräch einiger Schwarzer mitverfolgen. Sie waren alle Stolz, dass Obama wiedergewählt wurde und bemängelten gleichzeitig seine fehlenden Erfolge. Er müsse endlich Führung übernehmen und sich nicht immer über den Tisch ziehen lassen.

Während wir Europäer immer noch in der Anfangsphase von Obamas Verliebtheit zu stecken scheinen, müssen die Amerikaner mit seiner Politik leben und diese wird weit weniger erfolgreich angeschaut. Es ist möglich, dass seine Investitionen das Land vor dem Totalabsturz gerettet hat. Gleichzeitig sind die Amerikaner aber auch weitgehend der Überzeugung, dass Obama in Verhandlungen immer wieder einknickt. Vor allem Wallstreet gegenüber. Die meisten Amerikaner, die ich getroffen haben, unterstützen die Bankenrettung. Sie lasten es aber dem Präsidenten an, dass die Banken einen Blankocheck ohne Gegenleistung erhielten. Sie nehmen es Obama Übel, dass zwar die Banken gerettet wurden, diese in der Folge aber viele Hausbesitzer vor die Türen setzten. Die Amerikaner hätten erwartet, dass die Banken gezwungen werden, Hausbesitzer so zu retten, wie auch die Banken selbst gerettet wurden. Wie gut es ankommt, dass Obama sich in dieser Zeit Rat bei einem der wichtigsten Banker holt, kann man sich vorstellen. Obama erscheint den Amerikanern wieder als schwacher Präsident.
Artikel in der Huffingtonpost
Artikel in der Zeit

Warum die Amerikaner dennoch Obama wählten? Es ging den meisten wie mir. Romney war zu Gesellschafts-Konservativ. Dazu hat er sich zu stark der TEA-Party an den Hals geworfen. Auch ein schwacher Präsident. Und das ist definitiv nicht das, was die Welt im Moment braucht.

Führung ist ein aggressiver Akt

Wer eine Führungsrolle beansprucht, schwingt sich zu “Höherem” auf. Er oder sie setzt die Agenda, fällt Entscheidungen, bestimmt das Personal. Dabei ist es egal, ob es sich um einen Wirtschaftsführer, den Dalai Lama oder den US-Präsidenten handelt. So sehr ich Obama als Person schätze und viele seiner Ansichten teile - aber einige wie sein Drohnenkrieg ablehne - Obama scheint bis heute nicht in die Rolle des mächtigsten Mannes hineingewachsen zu sein.

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