Singapur: 4.8 Millionen Menschen auf der Fläche von Glarus

"Chinesen stinken, Thais sind nur für eines da, Philippinen sollen den Dreck aufräumen - und wir sind sowieso die Besten in der Welt". So wurde mir die Einstellung der Singapurer beschrieben. Als ich in ein Taxi stieg, legte der Fahrer auch gleich los - was sonst eher unüblich ist: "Welcome to Singapur. Wir sind das erfolgreichste Land Asiens. Nummer 3 oder 4 nach Luxemburg und Katar nach Bruttoinlandprodukt pro Person. Hier machen Sie die tollsten Ferien und shoppen besser als irgendwo auf der Welt - nur eines dürfen Sie nicht, die Regierung kritisieren". Ob diese Begegnung Zufall war? Auf meiner Weltreise lernte ich einige reisende Asiaten kennen, und wenn sie ihre Landsleute beschrieben, waren diese Beschreibungen nicht immer schmeichelhaft. Aber dies gilt auch für Reisende aus westlichen Ländern. Amerikaner sind heute noch peinlich berührt von der Bush Ära, Deutsche schimpfen über die EU und es gibt da einen Schweizer auf Weltreise, der stolz von der direkten Demokratie erzählt, aber dann das Minarettverbot als rückständigen und unreifen Volksentscheid beschreibt... Wie auch immer, wo der Taxifahrer recht hat, hat er recht. Singapur ist reich und mehr Shoppingcenter habe ich auch noch nirgends auf der Welt gesehen. Es scheint fast, als ob man in Singapur nur drei Dinge machen kann: Arbeiten, shoppen und essen. Ein Einkaufscenter reiht sich ans das nächste Einkaufscenter an und jedes ist noch etwas grösser, verrückter und ausgefallener. Wer nicht weiss, ob er ein Shopper ist, spätestens in Singapur findet er es heraus. Ich bin es nicht.

In nur 50 Jahren nach der Unabhängigkeit von Malaysia stieg das Land rasant an die Spitze der Weltgemeinschaft auf. Vom Bauerndorf zur Weltstatt mit 4.8 Millionen Einwohnern. 1882 lebten keine 200'000 Menschen auf der Insel, heute leben auf jedem m2 7'126 Leute. Verdichtetes Wohnen bekommt in Singapur eine ganz neue Bedeutung. Hätten wir in der Schweiz dieselbe Dichte an Einwohner, wir könnten knapp die gesamte Bevölkerung der USA in unserem Land unterbringen.

Wie kam Singapur zu seinem Reichtum? Der Hafen von Singapur gilt als Tor zu Asien. Wenn Sie ein Toyota, ein Samsung TV oder ein in China produziertes iPhone kaufen, stehen die Chancen gut, dass diese Produkte über Singapur verschifft und gehandelt wurden. Singapurs Wirtschaft gehört zu den liberalsten der Welt und manch ein Geschäft wird dort noch abgewickelt, dass an anderen Orten längst nicht mehr geht - unsere Banken können ein Lied davon singen. Stark reguliert sind dagegen der Immobilienmarkt, das Transportwesen und die Medien. Eine 1-Bett-Wohnung mit 55m2 in der Innenstadt kostet schnell einmal 7'000 Franken Miete pro Monat. Wer ein solches Appartement kaufen möchte, muss rund 1 Million Franken auf den Tisch legen. Ebenfalls richtig teuer ist ein eigenes Auto. Ein Hyundai Elantra, der es in der Schweiz nur noch als Gebrauchtwagen gibt, schlägt in Singapur mit 90'000 Franken zu buche. Dazu kommt eine CO2 Steuer für rund 30'000 Franken. Ein "anständiger" Porsche geht schon einmal gegen eine Million Franken hoch. Das hat zwei Effekte, Autos sind in Singapur noch richtige Statussymbole und die Stadt erstickt nicht im Verkehr. Seltsamerweise ist dafür das Taxifahren günstig. Noch billiger kommt man aber mit der U-Bahn weg. 50 Minuten Fahrzeit kosten rund 1 Franken.

Was in Singapur auffällt, die Stadt ist ruhig. Kein Hupen, kein Lärm, keine lauten Leute, keine laute Musik. Eigentlich gar keine Musik - ausser im Shoppingcenter. Singapur ist geordnet und strickt geregelt. Europäer können sich schnell Ärger einhandeln. Auf meiner ersten Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt riskierte ich unbewusst eine Busse zwischen 450 und 4'500 Franken, weil ich in einem öffentlichen Verkehrsmittel aus der Flasche trank und ein Sushi ass. Kaugummis sind seit wenigen Jahren wieder erlaubt, wer aber einen auf den Boden spuckt, wird ebenfalls drastisch gebüsst. Busse heisst nicht immer nur Geld. Es gibt zur Geldstrafe die Stockschläge für Männer zwischen 20 und 55, bei denen der Stock mit mindestens 160 km/h auf das Hinterteil geschlagen wird, damit eine Wunde bleibt. Stockschläge gibt es zum Beispiel für Vandalismus oder wer nachweisslich lügt. Aber gesellschaftlich wird das Land etwas grosszügiger. Wie Kaugummi ist seit wenigen Jahren das Frauenmagazin Cosmopolitan wieder zum Verkauf erlaubt - selbstverständlich der Playboy nicht.

Obwohl offiziell eine Demokratie, wird das Land seit der Staatsgründung 1965 von der [People's Action Party](http://de.wikipedia.org/wiki/People%E2%80%99s_Action_Party_(Singapur) regiert. Zwischen 1999 und 2006 fanden keine Präsidentschaftswahlen statt, weil nur eine Person vom Wahlkomitee zugelassen wurde. Es scheint aber, dass sich diese rigide Bevormundung der Bevölkerung nicht mehr so einfach halten lässt. Singapur ist ein Schmelztiegel der Religionen. Was anderorts angeblich undenkbar ist, ist hier Normalität. Mosche neben katholischer Kirche und ein Hinducenter gegenüber. Kurz vor meiner Ankunft in Singapur mokierte sich Ministerin Amy Cheong über die Scheidungen bei den Moslems. Die strikt kontrollierten Staatsmedien berichteten wenig darüber, auf Facebook entstand aber ein Aufstand der Singapurer. Sie wollten sich von einer offiziellen Person nicht sagen lassen, was gut und was schlecht ist. Christen wie Hindus traten für die Rechte der Moslems ein und dieser Protest zeigte Wirkung. Zum ersten Mal wurde ein Regierungsmitglied wegen eines Volksaufstandes geschasst.

Auch regt sich Widerstand zu einzelnen politischen Themen im Volk. Singapur gibt zum Beispiel 6% des Bruttoinlandproduktes für das Militär aus. Das Land kaufte 24 FA-15, um die Fläche von Glarus zu verteidigen. Das passt nicht mehr allen Menschen, zum Beispiel wehren sich einzelne Leute aus der neu entstandenen Künstlerszene. Terence lernte ich beim Militärplatz Fort Canning Park kennen. Er hielt eine Ausstellung unter dem Motto: "Make Art not War". Der 31-Jährige fragte sich vor zwei Jahren, was es bedeutet ein Singapurer zu sein und bereiste dafür die umliegenden Länder. Er bringt den Kindern in ländlichen Gegenden das Puppenspielen bei und möchte seine Landsleute daheim davon überzeugen, dass es mehr Sinn macht, den Reichtum in Hilfe für die Nachbarn zu investieren, als Unmengen an Geld in ein Militär zu investieren, welches im Notfall keine zwei Stunden die Insel verteidigen könnte.

Terence, Lyu, Amo und noch einige andere Singapurer, die ich kennenlernen durfte, haben das mir beschriebene Vorurteil der Singapurer nicht bestätigt. Selbst der eingangs erwähnte Taxifahrer schwärmte am Schluss vom Zusammenhalt untereinander. Die Leute auf der Insel mögen zwar alle ihre Vorurteile gegenüber den "Anderen" haben und sich abgrenzen, aber sie leben sehr friedlich und respektvoll miteinander. Als Schweizer blickte ich öfters die Wolkenkratzer an und dachte für mich, der Tierschutz würde in unserer Heimat reklamieren. Aber irgendwie schaffen es die Menschen trotzdem, jeden Tag zusammenzuleben. Und so ist es in der Fremde, ich machte mir auch Gedanken zur Schweiz. Singapur wie unser Land straffen alle Lügen, die behaupten, Menschen unterschiedlicher Kulturen, Glaubensrichtungen und Einstellungen können nicht friedlich zusammenleben. Es gibt kleine und grosse multikulturelle Länder wie die Schweiz, Kanada und die USA, welche tagtäglich beweisen, Menschen sind zum friedlichen Zusammenleben gemacht - ungeachtet ihrer Hautfarbe, Herkunft oder Religion.

Terence, der Künstler, hörte fasziniert zu, als ich ihm das System der direkten Demokratie erklärte. Wie bei uns jeder auf die Politik des Landes Einfluss hat und wie wir nicht nur ein wirtschaftsliberales, sondern auch ein gesellschaftsliberales Land sind und uns die Privatsphäre noch etwas wert ist. Während die Menschen in Singapur und anderen asiatischen Ländern unserem Ideal anfangen nachzueifern, wird mir bewusst, dass bei uns konservative politische Kräfte in eine andere Richtung ziehen. Die Regulierer drücken uns ein Minarettverbot auf, sie wollen die Löhne unten und oben durch den Staat regulieren, die Finanzen von Privatpersonen, welche sich um ein politisches Amt bewerben, durchleuchten und der Rechtsstaat soll durch Automatismen zu einem harten, unbarmherzigen Vollstrecker werden. Diese Forderungen sind erst der Anfang.

Selbst wenn man keinen Zweifrontenkrieg führen sollte, wenn wir auch Morgen in einer freien, weltoffenen und liberalen Schweiz aufwachen wollen, dann haben wir Liberalen die Pflicht, die konservativen Kräfte von links und rechts in ihre Schranken zu weisen und um unsere gewonnene Freiheit zu kämpfen. Damit die Schweiz auch in Zukunft ein Land bleibt, dass wirtschaftlich und politisch ein Vorbild bleibt und in dem wir leben wollen.

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