Read the f****ing manual!

In einem Gespräch mit einem Jungfreisinnigen vor kurzem, sprach ich das Thema der parteiinternen Bildung an. Innerhalb der Juso hat dieses Thema einen hohen Stellenwert und bei workshops in unserem alljährlichen Sommerlager oder den diversen Regiolagern treffen GenossInnen aus der ganzen Schweiz zusammen, werden von gnadenlosen WorkshopleiterInnen trotz viel zu kurzen Nächten um halb 9 in den jeweiligen Workshopräumen zitiert, wo sie unter anderem Marx und Gramsci lesen und über das Gelernte diskutieren.

Als der Jungpolitiker hörte, dass bei uns neben Jean Ziegler und Naomi Klein auch die Werke vom ollen Karl und von der Roten Rosa (Luxemburg) eine gewisse Popularität und so manchem auch schon die Bücher von Herren wie Trotzki in die Hände gefallen sind, klappte ihm der Kiefer runter. Völlig entgeistert fragte der junge Mann: "Ihr... Ihr lest Karl Marx in der Juso?" Nach meiner Bestätigung, sah der arme Kerl entgültig so aus, als wäre das sprichwörtliche Gespenst des Kommunismus aus dem kommunistischen Manifest hereingeschwebt um Furcht und Schrecken zu verbreiten.

Leider war ich von der Reaktion so amüsiert, dass ich die Chance verstreichen liess zu fragen, ob denn im Lager unserer politischen Kontrahenten die Klassiker wie Ricardo und Adam Smith oder neuere Dinge wie Keynes oder Friedmann, ausser von den HSG-ExponentInnen der Partei, nicht gelesen werden. Dieses Wochenende erinnerte ich mich an die Diskussion und dachte etwas über Smith nach. Das eine führte zum Andern und plötzlich lag ich mit Smiths Hauptwerk "The wealt of nations" im Nest. Erstmal Entwarnung an die Liberalen auf Politnetz: Keine Angst ich hab mich nicht angesteckt, bin ich immer noch die rote Socke, wie ehh und je.

Trotzdem fand ich die Lektüre extrem spannend, gewann jedoch immer mehr den Eindruck, dass mancher wirtschaftsliberaler nicht gelesen hat, was der olle Adam geschrieben hat, als er die Grundlagen der Volkswirtschaftslehre schrieb. So erklärte mir am selben Abend, an dem der junge Herr vom Jungfreisinn seiner geisterhafte Erscheinung hatte, die Präsidentin der Sektion, dass Gewerkschaften verboten gehören würden, da sie egoistisch wie sie seien, nur auf die Interessen der ArbeiterInnen fokussiert seien. Auf meine Frage ob man denn dann auch Arbeitgeberverbände verbieten müsse, stiess auf Unverständnis "Wieso`? Die geben doch Arbeit!"

Scheinbar scheint man mancherorts der Meinung zu sein, dass die Arbeitgeber irgendwo am Ende des Regenbogens einen grossen Topf voll Arbeit gefunden haben und weil sie sich dachten:"So viel Arbeit können wir ja gar nicht alleine essen." Netterweise begonnen haben, die Arbeit zu verteilen. Wenn es um Zusammenschlüsse von Arbeitgebern (Smith benutzt häufig den Terminus "the masters" synonym) findet Smith jedenfalls recht klare Worte:"Geschäftsleute des gleichen Gewerbes kommen selten, selbst zu Festen und zu Zerstreuungen, zusammen, ohne dass das Gespräch in einer Verschwörung gegen die Öffentlichkeit endet oder irgendein Plan ausgeheckt wird, wie man die Preise erhöhen kann."

Allgemein kann beim Studium von Smith gut gesehen werden, dass der klassische, von Smith begründete Wirtschaftsliberalismus nicht viel mit der marktfundamentalistischen laisser faire Mentalität der Neoliberalen der Neuzeit zu tun hat. Die Wirkungsweise der nur als Metapher erwähnten "unsichtbaren Hand" zielt zwar ganz klar in Richtung einer Marktwirtschaft, doch den "Nachtwächterstaat" - wie der deutsche Arbeiterführer Ferdinand Lasalle Staaten benannte, die ihre Aufgabe nur darin sehen, persönliche Freiheiten und Eigentumsrechte zu schützen - im Sinne eines Milton Friedman, hätten der Ikone des Liberalismus nicht gefallen und eine Verachtung für die Untersten in der Gesellschaft, wie sie von manchem Vertreter des Wirtschaftsliberalismus in den USA betrieben wird, hätte den religiösen Moralphilosophen Smith dazu veranlasst Leute für solche Aussagen selber zu verachten.

Was jetzt ein wenig, wie eine Verteidigung des Liberalismus klingt, soll jedoch keine sein, so halte ich nicht viel vom Konzept der unsichtbaren Hand und die Demoparole "Die unsichtbare Hand hat mich begrapscht" bringt mich immer noch zu schmunzeln. Wie man sich vielleicht denken kann, halte ich es eher mit Marx und Luxemburg, wenn es um politische Ökonomie geht, doch gerne lege ich den VertreterInnen bürgerlicher Partei nahe, sich einmal durchzulesen, was da vor 230 Jahren in Schottland geschrieben wurde und wenn man nachher noch etwas Zeit hat - Smith ist gute Grundlage um Marx zu verstehen ;)

Also Leute: lest das Handbuch - read the f***ing manual :D

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