Der attische Herbst

Schon zum dritten Mal innerhalb der letzten 6 Monate traten die ArbeiterInnen Griechenlands in einen Generalstreik. Anlass war die Verabschiedung eines Gesetzespakets im Griechischen Parlament, welches massivste Angriffe auf die Rechte der Arbeitnehmenden vorsieht und schwerste Prekarisierungen nach sich ziehen wird. Alleine an den Demonstrationen, welche den Streik begleiteten nahmen mehrere hunderttausend Personen teil, während die Arbeitsniederlegung dazu in der Lage war das Land zum Stillstand zu bringen.

Von der Akropolis, der Wiege der attischen Demokratie im Herzen Athens aus, kann man am Dienstag dem 6.11.2012 nichts Ungewöhnliches in der 4.5-Millionen Metropole erkennen , die sich zwischen den Gebirgszügen von Hymettos, Pentelikon und Parnes und dem Hafen von Piraeus vor einem ausbreitet. Munter knipsen japanische TouristInnengruppen drauf los, wenn sie beim Aufstieg zum Berg mitten in der Stadt, dessen Gipfel von der Akropolis gekrönt wird, an einer besonders hübschen Säule vorbeikommen. In der Sonne liegen die zahlreichen Strassenhunde, die an ihrem blauen Halsband, dass kennzeichnet, wann sie das letzte mal von der Stadt eingefangen und entfloht worden sind, faul herum . Doch beim Abstieg zum mittelalterlichen Viertel Plaka kann man gut erkennen, dass man sich in einem Land im Streik befindet: An manchen Ecken türmen sich die Müllsäcke, die Strassen, sonst bei so einem sonnigen Tag so voll, dass das Vorankommen nur sehr langsam vonstatten geht, sind praktisch leer und aus der Ferne kann man klar und deutlich Parolen hören, die durch ein Megaphon gerufen werden.

Der Demonstrationszug, von dem die Parolen ausgegangen waren, besteht aus rund 25'000 AktivistInnen, der mit der kommunistischen Partei (KKE) assoziierten Gewerkschaft PAME. Die PAME war 1999 als „militante Front aller Werktätigen“ gegründet worden und ist vor Allem für die Militanz und Disziplin ihrer Mitglieder bekannt. Der Demonstrationszug ist in Blocks aufgeteilt, welche von je einer für die Sicherheit der Demonstration verantwortlichen Gruppe angeführt werden. Jede dieser Gruppen besteht aus 2 bis 5 Reihen lautstark skandierender kräftiger Männer (wie ich später erfahre vor Allem Stahl- und Ölarbeiter). Jeder beim Nebenmann eingehakt, mit einem Motorradhelm am linken Arm und einem armlangen Knüppel von rund 6 cm Stärke an dessen Ende ein kleines rotes Fähnchen weht. Schon einige Male in der Vergangenheit hatten diese Gruppen Polizisten, die Tränengas gegen die PAME einsetzten oder politische Organisationen, die als Konkurrenz betrachtet werden (vor Allem die Syriza und anarchistische Gruppen), angegriffen. Hinter diesen Gruppen, die mich an die paramilitärisch anmutenden parteiinternen Schutzorganisationen (Roter Frontkämpferbund, Reichsbanner) der Weimarer Republik erinnerten, kommt die breite Masse der PAME-Mitglieder. Ich beschliesse einen alten Mann mit Che Guevara T-Shirt und KKE-Flagge anzusprechen und ihn nach der Situation in Griechenland zu befragen. Als mich ein nahe stehender Ordner (erkennbar an der roten Armbinde) mit dem Herrn sprechen sieht, führt er diesen am Arm von mir weg. Der Eindruck, dass ich gerade einer extrem grossen Politsekte begegnet war, verstärkt sich.

Es stellt sich heraus, dass die KKE und die PAME sich standhaft weigern in Grossdemonstrationszügen zusammen mit den anderen Organisationen zu demonstrieren. Am Syntagma-Platz, dem grossen Platz vor dem Griechischen Parlament, beendet gerade ein solcher Grossdemonstrationszug seine Route. Ein Fotograf der Nachrichtenagentur Reuters meint auf meine Anfrage hin, dass es wohl rund 50'000 Leute gewesen sein müssen, die er an der Demo gesehen hatte. Im Gegensatz zum extrem vereinheitlichten Block der PAME finden sich hier die unterschiedlichsten politischen Organisationen: AnarchistInnen, SozialistInnen, KommunistInnen, die Studierendengewerkschaften, die verschiedenen Gewerkschaften der Bündnisse GSEE und AGEDY und sogar mit griechischen Fahnen ausgestattete Konservative. Unter ihnen dominieren jedoch die Blocks der verschiedenen eurokommunistischen, sozialistischen, trotzkistischen, ökologischen und feministischen Gruppierungen, der 2012 zur Partei transformierten Organisation SYRIZA. Bei den letzten Wahlen hatte die SYRIZA nach einer Hetzkampagne seitens der Bürgerlichen nur knapp verpasst wählerstärkste Partei zu werden. Gemäss neuen Wahlumfragen würde sie jedoch heute auf 30.5% kommen und damit 3.5% mehr als die regierende konservative Nea Demokratie (ND) bekommen, wären heute Wahlen.

Rasch komme ich mit einer Gruppe Genossen welche in der SYRIZA aktiv sind ins Gespräch. Ich begleite sie nach der Demonstration in das linke Viertel Exarchia um einen Kaffee trinken zu gehen. Gelaufen wird, obwohl die Demonstration vorüber ist, in grossen Gruppen und zwar konsequent auf der Strasse. Kurz vor dem Eingang in das Viertel, welchem 2008 internationale Aufmerksamkeit zuteil wurde, nachdem dort ein 15-jähriger von einem Polizisten erschossen worden war und daraufhin Unruhen die Stadt erschütterten, passieren wir die Universität der Stadt . Seit den letzten Monaten der Militärdiktatur nehmen die Universitäten in der Griechischen Gesellschaft einen Sonderstatus ein: Von ihnen war ein grosser Teil des Widerstands gegen die Junta ausgegangen, worauf es zu Stürmungen durch Armee und Polizei kam – seither dürfen die Universitäten in Athen von Polizeibeamten nicht mehr betreten werden. In grossen Lettern wurden Parolen wie „fascism is not the answer!“ oder „We are in solidarity with the emigrants“ an die Mauern des alten Gebäudes gesprayt. Auch in Exarchia sind viele Graffiti zu sehen. Es ist ein leicht heruntergekommenes, verlottertes aber sehr lebendiges Viertel. Wir setzen uns in ein Strassencafé und ich erfahre, dass die soeben beendeten Demonstrationen mit rund 75'000 Teilnehmenden für Griechische Verhältnisse eher klein war, der Abwehrstreik jedoch, zumindest was Athen angeht, bislang erfolgreich war, dass Busse, Taxis, U-Bahnen und Trams nicht mehr fahren, dass die Angestellten der öffentlichen Dienste ihre Arbeit niedergelegt haben, dass die Pforten der meisten Museen geschlossen bleiben, dass Ärzte nur noch Notfälle behandelen. Sie berichten mir auch vom Leid, welches in Griechenland grassiert, seitdem, dass Land mit vollster Wucht von der Bankenkrise getroffen wurde. Es gibt die ersten Fällen von Unterernährung bei Schulkindern, die Arbeitslosigkeit liegt bei 25% (die der Jugendlichen sogar bei 58%) und wer Arbeit hat wird häufig nicht bezahlt. So kann man an den Eingangsbereichen der meisten Krankenhäuser Schilder sehen, auf denen zu lesen ist: „Die ÄrztInnen und PflegerInnen dieses Krankenhauses arbeiten seit 2 Monaten ohne Lohn, bitte behandeln Sie sie mit Respekt.“

Es sind solche Geschichten, die mich schaudern lassen, Geschichten wie des Mitfünzigers, der sich auf dem Syntagma-Platz am helllichten Tag erschossen hatte, da er seine Langzeitarbeitslosigkeit, sein Gefühl der Nutzlosigkeit, nicht mehr ertrug. In seinem Abschiedsbrief schreibt er davon zu alt zu sein um noch zu kämpfen, doch die Jugend ruft er zum Widerstand auf. Es sollte kein Einzelfall bleiben. Die Selbstmordrate hat sich seit Beginn der Krise um 40% erhöht.

Daran wie voll die Cafés tagsüber sind, so erklären mir die GenossInnen am Tisch, liesse sich gut ablesen, wie hoch die Arbeitslosigkeit ist. Die meisten ohne Arbeit setzen sich am frühen Nachmittag in eines der vielen Cafés der Stadt um über 4 Stunden hinweg vom selben Frappé zu trinken, sich zu unterhalten und zu sehen, ob sich eine Gelegenheit ergibt ein wenig Geld zu verdienen. Ein junger Mann am Tisch, ein arbeitsloser Biologielehrer, z.B. gibt Nachhilfeunterricht für 200 Euro im Monat. Schwarz, sonst würden die wenigen Zuwendungen vom Staat wegfallen. Am Tisch sitzt auch eine junge Mathematikstudentin. Im Gespräch erfahre ich, dass sie bis vor einiger Zeit Mitglied der KKE gewesen sei. Sie war, wie scheinbar viele ehemalige KKE-Mitglieder, ausgetreten, nachdem die Partei sich nach den letzten Wahlen geweigert hatte, an einer Koalition irgendeiner Art teilzunehmen. Der Einbruch von Wählerstimmen bei den Wahlen im Juni 2012 hatte in der kommunistischen Partei jedoch zu einigen Änderungen geführt: Wo Mitglieder ursprünglich mit sofortiger Wirkung ausgeschlossen wurden, wenn sie in der Öffentlichkeit Kritik an der Partei und deren Leitung äusserten, ist nun zumindest auf anonymen Blogs, dass Anbringen leiser Kritik toleriert.

Plötzlich kommt Unruhe in die Gruppe. Eine Rauchschwade zieht die Gasse hinauf. Es riecht nach verbranntem Gummi. Vermutlich haben irgendwo in Exarchia anarchistische AktivistInnen eine Barrikade gebaut und angezündet. Es ist noch still in der Gasse und von Strassenschlachten ist nichts in der kleinen Gasse zu hören, doch die Gruppe schlägt vor essen zu gehen, damit man zumindest drinnen ist, sollte es doch noch zu Unruhen kommen. In der Gasse vor der Taverne spielt eine alte Frau auf der Geige „die Internationale“ und kaum hat die Gruppe bestellt, gehen die Diskussionen weiter. Ich beginne zu ahnen, warum gerade Griechenland von der Krise so stark getroffen wurde: Seit Ende der Militärdiktatur, wird das Land von einem Klüngel aus rund 20 Familien regiert, die in den beiden grossen traditionellen Parteien Griechenlands, der Nea Demokratika und der sozialdemokratischen PASOK, aktiv sind. Diese Familien tragen Namen wie Papandreou (der gegenwärtige Vorsitzende der sozialistischen Internationalen heisst ebenso), Samaras (der griechische Ministerpräsident) oder Karamanlis (ehemaliger Ministerpräsident).
Steuerhinterziehung hat in manchen Teilen der griechischen Gesellschaft Volkssportcharakter und als die französische Regierung ein Abkommen mit der griechischen Regierung schloss und eine Liste mit Namen von Steuersündern, die ihr Vermögen den griechischen Steuerbehörden entzogen, indem sie es in Frankreich versteckten, fanden sich viele der Namen dieser rund 20 Familien auf dieser Liste.

Dazu kommt, dass die kleine griechische Industrie der Konkurrenz aus Deutschland nach Schröders Agenda 2010 nicht mehr gewachsen war. Das „sozialdemokratische“ Programm der rot-grünen Regierung sollte über Senkung der Produktionskosten (vor Allem bei den Löhnen) Deutschland zum Exportweltmeister machen. Die Schattenseite dieses „Erfolgs“, neben der Verschlechterung der Situation der ArbeiterInnen Deutschlands, war, dass die deutsche Volkswirtschaft langsam aber sicher damit begann andere Länder der EU, die nicht dazu in der Lage waren ihre Produktionskosten in selbem Masse zu drosseln, in den Ruin zu exportieren. Wenn Neoliberale darüber monieren, dass Griechenland eine viel zu grosse Beamtenschicht hätte, wird gerne unterschlagen, dass Griechenland bis vor einigen Jahren eine kleine aber intakte Konsumgüterindustrie hatte und dass der Einbruch derselben direkte Folge der Abbau von sogenannten „Handelshemmnissen“ durch die EU war und nur durch die Schaffung einer grösseren Anzahl an Beschäftigten im Staatsdienst aufgefangen werden konnte.

Nach dem Essen geht es nach Gazi, einem beliebten Ausgangsviertel, dessen Erscheinungsbild von kleinen Tavernen und Bars geprägt ist. So manches Lokal musste inzwischen schliessen, da der Konsum durch sinkende Kaufkraft nicht mehr auf demselben Level gehalten werden konnte. Ich bin erstaunt, wie viele Lokale trotz des Generalstreiks geöffnet sind. Ein kurzes Gespräch mit einem Gastwirt in einer kleinen Kneipe bringt Klarheit. „Ob ich meine Eckkneipe aufmache oder nicht, interessiert Samaras nicht. Meine Gäste sind meistens Linke, ich wähle SYRIZA und wenn die jungen Leute morgen vor der Grossdemonstration noch einen Ouzaki trinken können, dann wird der Streik deshalb nicht schwächer. Wir müssen nicht aus Prinzip jeden Ort, wo gearbeitet wird, bestreiken, wir müssen denen einfach zeigen, dass wir dazu in der Lage sind das öffentliche Leben lahm zu legen.“, erklärt er mir verschmitzt. Es leuchtet mir ein. Ich gehe nach draussen um eine Zigarette zu rauchen. Ein junger Mann mit schwarzem Kapuzenpullover stellt sich neben mich und krempelt meinen rechten Ärmel runter. Ich schaue ihn fragend an. Er erklärt mir in einem Englisch mit starkem Akzent, dass auf der anderen Strassenseite gerade eine Gruppe vorbeigelaufen wäre, die ihm etwas arg nach Faschisten ausgesehen hätte und dass meine Tätowierung - ein roter Stern auf dem Unterarm - dort nicht gut angekommen wäre. Man will ja kein unnötiges Risiko eingehen.

Ich hake nach und er berichtet, dass die Mitglieder der faschistischen Chrysi Avgi angefangen hätten mit „Bürgerwehren“ Patrouillengänge in manchen Vierteln von Athen durchzuführen. Sie profilieren sich dabei als Beschützer der griechischen Bevölkerung vor den Untaten der Linken und der MigrantInnen. Bis vor kurzem wäre es zu Pogrom-ähnlichen Szenen gekommen, wenn die Faschisten mit Knüppeln in den U-Bahnen Hetzjagd auf MigrantInnen gemacht haben. „Nach ein paar gezielten Aktionen und grösseren Demonstrationen haben sie jedoch angefangen vorsichtiger zu sein und ziehen so was in den U-Bahnen nicht mehr durch.“, führt der junge Mann aus, der mir auf die Frage, ob und wo er sich organisiere, geantwortet hat, dass er Anarchist sei und in einer antifaschistischen Gruppe in Exarchia aktiv sei. Einer seiner Freunde schaltet sich in die Diskussion ein: „Schlimm ist, dass die Faschisten sich als braune Caritas darstellen. Sie gehen in die armen Viertel und verteilen Essen. Aber nur an Leute, die ihnen griechisch genug aussehen, ausserdem erwarten sie Gegenleistungen, also nichts mit reiner Barmherzigkeit.“ Ich erzähle den jungen Männern, dass in den deutschsprachigen Medien häufig davon die Rede ist, dass die Chrysi Avgi die rechtsstaatliche Ordnung in Griechenland gefährden. Zu meinem Erstaunen fangen sie an zu lachen. Die NeofaschistInnen wären nicht in der Lage mehr als 500 Leute zu einer Kundgebung zu mobilisieren. Nicht die Regierung sei gefährdet – die Chrysi Avgi erhalte die Stimmen der Protestwähler -, gefährdet seien in erster Linie Linke AktivistInnen und MigrantInnen. In den letzten 3 Jahren, so schätzen sie seien rund 50 bis 100 Leute durch Angriffe von Faschisten ums Leben gekommen, da die Polizei mit den „Braunen“ unter einer Decke stecke, gäbe es keine genauen Zahlen. Tatsächlich fällt mir bei meinen Recherchen auf, dass die Verbindungen zwischen den griechischen Neo-Faschisten und der Polizei (insbesondere der an den Demos eingesetzten Bereitschaftspolizei) sehr weit reichen. Es gab bereits einige Fälle, in denen vor den Augen der Polizei Journalisten (ein weiteres Feindbild der Chrysi Avgi), Linke oder MigrantInnen von rechten Schlägern angegriffen wurden, ohne dass die OrdnungshüterInnen eingegriffen hätten. Auch ist bekannt, dass in manchen Vierteln Athens rund die Hälfte der PolizeibeamtInnen die goldene Morgenröte, wie sie zu deutsch heisst, wählten.

In diesem Zusammenhang erstaunt wenig, dass gegen die Demonstrationen, welche vor Allem von linken Organisationen organisiert werden häufig recht brutal vorgegangen wird. Neben den vielen Fällen von Polizeigewalt nach der Festnahme (es kam nach antifaschistischen Demonstrationen zu Foltervorwürfen durch Festgenommene) ist man besonders über die offen ausgeübte Gewalt der Staatsmacht erschrocken. Ein Beispiel, welches hervorgehoben werden muss: Manolis Glezos gilt als nationale Institution in Griechenland. Der mittlerweile 90-jährige hatte im zweiten Weltkrieg als Partisan gekämpft und hatte 1945 die Hakenkreuzflagge von der Akropolis heruntergeholt. Für diese Tat wird er in praktisch allen politischen Lagern – ausser vielleicht der Chrysi Avgi, die diese Fahne dort noch gerne sähen - respektiert. Während der Militärdiktatur hatte er sich wieder am Widerstand beteiligt (nachprüfen) und engagiert sich gegenwärtig mit seiner Organisation „aktive BürgerInnen“ in der Partei SYRIZA. Bereits 2010 war Glezous auf einer Demonstration verletzt worden, nachdem er von einer Tränengaskartusche am Kopf getroffen wurde. Dieser Fall kann noch als Unglücksfall abgetan werden, nicht jedoch die Ereignisse diesen Februar als Glezos von einer Gruppe Polizisten mit Pfefferspray angegriffen und festgenommen worden war. Der 1922 geborene Mann habe sich „renitent“ verhalten.

Doch auch seitens mancher DemonstrantInnen geht gefährliche Gewalt aus. Brandsätze und Steinwürfe sind an vielen Demonstrationen keine Seltenheit. Es erscheint jedoch kaum möglich bei derart unübersichtlichen Verhältnissen einzuschätzen von wem die Gewalt und vom wem die Gegengewalt ausgeht. Glaubhaft erscheint mir jedoch, dass von der Polizei sogenannte „agents provocateurs“ eingesetzt werden, also von der Polizei in die Reihen der Demonstrierenden eingeschleuste Unruhestifter, die die ersten Molotov-Cocktails und Steine werfen. In welchem Ausmass dies betrieben wird und ob das, bei dem gewissen Gewaltfetisch nötig ist, der mir bereits von autonomen Gruppen bekannt ist, die ich im deutschsprachigen Raum kennengelernt habe, lässt sich wieder unmöglich feststellen.

Die Nacht verbringe ich in der Wohnung eines der Genossen aus der SYRIZA, die ich an der Demonstration kennengelernt hatte und mache mich am späteren Nachmittag mit ihm einer Genossin und einem weiteren Genossen mit der S-Bahn, die extra 2 Stunden lang wieder fährt, damit auch die Leute aus den Aussenbezirken in die Stadt an die Grosskundgebung können, die während der Verabschiedung der Sparmassnahmen vor dem Parlament stattfindet, auf den Weg zum Monasterakis-Platz . Von dort führt eine Strasse direkt zum Syntagma-Platz. Allein auf dem Weg dorthin werden wir zweimal von der Polizei kontrolliert. Beim zweiten Mal nähert sich gerade lautstark der Block der Synaspismos-Jugend, der Jugendorganisation der grössten SYRIZA-internen Organisation, dem Polizeiposten, womit die Kontrolle abrupt endet. Einer meiner Begleiter, ein Mann namens Dimitris zeigt mir nachher mit einem Grinsen das versteckte Fach seines Rucksacks, das der Polizist nicht entdeckt hatte. Ich erwarte, dass sich im Geheimfach gefährliche Gegenstände befinden, die die Polizei einem hätte abnehmen müssen, doch anstatt dessen wird ein Bündel Zeitungen mit dem Namen „Epanastasi“ - Revolution – sichtbar.

Die Zeitungen werden auf dem Syntagma-Platz schnell an AktivistInnen verteilt, die sofort mit dem Verkauf an TeilnehmerInnen der Demonstration beginnen. Ich laufe etwas auf dem immer voller werdenden grossen Platz herum und versuche die Atmosphäre einzuordnen. Nie habe ich Vergleichbares erlebt. Aus grossen Lautsprechern, die von unbekannten Händen an den Strassenlaternen angebracht wurden, hört man überall klar und deutlich die griechischen Versionen von Arbeiterliedern, die wir auch bei uns JungsozialistInnen in der Schweiz zu fortgeschrittener Stunde gerne singen; das Solidaritätslied, die Arbeiter von Wien, die Resolution der Kommunarden. Am Rand der Grosskundgebung befinden sich die Garküchen von Strassenhändlern, die direkt vor Ort Maiskolben und Souvlaki-Spiesse an die Demonstrierenden verkaufen und überall laufen Leute verschiedenster politischer Organisationen umher und verteilen Flyer und Zeitungen. Die Frage wie viele Leute anwesend sind beantwortet mir eine ältere Frau, die mit der Fahne des Bündnisses ANTARSIA in der Hand Sonnenblumenkerne essend auf dem Gehsteig sitzt, damit, dass sie sich nicht sicher ist, 200'000 werdens aber schon sein. Im Vergleich zu anderen Mutmassungen, die ich höre ist das eine vorsichtige Schätzung. Es werden am Ende zwischen 200'000 und 300'000 gewesen sein. Von einer der Zufahrtsstrassen kommen immer wieder grössere Gruppen von Leuten zum Syntagma-Platz. Jedes Mal werden sie mit Applaus begrüsst. Ich erfahre, dass die Polizei Bahnhöfe gesperrt hat, damit nicht noch mehr Demonstrierende nach Athen anreisen können und es sich bei den Gruppen um Menschen aus verschiedenen Teilen des Landes handelt, die es irgendwie nach Athen geschafft haben. Es ist ein erstaunlicher Anblick: alle werden lautstark willkommen geheissen, seien es nun Anarcho-SyndikalistInnen aus Saloniki, Gewerkschaftsmitglieder aus Patras oder SYRIZA-AktivistInnen von den Kykladen. Irgendwie kann man nachvollziehen, warum die Polizei die Anreise zu erschweren versucht, befinden sich doch mittlerweile mehr Demonstrierende auf dem Syntagma-Platz als PolizistInnen in der ganzen Stadt Athen. Dazu kommt, dass bereits vor 3 Wochen Teile der Polizei ebenfalls in den Streik getreten war und sich die Bereitschaftspolizei plötzlich von VerkehrspolizistInnen und Feuerwehrleuten eingekesselt sahen. Die Heterogenität der Demonstration ist erstaunlich und hinter der patriotischen Organisation EPAM befindet sich ein kleiner Block von orthodoxen Priestern. Nur von den Fahnen der Regierungsorganisationen Nea Demokratia, PASOK und DIMAR (demokratische Linke, eine Rechtsabspaltung der SYRIZA), sowie der faschistischen Chrysi Avgi fehlt jede Spur.

Kurz vor der endgültigen Abstimmung kommt es zu Scharmützeln als die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern beginnt die Masse der Demonstrierenden auseinander zu treiben und Vermummte Steine und Brandsätze auf die Polizei werfen. Eines ist klar: beide Seiten werden sich nachträglich beschuldigen, angefangen zu haben. Wir haben uns bei den ersten Anzeichen von Repression in eine Bar in Exarchia zurückgezogen und beobachten bei einem Kaffee die Live-Übertragung aus dem Parlament, wo mit einem Vorsprung von 20 Stimmen (das griechische Parlament hat 300 Mitglieder) das Gesetz zur Umsetzung der Sparmassnahmen angenommen wird. Das Ergebnis fiel so knapp aus, da sich die DIMAR enthielt, aus der PASOK 7 Mitglieder dagegen stimmten und aus der Nea Demokratia ein Fraktionsmitglied. Die Mitglieder von PASOK und Nea Demokratia wurden daraufhin mit sofortiger Wirkung aus ihren Fraktionen ausgeschlossen.

Nach den wenigen Tagen, die ich in Athen verbringen durfte, bin ich um viele Erfahrungen und einige Erkenntnisse reicher. Mein Bild über das krisengeschüttelte Griechenland hat sich verändert und wenn ich heute eine Zeitung in der Schweiz oder Deutschland lese und die Rede von den „faulen Griechen“ ist, die ihr Geld verpulvert hätten, anstatt es schön brav zu sparen, die schon vor Jahren ihren Sozialstaat hätten ruinieren müssen und über ihre Verhältnisse gelebt hätten, packt mich angesichts der Menschen, denen ich in Athen begegnet bin die Wut. Wer feist auf seinem Inselchen sitzt, dass noch nicht von den Wellen der Krise überspült wurde und von den „faulen Griechen“ feixt, wird keine Ahnung von den Bedingungen haben, denen sich die Menschen dort täglich stellen müssen. Die GriechInnen werden durch die Massnahmen der Troika aus EU, europäischer Zentralbank und IWF in eine fatale Verschuldungsspirale gestossen, die nur im Staatsbankrott enden kann. Für mich ist klar, ich werde auch das nächste Mal solidarisch sein, wenn es wieder heisst: Apergia! Streik!

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