Wie eine Vollgeldreform unser Finanz- und Wirtschaftssystem stabilisieren und das Too-big-to-Fail-Problem lösen würde.

Die bisherigen Reformen taugen nicht zur Verhinderung von künftigen Finanz- und Wirtschaftskrisen. Eine stabilitätsorientierte Verfassungsänderung muss zwingend auch die Auswüchse des Geldschöpfungssystems in den Griff bekommen.

Heerscharen von Wirtschaftsexperten versuchen der Öffentlichkeit heute weis zu machen, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 für alle überraschend und ohne Vorwarnung gekommen sei. In unzähligen Diskussionen lamentiert man teilweise sehr oberflächlich über die möglichen Ursachen der Krise. Die Sündenböcke wurden schnell ausfindig gemacht: Die gierigen Manager, die Ratingagenturen, die Finanzmarktaufsicht und weitere Einzelakteure.

Gewiss, keiner der Genannten hat fehlerfrei gearbeitet. Jedoch spielt dies für die Untersuchung der Ursache der aktuellen Krise nur ansatzweise eine Rolle. Denn selbst wenn alle ihren Job makellos erledigt hätten, wäre früher oder später eine Wirtschaftskrise ausgebrochen, weil das Wirtschaftssystem – oder konkreter: das Geldschöpfungssystem – nicht so geregelt ist, wie es das sein sollte.

Nur Spitze des Eisbergs

Die bisherigen Krisen waren vermutlich erst die Spitze des Eisbergs. Die Staaten konnten mit ihren Interventionen noch einmal Schlimmeres verhindern. Jedoch werden die Auswirkungen davon noch lange zu spüren sein. Betrachtet man die systemischen Zusammenhänge der Geldschöpfung und die verheerenden sich darin befindenden Mechanismen, so ahnt man, dass die nächste schwerwiegende Krise bereits vorprogrammiert ist. Das Ziel dieses Artikels ist es deshalb, die tiefer liegenden Ursachen von Krisen und mögliche Lösungen aufzuzeigen.

Nationalbank ist nicht alleiniger Geldproduzent

Widmen wir uns der Frage, wie unser Geldschöpfungssystem funktioniert. Wie gelangt Geld in den Wirtschaftskreislauf? Die meisten würden auf diese Frage antworten: Die Schweizerische Nationalbank druckt neues Geld und stellt es der Wirtschaft zur Verfügung. Das stimmt – aber nur in einem sehr geringen Ausmass. Nur etwa zehn Prozent des Geldes wird jeweils von der SNB in Umlauf gebracht. Dabei handelt es sich um Banknoten und Münzen.

Wer ist für die restliche Geldschöpfung zuständig? Viele mögen sich jetzt die Augen reiben: Es sind die privaten Geschäftsbanken wie etwa die UBS, Credit Suisse, die Kantonalbanken oder die Raiffeisenbanken. Sie sind für die Produktion des elektronischen Geldes verantwortlich, das wegen der fortschreitenden Technik heute rund 90 Prozent der Geldmenge M1 ausmacht.

Banken schöpfen Geld aus dem Nichts

Der Prozess der Geldproduktion ist verblüffend einfach: Jedes Mal, wenn eine Bank einen Kredit vergibt, wird neues Geld geschaffen. Das kann man sich folgendermassen vorstellen: Ein Familienvater – nennen wir ihn Herrn Müller – möchte zur Finanzierung eines Eigenheims einen Hypothekarkredit aufnehmen. Er geht also zu einer Bank. Diese prüft zunächst, ob Herr Müller kreditwürdig ist. Nach erfolgreicher Prüfung spricht die Bank Herrn Müller einen Kredit von 100‘000 Franken. In diesem Moment, in dem der Bankangestellte diesen Betrag auf das Konto von Herrn Müller gutschreibt, werden 100‘000 Franken neues Geld aus dem Nichts geschöpft. Die Geldmenge M1 wächst exakt um diesen Betrag.

Die meisten Leute glauben, dass eine Bank das Geld zuerst „haben muss“, bevor sie es weiterverleihen kann. Viele glauben, dass eine Bank die Ersparnisse weiterverleiht, welche sie von ihren Kunden erhalten hat. Das ist aber eine grosse Illusion. Kreditgelder werden von den Banken selbst produziert.

Das ist nicht etwa eine abstruse Verschwörungstheorie. Dieser Vorgang wird von vielen Experten bestätigt. Zu denen gehören die HSG-Professoren Philippe Mastronardi, Hans Christoph Binswanger und Peter Ulrich, der IWF und auch die Schweizerische Nationalbank. Kürzlich haben auch die Schweizer Tageszeitungen das erste Mal darüber berichtet.

Nationalbank verliert zunehmend Kontrolle

Warum ist die elektronische Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken ein Problem? Wenn private Banken Geld produzieren können, hat das enorme (negative) Auswirkungen auf die Stabilität unseres Finanzsystems.

Die Nationalbank, die gemäss Verfassung die Preisstabilität garantieren sollte, kann ihren Auftrag nicht mehr seriös wahrnehmen. Sie kann höchstens noch ein bisschen an der Zinsschraube drehen. Dieses Instrument kann aber auch an seine Grenzen stossen, wie uns die jahrelange Nullzins-Politik der japanischen Zentralbank vor Augen geführt hat.

Der direkte Einfluss auf die Geldmenge ist der Nationalbank im Verlaufe der Zeit grösstenteils abhandengekommen. Eine effektive Steuerung der Geldmenge ist im heutigen System unmöglich geworden.

Falsche Geldschöpfung für Blasenbildung verantwortlich

Mit dem Kontrollverlust der SNB einher geht der Fakt, dass das Geldangebot zunehmend volatiler wird. Das hängt mit den privatwirtschaftlichen Interessen der privaten Banken zusammen. Diese vergeben vor allem dann Kredite (und schöpfen damit Geld), wenn es der Wirtschaft gut geht. In Boomzeiten gestalten die Banken ihre Kreditvergabe lockerer als in Krisenzeiten.

Das führt dazu, dass die Wirtschaft in guten Zeiten mit Geld geflutet wird. Es entsteht ein Überangebot an Geld, das irgendwo angelegt sein will. Da die Bedürfnisse der Realwirtschaft schon längst abgedeckt sind, wandert dieses frische Geld meist in die Finanzmärkte. Von den Finanzmarktprodukten wie etwa Derivaten verspricht man sich hohe Renditen.

US-Immobilienkrise

Auch vor der Finanzkrise 2008 war genau das der Fall. Amerikanische Banken vergaben mit der Erlaubnis des US-Staates auch Hypothekarkredite an die ärmere Bevölkerungsschicht. Die Immobilienpreise stiegen dadurch kontinuierlich. Häuser wurden zu Renditeobjekten. Die Banken verpackten diese Subprime-Hypothekarkredite in undurchsichtigen Derivaten und verkauften diese dann an jene, die ihr überschüssiges Geld irgendwo anlegen wollten.

Durch die überschüssige Geldschöpfung der Banken bildete sich deshalb eine Immobilienblase von ungeheurem Ausmass. Als diese Blase platzte und die Wirtschaft in eine Rezession schlitterte, änderten die Banken ihre Kreditvergabepraxis. Plötzlich vergaben sie nur noch sehr bedacht Kredite und trieben die bereits gesprochenen Kredite ein.

Krisen werden durch Banken angeheizt

Das Dumme dabei ist, dass damit die Geldmenge schrumpft. Dies ist so, weil immer dann Geld vernichtet wird, wenn ein Kredit zurückbezahlt wird. Während sich die Bankenbilanz bei einer Kreditvergabe exakt um den Kreditbetrag verlängert, verkürzt sie sich im selben Masse, wenn der Kredit wieder zurückbezahlt wird.

Aus diesem Grund verkleinerte sich die umlaufende Geldmenge M1 massiv. Die Wirtschaft ist hingegen darauf angewiesen, dass genügend Geld vorhanden ist, damit die Güter und Dienstleistungen auch verkauft werden können. Die Banken heizten durch ihre restriktive Kreditvergabe und der damit einhergehenden Geldvernichtung die Krise, die sie verursacht haben, zusätzlich an.

Überlegungen zu einem neuen Geldschöpfungssystem

Dieses Muster kann bei diversen Krisen immer wieder beobachtet werden. Banken werden zu Krisenverursacher und nach dem Platzen der Blase zu Krisenverstärker. Bereits in der Grossen Depression in den 1930er Jahren verhielten sich die Banken ähnlich, was dazu führte, dass sich der Ökonom Irving Fisher ausführliche Gedanken machte, wie man dieses Geldschöpfungssystem anders regeln könnte. Die von ihm entwickelte 100%-Money-Reform wurde heute von Prof. Josef Huber zur sogenannten Vollgeldreform weiterentwickelt. Bislang wurde sie noch nirgendwo auf der Welt umgesetzt.

Die Ziele von Fisher und Huber sind die gleichen: Die Geschäftsbanken sollen der Stabilität der Wirtschaft zuliebe nicht mehr selber Geld produzieren dürfen. Banken dürfen die Gelder, die sie als Kredite verleihen, nicht aus dem Nichts kreieren. Vielmehr sollen Banken als Vermittler von Geld fungieren.

Vorteile einer Vollgeldreform

Zuständig für die Schöpfung von Geld soll nach der Vollgeldreform einzig die Nationalbank sein, die neu neben Banknoten und Münzen auch elektronisches Geld in Umlauf bringt. Das bringt enorme Vorteile mit sich.

Erstens: Die Nationalbank ist primär der Preisstabilität verpflichtet. Deshalb kann sie im Vergleich zu den gewinnorientierten Geschäftsbanken auch die Gesamtinteressen des Landes besser berücksichtigen und jene Geldmenge zur Verfügung stellen, die die Wirtschaft braucht. Inflation und Deflation, die durch einen Geldüberhang oder einen Geldmangel entstehen, können dadurch effektiver bekämpft werden.

Zweitens: Bei der Schöpfung von neuem Geld fallen enorme Geldschöpfungsgewinne (Seigniorage) an. Das ist der Unterschied zwischen dem Nennwert und den Produktionskosten einer Geldeinheit. Wenn z.B. eine Hundertfrankennote produziert wird, kostet das die Nationalbank ca. 30 Rappen. Der Geldschöpfungsgewinn beträgt also 99.70 Franken.

Der Geldschöpfungsgewinn des elektronischen Geldes geht im heutigen System vollständig an die Banken (in Form von Zinsen). Wenn nun aber die Nationalbank dieses Geld produzieren würde, käme der Steuerzahler jährlich in den Genuss von 5-10 Milliarden Franken. Dieser Betrag könnte beispielsweise als Bürgerrente ausbezahlt werden. Eine andere Variante wäre es, die Steuern damit zu senken oder die Staatsschulden abzubauen.

Drittens: Bankruns werden verunmöglicht. Die desaströsen Anstürme auf eine Bank, bei denen viele Kunden gleichzeitig ihr Geld abheben wollen und die Bank deshalb pleitegeht, sind nach der Reform nicht mehr möglich. Das ist deshalb der Fall, weil die Guthaben der Bürger aus den Bilanzen der Banken ausgelagert werden und nicht mehr zur Konkursmasse gehören. Eine Bank kann nur noch mit dem Einverständnis der Kunden das angelegte Geld verleihen.

Die Reform verdient es zumindest, diskutiert zu werden. Sie entschärft das Too-Big-to-Fail-Problem und trägt damit wesentlich zur Stabilität der Wirtschaft bei. Unseren künftigen Generationen sind wir es schuldig, das wankende Finanzsystem wieder in Ordnung zu bringen und damit die Legitimation unseres marktwirtschaftlichen Systems zu sichern. Verpasst man es jedoch, die nötigen Reformen in Angriff zu nehmen, ist unsere Freiheit in grosser Gefahr.

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