Vom ethischen Konsum zum politischen Engagement

Vom ethischen Konsum zum politischen Engagement

Der ökologische Fussabdruck der Menschen in der industrialisierten Welt ist zu gross, also nicht nachhaltig. Ihr Konsumverhalten missachtet zu einem grossen Teil den Mindeststandard in der Produktionsweise. „Bio“ und „fairtrade“ werden als ethische Alternative gelobt. Dabei stehen diese Label doch eigentlich nur für einen absoluten Mindeststandard. Wenn ich erkenne, dass mein Lebensstil nicht zu rechtfertigen ist, dann heisst das eben, ich muss nicht nur anders konsumieren, sondern vor allem viel weniger (ver)brauchen. Nicht Auto fahren. Nicht fliegen. Weder Fleisch noch Fisch essen. Wenig Wohnraum und Energie in Anspruch nehmen. Kaum neue Kleidung kaufen. Für viele hört sich das nach einem tristen, genusslosen Leben an, einem Leben, das man auf gar keinen Fall führen will. Die Reaktionen sind denn auch entsprechend negativ. Hinter Aggression, Spott und Abwehr der „tristen Askese“ steckt oft die Frustration über die eigene Unfreiheit und Unfähigkeit. Diese wird aber selten weder erkannt noch benannt, sondern von Pseudo-Argumenten verdeckt oder damit betäubt, dass es „normal“ ist und die anderen es auch so machen. Sobald jemand – und sei es in noch so einem kleinen Bereich – diese Norm sichtbar macht, indem er sich gegen sie entscheidet, entsteht Abwehr. Denn die Norm(alität) bietet Sicherheit und klare, von vielen geteilte Werte, auch wenn sie die eigene Perspektive und Handlungsfähigkeit begrenzt. Der quasi-religiöse Glauben an „Wachstum“ stellt paradoxerweise eine Beschränkung dar. Denn er lässt mich vergessen, dass ich Lebensqualität auch anders definieren könnte. Der gefürchtete und verpönte „Verzicht“ kann mir aber genau diese Perspektive eröffnen. Auf praktische Art und Weise - durch konkretes Handelnüben – kann ich dem näher kommen, was gutes Leben unabhängig von Konsumansprüchen heissen könnte.

Was hält mich von Veränderung ab? Meine Vorstellung von meinen Bedürfnissen und einem guten Leben sind nicht rational, sondern internalisiert, so dass ich sie sogar körperlich spüre. Sie ist so verinnerlicht, dass sie mir nicht mehr als kulturelle Prägung, sondern als natürliches und wahres Bedürfnis erscheint. Ideologie ist nichts rein Intellektuelles, sondern schreibt sich auch in die Körper ein, das macht sie so effektiv. Ist der Vorgang der Einschreibung durch Sozialisation erfolgreich beendet, dann glaube ich an das, was ich gelernt habe. Denn es zeigt sich mir nicht mehr als abstrakte Entscheidung, die auch anders möglich wäre, sondern als intuitives Gefühl, dessen Herkunft ich nicht mehr rückverfolgen kann, als „natürliche“ Reaktion: Hunger nach Fleisch. „Hunger“ nach schönen, neuen Dingen. In dem Moment aber, in dem ich diese Reaktion für eine unveränderliche „Wahrheit“ halte, wird mein Handlungsspielraum sehr klein. Wie soll ich denn auf Fleisch verzichten, mein Körper sagt mir doch, dass ich es brauche! Jetzt habe ich so hart gearbeitet, jetzt kann ich mir doch auch mal was Schönes gönnen! Insbesondere die Bedürfnisse, die körperlich empfunden werden, scheinen einem nur unter grosser Kraftanstrengung veränderbar. Es scheint, als müsse man einen disziplinierenden Kampf gegen „natürliche“ Gefühle und Bedürfnisse führen. Darum glauben viele Menschen, die Fleisch essen, nicht, dass sich VegetarierInnen nicht disziplinieren müssen, dass sie nicht auf irgend eine Art und Weise leiden. Tatsächlich fühlen sich diese aber besser durch „Verzicht“. Denn sie machen jetzt nicht mehr etwas, was ihnen Unbehagen und schlechte Gefühle bereitet, die sie verdrängen müssen, sondern sie handeln – endlich! – im Einklang mit ihrer eigenen Einsicht und Überzeugung. Darüber hinaus sind ihre früheren „Bedürfnisse“ verschwunden. Sie verzichten also auf nichts, denn sie spüren keinen Mangel. Aber es ist eigentlich klar: Was ich erlernt habe, kann ich auch verlernen. Ich muss mir lediglich klar machen, dass dies nicht sofort und in allen Bereichen gleichzeitig geschehen kann. Ausserdem muss ich mir ein bisschen Mühe geben, auch wenn mir meine Umgebung signalisiert, es gebe keine Veranlassung zur Veränderung.

Wenn ich soweit gekommen bin, dann kann ich mich auch darauf einlassen, dass zu meiner individuellen und alltäglichen Veränderung von Konsumverhalten das Interesse und die Beteiligung an einer Veränderung der politischen Struktur gehören. Es reicht nicht, nur am eigenen Leben herum zu feilen, sondern nachhaltiger Konsum sollte auch politisches Engagement bedeuten. Beides ergänzt und bedingt sich gegenseitig, auch wenn es oft voneinander getrennt wird. Ich kann schwer Verteilungsgerechtigkeit fordern, wenn ich mir nicht vorstellen kann, selbst weniger zu (ver)brauchen. Gleichzeitig ist es auch eine Form von Narzissmus, wenn ich meine Energie ausschliesslich auf den eigenen zu perfektionierenden Konsum-Kosmos konzentriere. (Aus Julia Lemmle „Ich kann mir auch ein bisschen Mühe geben“. Über Bedeutung und Bemühung um ethischen und nachhaltigen Konsum. In Rote Revue 2/2009, Seite 21-24)

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