Wir sind die 1%

Nach etwas mehr als 22’000 Reisekilometer landete ich in LA. Das Wasser ist mit 13 Grad schweinecold. Aber wie meine Grossmutter zu pflegen sagte, nicht das Wetter ist kalt, es liegt an der falschen Kleidung. Darum kann man mit dem richtigen Bodysuit auch eine bis zwei Stunden draussen bleiben. Wie auch immer, ein gutes Training für die Rückkehr in die Schweiz ist es allemal.

Was für mich spätestens mit der Ankunft auf dem Festland USA klar wird, die 1% sind wir Schweizer. Egal wo ich hinkam, es hatte Schweizer. Obschon wir nur 0.2% der Weltbevölkerung ausmachen, sind wir überall. Und überall hat man dasselbe Bild von uns, die reichen, wohlhabenden Schweizer, die im Paradies leben. Wie wir es drehen und wenden, wir Schweizer leben im Paradies und wir sind reich. Wir sind die 1% auf dieser Erde.

Sicher, wenn wir hier auf Politnetz reden oder in den Zeitungen von Umverteilung von unten nach oben lesen, sehen wir bei den 1% die Multimillionäre. Die, die mit dem Privatflugzeug fürs Wochenende nach San Tropez, St.Moritz oder auf die Cayman Insel jetten. Nur dies sind nicht die berühmten 1%, diese Multimillionäre sind die 0.1%. Wir Schweizer vergleichen uns mit den Superreichen, weil nur noch die mehr haben, als der Schweizer Durchschnitt. Wer bei uns 6'000 Franken und mehr verdient, liegt weit über dem, was man in Europa im Schnitt verdient, geschweige denn in Brasilien, Indien oder Indonesien. Sogar die 3'500 bis 6'000 Franken Einkommen haben eine massiv höhere Kaufkraft, als im Rest der Welt. Und auch der in selbst gewählter Armut lebende Juso-Student, erhält eine Weltklasseausbildung, die mehr als 1:12 im Vergleich zu einer klassischen Lehre kostet und noch viel unerschwinglicher für 99% der Menschen auf dieser Welt ist. Wir sind die 1%.

Auch wer in der Schweiz arm ist und von der Fürsorge Unterstützung erhält, ist nach dem Massstab von 99% der Erdenbürger immer noch privilegiert. Denn er braucht keine Angst zu haben, auf der Strasse schlafen zu müssen, zu wenig essen zu erhalten oder im Krankheitsfall elendiglich zu sterben, weil das Spital eine Behandlung ablehnt. Bei uns haben auch die mit weniger Glück ein sicheres Sozialnetz, das sie auffängt. Wir sind die 1%.

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