1.8% Ausländeranteil - Japan

Und ich war der Exot. In Minami-Kusatsu, einem Vorort von Kyoto, zupften die Kinder ihre Eltern an der Jacke, die Autofahrer guckten verstohlen aus dem Fenster und die Verkäuferinnen kicherten, als dieser "blonde", lang gewachsene Tourist sich mit den einheimischen Gepflogenheiten abmühte. Japan ist das bisher faszinierendste Land auf meiner Reise. So anders und doch so ähnlich. Wer das Bild vom hyperaktiven Tokio mit den Schulmädchen in Superminijupes vor Augen hat, liegt ein Teil richtig. Rund ein Drittel der 128 Millionen Japaner lebt in Tokio. Der Rest verteilt sich auf etwa der Fläche von Deutschland und diese sieht oft aus - wie in der Schweiz. Hügel, Berge, saubere Strassen und ein wunderbarer Herbst. Japan hat alles zu bieten, was sich Touristen wünschen und das Land hat viele Touristen - einheimische Touristen. Ob Japaner ausländerfeindlich sind? Ich erlebe sie als offen, neugierig und zur Überraschung meines japanischen Freundes, den ich besuchte, versuchen die Japaner einer verlorenen Langnase zu helfen. Auch wenn Japaner selten Englisch sprechen. Man muss dazu wissen, Japaner lernen 6 bis 9 Jahre Englisch in der Schule, reden dabei aber nicht. Oft beherrscht nicht einmal der englisch Lehrer die gesprochene Sprache. Aber, sie wissen, dass die Sprache wichtig ist, also wird sie in der Schule gebüffelt.

Japan schlug nach dem Zweiten Weltkrieg seinen eigenen, selbstbewussten Weg ein. Nach dem Vorbild des Westens baute es eine blühende Wirtschaft auf. Mit einigen Grossfirmen und Hunderttausenden KMUs. Dabei war und ist das Land gegenüber westlichen Ideen offen. Im Kleinen wie im Grossen. Obwohl ich mich bestimmt lächerlich ungelenk beim Samurai-Schwertkampf Einführungskurs verhielt, wollten sie am Schluss, dass ich mir ein paar Stellungen einfallen lasse, wie man sich mit dem Schwert in Kampfpose präsentiert. Der Grund? Weil Japaner in ihrem Selbstverständnis im bestehenden Schema denken, möchten sie von den Touristen deren neuen Ideen, um sie dann später zu adaptieren und zu verbessern. Dieses Prinzip setzt sich im gesamten Land fort. Edwards Deming ist der Pionier im Qualitätsdenken. In den 70er wollte der Amerikaner seinen Landsleuten in Detroit zeigen, wie sie qualitativ bessere und günstigere Autos bauen. Seine Ideen wurden weitgehend ignoriert. Ganz anders in Japan. Im Bewusstsein, dass die eigenen Autos noch nicht dem Weststandard entsprachen, holte sich Toyota Deming als Berater nach Japan. Er legte den Grundstein für das Erfolgsmodell der japanischen Autoindustrie, die heute in bester Ausgangslage vermutlich schon bald die Führung im globalen Automarkt übernimmt.

Bei aller intellektuellen Offenheit verschliesst sich Japan den ausländischen Arbeitskräften - bis vor Kurzem. Junge Menschen unter 35 Jahre können heute relativ einfach ein Arbeitsvisum für ein bis zwei Jahre beantragen. Diese Entwicklung hat einen Grund. Mit steigendem Wohlstand entwickelte sich Japan ähnlich wie die Westländer. Die Menschen wurden gesünder, leben länger, heiraten später, haben weniger Kinder und werden auch grösser. Wobei die Körpergrösse und Entwicklung durchaus mit den Leuten aus Appenzell Innerrhoden zu vergleichen ist. Und diese Entwicklung hat Auswirkungen. So sind Mittlerweilen sogar für Japaner Wohnungen mit 12m2 Wohnfläche zu eng und vor allem, man sieht Japan an, dass es alt wird.

Der Unterschied hätte krasser nicht sein können. In Indonesien/Bali sind von 100 Menschen nur 6 über 65 Jahre alt. In Japan sind von 100 Menschen 23 über 65 (in der Schweiz sind es 16 auf 100). Ich sah noch nie so viele alte Menschen. Wenn ein Land zu Wohlstand kommt, zeigt sich auf der ganzen Welt dasselbe Bild. Es gibt ein starkes Wachstum der Bevölkerung, welches dann stabil wird und die Bevölkerung wird alt. Während bei uns in der Schweiz die Ausländer die Bevölkerung noch einigermassen jung halten, sehen wir in Japan die Reinform einer strickten Migratonspolitik - und die bedeutet, noch stärker explodierende Gesundheitskosten im Verhältnis, ein schnellerer Niedergang ländlicher Dörfer und kleiner Städte sowie ein dramatisch verändertes Gesellschaftsbild. Japan weiss, dass diese Entwicklung noch stärker wird, jetzt wo die Generation der Babyboomer in Rente geht. In den nächsten Jahren wird der Anteil an alten Leuten weiter zunehmen. Es werden Millionen Menschen aus dem Arbeitsprozess verschwinden. Pensionskassengelder, die heute noch Japans schulden finanzieren, werden beansprucht und bis 2048 werden rund 28 Millionen Menschen weniger in Japan leben. Es stellt sich die Frage, wie wird Japan darauf antworten?

Wer das Gefühl erhält, dass ich "die Alten" nicht wertschätze, liegt falsch. Was Japans Senioren geleistet haben, ist in höchstem Mass bewundernswert. Japan verfügt über keine natürlichen Ressourcen, die geografische Lage ist eine Katastrophe und die kulturelle Hürde ist und war zu uns erheblich. Trotzdem schaffte es Japan, mit einer eigenen Identität zu einem der wichtigsten Global Player aufzusteigen. Ich war immer ein guter Kunde Japans, ob meine erste Digital-Uhr mit 24 Melodien, dem Sony Walkman, meinem ersten Occasion Auto, einem Toyota Corolla oder dem Sony Vaio, auf dem ich diesen Artikel im Shinkansen-Zug bei 300 Stundenkilometer nach Tokio schreibe. Japan verstand es oft, unseren Geschmack zu treffen und baute dabei auch eine eigene Binnenwirtschaft auf. Japan hat einen starken und wohlhabenden Mittelstand. Dabei muss ich zugeben, dass das Ministerium für Handel und Industrie (MITI) Hand in Hand mit der Wirtschaft Japans Interessen in der Welt vertrat und dabei bei Bedarf liberale Grundsätze mit Füssen trat. Japan hat einen etwa ähnlich geschlossenen Landwirtschaftsmarkt, wie in die Schweiz hat.

Japan verfügt übrigens auch über eine tiefe Kriminalitätsrate. Die einen schreiben dies den wenigen Ausländern zu, andere sagen, dies liegt an einer breiten Mittelschicht mit wenig Armut und wiederum andere sagen, dies liege an dem Agreement zwischen der Politik und der japanischen Mafia (Yakuza), die dafür sorgt, dass gewisse Formen der Kriminalität nicht aufkommen - und dafür lässt man die Yakuza in gewissen Bereichen gewähren.

Aber die Schulden?

Wer heute von Japan redet, muss zwangsläufig auch von den Schulden sprechen. Japan erlebte in den 80er einen unvergleichlichen Boom. Der Immobilienmarkt explodierte, Banken machten Milliardengewinne und der Nikkei Index schoss auf über 40'000 Punkte hoch. Während die USA sich noch von ihrer Krise 1987 erholten, zeigte Japan seine Muskeln. Bis zu jenem ominösen Kurseinbruch im Jahr 1989. Innert weniger Wochen implodierte Japans Wirtschaft. Der Aktienmarkt fiel auf 12'000 runter. Das Chaos war gross und die Panik erschütterte Japan. Damit die Unternehmen weiterhin mit Liquidität versorgt werden, wurden Banken gerettet und Japan setzte ein Stimuli-Programm um das andere um. Vor allem, wurde gebaut. Man findet in Japan eine Vielzahl von Autobahnen, die niemand braucht. Der Preis dafür sind heute rekordhohe Schulden. Da Japan weitgehend bei der eigenen Bevölkerung verschuldet ist und gleichzeitig über riesige Vermögen im Ausland verfügt, sowie eine funktionierende Wirtschaft hat, scheint Japan mit einem blauen Auge davonzukommen. Die Schulden werden weitgehend mit einer 20 jährigen gefühlten Rezession zurückbezahlt. Häuser, die damals noch für eine Million Franken verkauft wurden, wechseln heute nur mit grösster Mühe für 500'000 bis 600'000 den Besitzer. Man darf sich fragen, ob es sinnvoll ist, dass Japan sich der Realität von 1989 nicht direkt stellte und entsprechende Reformprogramme durchzog. Auf der einen Seite, war der aktuelle Weg für die Bevölkerung weniger härter, auf der anderen Seite, fühlen sich die Japaner seit 20 Jahren in einer Rezession, die aber von aussen überhaupt nicht so wirkt. Lieber ein Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende?

Und sonst?

Japaner lieben Süssgebäck. Ergo gibt es eine Unzahl von Bäckereien. Mein japanischer Freund, bei dessen Familie ich wohne, arbeitet in einer Fabrik, die Ofen für Bäckereien herstellt. Er wird irgendwann in den nächsten Jahren in dritter Generation das Unternehmen führen. Seine Sorgen sind in etwa dieselben, wie sie unsere Unternehmer haben. Was macht er, wenn die Chinesen den Markt mit billigen Geräten fluten. Ist der Euro tatsächlich so tief und der Yen so stark, dass deutsche Öfen Mittlerweilen günstiger als seine Geräte sind. Und wie findet er in Zukunft qualifiziertes Fachpersonal. Eines ist klar, Japan hat längst den Status eines Billiglohn- und Kopierlandes verlassen. Es ist wohl nur noch die Selbst- und Aussenwahrnehmung, die in den 70er stecken geblieben ist. Japan ist hochkompetitiv und muss sich vor keinem Westland verstecken.

Imposant ist sicher, wie in diesem Land alles auf Effektivität getrimmt ist. Und mit alles, meine ich alles. Das fängt beim Lichtschalter in der Wohnung an, der anzeigt, ob jemand in einem Raum ist, und endet nicht bei den anfangs unverständlichen Zugplänen, die sich als höchst informativ herausstellen, sobald man sie erlickt hat. Japan ist durchorganisiert. Wo sinnlose Arbeiten eingespart werden können, werden sie wegrationalisiert. Dies setzt Ressourcen für Wichtigeres frei. Clever und eindrücklich. Diese Entwicklung liegt zum einen in der Kultur der Japaner, aber auch in der Not, da sie nicht einfach neue Leute für mehr Arbeit holen. Trotzdem gehen Schätzungen davon aus, dass die Effektivitätsschraube den Abgang von Millionen von Arbeitnehmern nicht mehr kompensieren kann. Schätzungen gehen davon aus, dass Japan bis 2050 den Ausländeranteil von 1.8% auf 15 bis 20% hochschrauben muss, wenn es die Industrie wie heute aufrechterhalten will. Dies würde einer Revolution gleichkommen. Ohne zu wissen, welchen Weg Japan wählen wird, ich traue ihnen vieles zu. Die Rentnergeneration hat Eindrückliches geschaffen und es gibt für mich kein Anzeichen dafür, dass die heutige Generation nicht dasselbe schaffen kann.

Mein Japanbild war schon vor dieser Reise positiv. Seit ich aber hier war, hat es sich noch positiver verändert. Ich weiss nicht genau wie. Zuerst muss ich alle Eindrücke verarbeiten. Was ich aber schon jetzt sagen kann. Ich halte die Japaner für weitaus kreativer, eigenständiger und individueller, als ich vorher dachte. Das fängt beim Kleiderstil an, der von kindlich bis elegant reicht. Oft sind die Menschen hier besser angezogen als in Mailand. Da kommt mir unser Strassenbild in der Schweiz schon eher langweilig uniformiert vor. Die Japaner haben Stil, sie tragen ihrem Land sorge, sind neugierig und in einem positiven Sinn selbstbewusst. Sie haben unsere Kultur mit vielen eigenen Ideen bereichert. Ob mit Weltfiguren wie Super Mario, eleganten japanischen Gärten oder elektronischen Gadgets. Japans Kultur beeinflusst Produkte, Ideen und Lebensarten auf der ganzen Welt.

Wir können viel von Japan lernen. Wie sich die Alterskurve auswirken wird. Wie man Weltmärkte erobert. Wie man mit Schulden umgehen oder nicht umgehen soll. Wie man anständig miteinander umgeht. Und vielleicht sollten wir mit Blick auf Japan sehen, dass es eine Schande ist, wie wir eine ganze Generation junger Menschen in Europas Südländer in der Arbeitslosigkeit verlieren, anstatt sie aktiv in den "alten" Ländern einzubinden.

Wenn ich in diesem Artikel ein klein wenig Begeisterung für Japan durchblicken liess, so ist es, weil ich begeistert bin. Dieses Land ist faszinierend. Die Menschen, die Landschaften, die Kulturgüter - eigentlich alles.

Von Zürich nach Tokio dauert der Flug 11 1/2 Stunden. Solange Sie sich im Dreieck Kyoto - Osaka - Tokio bewegen, wird es für Sie als Touristen ohne Probleme gehen. Ich kann eine Reise nach Japan jedem ans Herz legen.

26 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.


Mehr zum Thema «Gesellschaft»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production