Es gibt nur einen einzigen konstruktiven Weg der Veränderung: wir müssen den Superkapitalismus daran hindern, auf die Demokratie überzugreifen. Robert B. Reich

Grundsätzlich ist der Markt eine gute Sache. Jedes Gut findet seinen Käufer zu einem Preis, der durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Der Markt steuert damit, dass wir effizient mit Ressourcen umgehen und bedarfsgerecht produzieren, und fördert eine ständige Innovation. Die Demokratie ist ebenfalls schwer in Ordnung, weil der Wähler zumindest seine Regierung bestimmen kann. Und ich habe eigentlich auch kein Problem mit dem Fiat- und Giralgeld, d.h. mit den schönen bedruckten Banknoten, die uns möglichst fälschungssicher suggerieren, dass sie mehr Wert haben als das Papier, aus dem sie bestehen. Auch der Zins, den man für Kapital kriegt oder zahlt, ist für mich ähnlich wie eine Miete, die man für den Gebrauch einer Wohnung bezahlt. Daher konnte ich nie viel anfangen mit Überlegungen wie z.B. die Wiedereinführung der Golddeckung oder eher esoterischen freiwirtschaftlichen Ideen. Es ist klar, viele Vorgänge in diesen Wirtschaftskreisläufen entziehen sich mehr und mehr unserer Kontrolle und wahrscheinlich auch unserem Verständnis. Sie werden zu gross und zu komplex und bieten damit sofort Raum für Spekulationen und Angst. Das ist aber nicht nur eine Eigenschaft der Wirtschaftskreisläufe, sondern unseres gesamten globalisierten Lebens in der Informationsgesellschaft - diesen Raum haben auch früher schon vor allem die Religionen mit Sinn und klaren Regeln gefüllt.

Ich habe immer nach pragmatischen Lösungsansätzen gesucht, die nicht gleich eine Revolution verlangen und damit eine Änderung der ganzen Welt, auf die sich schon viele vor uns schwarz gewartet haben. Kürzlich habe ich mir das Buch von Robert B. Reich, Superkapitalismus, besorgt und habe das Gefühl, dass da jemand einigermassen weiss, worüber er spricht, und nicht verkündet, die eine und einzige Lösung für alle Probleme zu kennen, und damit sehr pragmatisch bleibt. Und was mich am meisten traf: er hat MICH verantwortlich gemacht, für die Entwicklungen der letzten Jahre. Es sind nicht die Reichen und Schönen, nicht die Politiker und Despoten, nein, eigentlich bin ich es, der die Entwicklung weiter in die Richtung steuert, in der die Finanzkrise 2008 folgerichtig als eine ernste Warnung erscheint.

Reich zeigt zuerst, wie in den USA der 50 und 60er Jahre die Massenproduktion von Autos und elektrischen und elektronischen Geräten in wenigen gigantischen Firmen in kürzester Zeit zu Wohlstand für eine breite Bevölkerungsschicht geführt hat. Er wurde vernünftig verteilt, weil sich starke Gewerkschaften und einflussreiche Regulierungsbehörden in grossen Teilen der Wirtschaft Quasimonopole aufgebaut hatten und - seine Worte - eigentlich eine Art Planwirtschaft lebten. Zum Beispiel konnten die 3 grossen Autofirmen mit relativ wenig Innovation billig produzieren und konnten wegen der geringen Konkurrenz den ganzen Markt bedienen. Die grossen Gewinne verteilten sie dann wegen den starken Gewerkschaften zu grossen Teilen an die Arbeiter, die sich dann plötzlich selber ein Auto, einen Kühlschrank und einen TV leisten konnten. Zudem begann in dieser Zeit die Kreditwirtschaft den Konsumkredit zu entdecken, der dann schon bald zum american way of life gehörte. In der "beinahe perfekten Gesellschaft", wie Reich diese Zeit nennt, wurde also fast ein wirtschaftliches perpetum mobile geschaffen, welches die USA wirtschaftlich so stark gemacht hat. Sehr interessant finde ich auch die Aussage von Reich, dass es nie einen Kampf von Planwirtschaft und Marktwirtschaft zwischen den UdSSR und den USA gegeben habe, sondern nur den Kampf von Totalitarismus und Demokratie, da die USA in grossen Teilen das System einer Planwirtschaft gelebt habe (Mono- und Oligopole mit starken Regulationsbehörden).
In den 70er Jahren erstarkten Japan und Europa wieder, die sich nach dem 2. Weltkrieg erst erholen mussten, und durch die Globalisierung entstanden immer grössere Konzerne. Der Shareholder Value hielt Einzug und wurde das Mass aller Dinge. Die Geschäftsleitung wurde relativ schnell ausgetauscht, wenn der Aktienwert einbrach. In der Folge versuchte man teure Arbeitsplätze loszuwerden und nutzte alle Möglichkeiten aus, die die Globalisierung bot. Billiglohnländer und neue Transportmöglichkeiten (Containerschiffe) wurden immer stärker genutzt. Dies führte natürlich sehr schnell zu noch mehr Nachfrage und die Wirtschaft begann immer schneller zu wachsen.

Gut. Und warum bin ich verantwortlich?
Ich bezahle AHV und habe eine Pensionskasse. Ich versuche für das Alter vorzusorgen und mir einen "Geldspeicher" anzulegen, d.h. sowohl die AHV, meine Pensionskasse wie auch ich privat habe Wertschriften, für die ich mir wünsche, dass sie im Wert zunehmen. Damit bin ich also auch vom Shareholder Value abhängig. Der Wert der Aktie und die Höhe der Dividende hängt davon ab, wie günstig eine Firma produzieren und wie teuer sie verkaufen kann - dies bestimmt ja ihren Gewinn - und wie ihre Zukunftsaussichten sind.
Als Arbeitnehmer bin ich jedoch der, der möglichst einen hohen Lohn möchte. Hier gibt es also schon einen ersten Zielkonflikt mit dem Shareholder.
Wenn ich genug gearbeitet habe, gehe ich nach Hause und möchte leben: essen und all die nötigen und weniger wichtigen Annehmlichkeiten, die man sich so gönnt. Als Konsument möchte ich möglichst wenig bezahlen. Ein günstiger Preis ist bereits der nächste Zielkonflikt mit dem Shareholder Value. Und für alle Arbeitnehmer in der Firma, für deren Produkte oder Dienstleistungen ich wenig bezahlen möchte, bedeutet dies, dass ich ihnen keinen hohen Lohn bezahlen möchte.
Und jetzt bin ich zu allem Überfluss noch Staatsbürger in einer direkten Demokratie. Wenn jetzt die Grünen finden, dass zuviel Offroader unterwegs sind, und eine CO2 Lenkungsabgabe wollen, bin ich jetzt bereit dazu, dieses Ziel zu unterstützen? Dies bedeutet, dass ich als Konsument mehr bezahle, als Arbeitnehmer höhere Arbeitskosten habe und als Shareholder weniger Gewinn sehe, nur damit ich etwas für die Umwelt tue. Und möchte ich nicht möglichst wenig Steuern bezahlen?
Und wenn ich in der Nähe der Grenze wohne, kaufe ich dann das günstigere EU Fleisch bei Aldi ein, oder kaufe ich das viel teurere Bio Fleisch beim Dorfmetzger um die Ecke? Beim Dorfmetzger profitiert das lokale Gewerbe und der Schweizer Bauer sowie hoffentlich auch die Tiere, die gemäss Schweizer Tierschutzbedingungen besser gehalten wären - beim Kauf ennet der Grenze der Aldi plus eine deutsche Fleischfabrik. Und wenn ich Schweizer Fleisch esse, ist mir dann klar, dass ein grosser Teil davon mit importiertem Tierfutter produziert worden ist, weil man die nötigen Mengen zu den geforderten Preisen in der Schweiz gar nicht produzieren kann? Ist mir klar, dass diese meine Nachfrage den Preis für Mais und Soja auf dem Weltmarkt und die für andere Nahrungsmittel verfügbare Fläche beeinflusst?
Und wenn ich die günstigste Versicherung für mein Auto abschliesse, weiss ich dann, dass gewisse Tätigkeiten (Leistungsabrechnung, Callcenter) bereits nach Indien ausgelagert werden, damit der Shareholder Value verbessert wird? Ich habe ja vielleicht Aktien von dieser Versicherung und freue mich, wenn sie mehr Gewinn macht.

OK. Eigentlich ist klar, auf was das alles rausläuft. Die Arbeit geht dorthin, wo sie am wenigsten kostet - mit den modernen Kommunikationsmöglichkeiten ist auch die Verlagerung von Dienstleistung auf die Dauer kein Problem. Für Produktion muss einfach das Produkt und der Transport insgesamt günstiger sein, als lokal hergestellte Ware und schwupp, wird die Produktion verlagert. Die eine Hälfte (der Shareholder und der Konsument) findet das gut, die andere Hälfte (der Arbeitnehmer und Staatsbürger) wird zunehmend ein Problem damit bekommen. Warum?
Weil in unseren Hochlohnländern immer weniger Arbeit übrig bleibt - man nennt das so schön strukturelle Arbeitsloskigkeit.

Das Buch erschien in 2007. Hier ist ein sehr unterhaltsamer Vortrag (in englisch) an der University of North Carolina:


(Start ist ab 0:08, ab 0:15 wird der Crash von 2008 angedeutet, ab 0:55 wird die Demographie und Migration behandelt)

Hier ein Interview in deutsch: Der Teufelspakt des "Superkapitalismus", Neues Deutschland, 2. Februar 2008.

Robert B. Reich gibt kein pfannenfertiges Rezept. Ein Zitat aus seinem Buch lautet:
»Ein Unternehmen hat die Aufgabe, das Spiel der Wirtschaft so aggressiv zu spielen wie möglich. Wir als Bürger müssen Unternehmen daran hindern, Spielregeln selbst festzulegen. Das ist die Herausforderung. Es gibt nur einen einzigen konstruktiven Weg der Veränderung: wir müssen den Superkapitalismus daran hindern, auf die Demokratie überzugreifen. Alles andere ist Zeitverschwendung.«
Er sagt damit, dass wir alle, vom Bürger bis hin zum Politiker damit begonnen haben, alles dem Kapitalismus unterzuordnen. Dass dieser Übergriff der Wirtschaft auf die Politik mindestens seit 2008 ständig geschieht, sehen wir an den häufigen Krisenmeetings der Politiker in der ganzen Welt am Wochenende durch ganze Nächte mit den darauf folgenden ängstlichen Blick auf die Märkte: "bis die Börsen in Asien am Montag früh öffnen, muss [bitte aktuellen Krisenherd hier einsetzen] gerettet sein".

Der Führer für den Staatsbürger durch den Superkapitalismus könnte so lauten:

  • Mach den Unternehmen keine Vorwürfe für die Übel, die die Gesellschaft befallen haben
  • Wenn CEOs oder andere Firmensprecher von den Wohltaten ihrer Firmen für die Gesellschaft werben, glaube ihnen nicht
  • Das gleiche gilt für Politiker, die für deine freiwillige Anstrengungen [bitte hier deinen eigenen Vorteil einsetzen] versprechen
  • Sofort skeptisch werden, wenn Politiker die Schuld für Missetaten Konzernen anhängen
  • Misstraue Anwälten, Boykotten und selbsternannten Reformern. Finde heraus, was ihre wirklichen Ziele sind

Robert B. Reich arbeitet in seinem Vortrag (siehe Video) die 3 Megatrends heraus, die uns in Zukunft stark beschäftigen werden:

  • Globalisierung
  • Technologie
  • Demographie

Da mein Beitrag jetzt schon sehr lang geworden ist, werde ich diese einzelnen Punkte später in eigenen Beiträgen zu erörtern versuchen, und beschränke mich auf eine Kritik zum Buch und zum Vortrag von Reich.

Wenn ich den Bogen ganz an den Anfang zum (freien) Markt schlage, kann man zusätzlich sagen, dass man das Augenmerkt auf die bekannten Marktversagen

  • Kartell- und Monopolbildungen
  • Extern