Wer macht sich über die Amis lustig?

Auf den Tag vor 20 Jahren machten wir uns in Berkeley, Kalifornien, über die Amis lustig. Die Sprachschule, in der ich mein Englisch aufbesserte, war von Schweizern überflutet und in den Pausen witzelten wir wegen dem übertriebenen Kreuzzug der Amerikaner gegen das Rauchen. 20 Jahre später stimmt die Schweiz über noch drastischere Anti-Raucher Massnahmen ab, als sie damals in den USA herrschten.

Die USA begannen mit ihrer Antiraucher-Kampagne 1966 relativ früh. Bis Mitte der neunziger Jahre gelang es so, die Raucherquote in den USA zu senken. Seitdem aber stagniert sie: Rund 21 Prozent der dortigen Bevölkerung, sagt die Weltgesundheitsorganisation WHO, rauchen nach wie vor. Mit Appellen an die Vernunft ist ihnen nicht zu helfen. Die Frage sei erlaubt, was kommt nach der Vernunft?

Warum waren und sind die Amerikaner so besessen gegen das Rauchen? Wegen den Gesundheitskosten. Wenn die Gesellschaft über Steuern mithilft, die Gesundheitskosten zu finanzieren, ist es nachvollziehbar, dass die Gesellschaft vom Individuum auch eine Gegenleistung erwartet, nämlich sich nicht gesundheitsschädlich zu verhalten. Dies kann man befürworten oder dagegen sein, Tatsache ist aber, wir haben die Kampagne der USA vollständig übernommen und stimmen demnächst über eine weitere Verschärfung des Rauchverbotes ab. Auch wir stellen die Frage: höhere Krankenkassenprämien oder Rauchverbot.

Aber eigentlich soll es in diesem Artikel nicht um das Rauchen gehen. Dies war nur die Vorgeschichte, denn die Amerikaner nehmen eine neue Risikogruppe ins Visier: Die Fettleibigen.

Wer glaubt, dass die USA wegen den Kriegen in Afghanistan und Irak so hoch verschuldet sind, liegt völlig falsch. Die beiden Kriege kosteten je nach Rechnungsart zwischen 200 und 300 Milliarden Dollar. Im Jahr 2009 haben die Vereinigten Staaten alleine für die Gesundheitsvorsorge 2'500 Milliarden ausgegeben. Als Gegenbeispiel, Indien gibt für seine Bevölkerung mit 1 Milliarde Menschen gerade einmal 1'500 Milliarden aus. Nochmals eine verrückte Zahl? Das Bruttoinlandprodukt von Russland 2008, also alle Waren und Dienstleistungen, die im Jahr in Russland hergestellt werden, liegt bei lediglich 1'600 Milliarden - nicht nur die Gesundheitsversorgung, sondern das gesamte Wirtschaftsergebnis Russlands ist kleiner, als die Summe, welche die Amerikaner für ihre Gesundheit ausgeben.

8'000 Dollar Gesundheitskosten pro Amerikaner sind riesig, und weil in den USA viele Leute zum Beispiel gegen Diabetes Typ 2 oder Bluthochdruck einfach Pillen schlucken, anstatt ihr Ess- und Bewegungsverhalten zu ändern, reagieren die USA vermehrt mit Massnahmen gegen Fettleibigkeit. Die USA haben eine panische Angst vor steigenden Gesundheitskosten. Man schätzt, dass die USA in den nächsten zehn Jahren 10'000 Milliarden mehr für die Gesundheit ausgeben müssen, weil Menschen zu dick sind. Das sind 10x die Kosten der letzten Finanzkrise! Und was passiert? Die USA nehmen den Kampf gegen die Fettleibigkeit auf. Es werden Kampagnen gegen Übergewicht gestartet, New York will 1-Liter-Becher verbieten und Michele Obama höchstpersönlich führt ihre Kinder im Kampf gegen Fettleibigkeit vor. Präsidentschaften Gattinnen sollten man übrigens nicht mehr unterschätzen. Was heute als Obamacare gilt, wurde ursprünglich weitgehend von Hillary Clinton in der ersten Amtsperiode ihres Mannes initiiert.

Auf Politnetz wurde einige Male mit einem Lächeln gefragt, wer kommt nach den Rauchern dran. Diese Antwort darf und kann man schon heute geben, die Dicken. Den eines ist klar, was die Amerikaner machen, machen wir mit etwas Verspätung nach. Ob der Kampf gegen das Rauchen, ob Trash-TV oder Halloween - wir uebernehmen deren Kultur. Die USA geben immer noch vor, in welche Richtung die Welt steuert.

Ach ja, hier der neuste Artikel von David Müller, Steuer auf ungesunde Lebensmittel, zugunsten der Krankenkassenprämien...

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