Mit „Paywalls“ gegen „Gratiskultur“ – oder sollen Medien wieder vermehrt auf staatliche finanzielle Zuwendungen zugreifen?

In der Schweiz ist unter Verlegern zur Zeit die Paywall für Online-Informationen das Thema: die „Neue Zürcher Zeitung“ hat sie als erste eingeführt, der „Tages-Anzeiger“ zog nach, das Boulevardblatt „Blick“ will sie 2013 einführen.

Vorweg: mir persönlich ist die Einführung der Paywall pfeifegal. Auch die Überlegung, Suchmaschinen für das Listen von Medieninhalten zur Kasse zu bitten oder in Kauf zu nehmen, dass sie alternativ keine Inhalte aufsässiger Online-Medien mehr verlinken, interessiert nicht. Denn die Informationen, die wir benötigen, erhalten wir auch aus anderen Quellen, die Welt wird sich trotz Paywall-Medien weiter drehen.

Für die meisten Medienkonsumentinnen und -konsumenten liegt der größte Vorteil der Paywall allerdings darin, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Online-Medien das Geld für ein Abonnement auch wirklich wert sind. Die Frage stellt sich ihnen leider nur bedingt, denn keine der vorgenannten Zeitungen verzichtet vollständig auf Gratisartikel:

  • Die „NZZ“ schenkt registrierten Nutzern die Lektüre von 20 Artikeln pro Monat.
  • Der „Tages-Anzeiger“ verlegt nur einen Teil seiner Artikel hinter die Paywall.
  • Auch „Blick“ will eine selektive, auf exklusive Artikel beschränkte Paywall einführen.

Die Einführung der Paywall bietet dennoch eine willkommene Gelegenheit, Qualität und Nutzen der etablierten Medien und ihrer Inhalte zu reflektieren.

Welche Informationen sind wirklich wichtig?

Die Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen leben teilweise von Berichten über Dinge, die in einer Demokratie alle betreffen. Wer sich über diese Dinge nicht informiert, hat das Nachsehen: weiß nicht Bescheid, kann nicht mitreden, ist abgehängt. Wird am Ende vor vollendete Tatsachen gestellt. In dieser Hinsicht scheint die Bevölkerung zu einem gewissen Grad von den Medien abhängig zu sein.
Zeitungen liefern wie Radio und Fernsehen Stoff, aus dem die freie Meinungsbildung in der Demokratie mitbesteht. Die Freiheit der Presse leitet sich nicht zuletzt aus dieser systemimmanenten Notwendigkeit freier Information her. In der Demokratie sind freie Medien denn auch systemrelevant. Das Internet revolutioniert diesen demokratischen Meinungsbildungsprozess, indem es die Verfügbarkeit von Informationen erhöht und katalysiert. Nebst etablierten Medien vernetzt das Internet teils neue, die etablierte Presse ergänzende Informationsquellen:

  • PR-Erzeugnisse von Unternehmen, Organisationen, Behörden und Privatpersonen
  • Meinungsbeiträge von Politikerinnen, Politikern, Bloggerinnen, Bloggern, Bürgerinnen und Bürgern
  • Bürgerjournalismus

Auf der Suche nach der Zeitung, die man in der Demokratie wirklich gelesen haben muss und für die sich also das Geld lohnt, fragt sich doch: welche liefert unabhängig und neutral die wirklich relevanten Informationen? Früher waren dies die Amtsblätter.

Früher, vor den Zeiten des Internets, gab es an meinem damaligen Wohnort für alle Haushalte wöchentlich das lokale Amtsblatt. Kostenlos deckte es das Geschehen in der Gemeinde ab und bot unter der Rubrik „eusi Meinig“ sogar eine Plattform für Leserbriefe. Ich erinnere mich an den Tag, da es kostenpflichtig wurde, das Blatt zu abonnieren oder darauf zu verzichten war. In der Stadt Zürich hingegen gibt es meines Wissens heute noch das amtliche „Tagblatt“ unaufgefordert einmal wöchentlich in den Briefkasten. Hingegen ist das „Amtsblatt“ an meinem heutigen Wohnort wiederum abonnementspflichtig, infolgedessen ich mir allerdings einen unnützen, regelmäßigen Altpapierstapel dankend erspare. Die Gemeinde informiert zudem auf ihrer Homepage ausreichend über das Wesentliche, investigativen Journalismus braucht es auf Gemeindeebene ohnehin nicht (immer alles paletti!) und amtliche Anzeiger sind ja sowieso nicht gerade für kritisch-investigativen Journalismus bekannt. Alles paletti, wir verlieren nichts.
Die Verleger rechtfertigen heute die Paywall unter anderem damit, dass dank Internet angeblich eine „Gratiskultur“ herrsche, die für ihre Profession schädlich sei. Der Punkt ist, dass vielerorts die ursprünglich kostenlosen Amtsblätter verschwunden sind und sich ihre Herausgeber mit ihnen nun auf dem freien Markt behaupten müssen. Diese „Gratiskultur“, die Verlegern neuerdings das Leben schwer mache, ist aber gar nicht so neu wie sie sie darstellen, zumindest für die Konsumentinnen und Konsumenten nicht, wenn man sich an die gute alte Zeit der Amtsblätter erinnert. Doch musste sie im Bereich der Lokalinformation auf weiter Flur den Zielen des Neoliberalismus weichen.
Die Frage ist deshalb, ob die Medien wieder vermehrt auf staatliche finanzielle Zuwendungen zugreifen sollen, um ihrer demokratischen, meinungsbildenden Systemrelevanz auch in Zukunft gebührend Rechnung zu tragen – und ob dies ihrer Qualität wirklich förderlich wäre. Die Frage stellt sich auch vor dem Hintergrund des umfassenden Informationsangebots, das dank Internet inzwischen mit oder ohne Paywall-Medien garantiert ist. Würden staatliche Zuwendungen für etablierte Medien aber nicht eigentlich gerade angesichts der vom Internet erzeugten Konkurrenzsituation einen unlauteren, marktverzerrenden Wettbewerbsvorteil gegenüber unabhängigen Nachrichtenquellen darstellen? Nur schon in dieser Hinsicht sind Paywalls staatlichen Finanzspritzen für Medienhäuser ganz klar vorzuziehen.

Welche Informationen sind also wirklich bedeutend und ihr Geld wert?

Wie viele und welche Informationen, die Medien Tag für Tag in den Äther pumpen, sind denn unwichtig? Worauf könnten wir problemlos verzichten? Dies eine Frage, die jede und jeder am besten anhand der eigenen Interessen für sich selbst beantwortet. Informationen, die interessant und wichtig sind, werden jedenfalls mit oder ohne Paywall-Medien ihren Weg zu ihren Empfängern finden. Dank Internet – und Paywalls – öfters auch aus anderen, neuen Quellen, die das bestehende, teilweise angegammelte und behäbige Medienspektrum erfrischend ergänzen.

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