Zeitdiagnose auf die letzten 5’000 Jahre

Eine Analyse woher wir kommen, wohin wir gehen. Beachtenswert sind die Gedanken zu den Griechen, die Schuldenkrise und die EU im letzten Teil. Von Andreas Zimmermann mit Vorwort von Dr. Al Imfeld.

Wir Journalisten bewegen uns von Tag zu Tag, solange bis die meisten keine Ahnung mehr von Jahrhunderten haben und die ganze Tiefe all unserer alltäglichen Wasserhosen ausser Acht lassen. - AZ ist ein privater Historiker, wie jeder von diesen etwas einseitig. Doch er segelt in der europäischen Krankheit; diese heisst Dualismus und Sündenböcke. Genau um solches ging es zB die ersten 5 Jh. des Christentums und bis ins 11. Jh. auch beim Islam. AZ wäre mit seinem Stück genau in dieser alten Tradition und es lohnt sich, die Welt heute wieder einmal so zu interpretieren. Meinen wir nicht, er stehe einsam da. Alle politischen Parteien tun mit neuen Sündenböcken und Ideologien dasselbe. Das Stück von AZ ist daher wie ein Spiegel.
Al Imfeld, Zürich Juli 2012

Zeitdiagnose März 2012 –
im Rückblick auf die letzten 5’000 Jahre

Andreas Zimmermann, Zürich

Wir sehen heute im Rückblick auf die letzten 5’000 Jahre Menschheitsgeschichte 3 historische Strömungen an ihr Ende gelangen:

  1. Das Ende des mit 1492 beginnenden, ca 500 Jahre dauernden Zeitalters der europäischen Expansion mit all ihren machtpolitischen, wirtschaftlichen, sozialen, wissenschaftlich-technischen und weltanschaulichen Implikationen.

  2. Das Ende der Epoche der mythosfundierten Weltanschauungen resp. Weltdeutungs- und Sinngebungstheorien, auch der dogmenfixierten christlich-amtskirchlichen, die die Menschheitsgeschichte als Heilsgeschichte darstellt, statt in ihr ein naturgesetzlich bestimmtes Evolutionsgeschehen zu sehen; naturgesetzlich bestimmt nicht im Sinne des linearkausalen (mechanischen) Determinismus, sondern des dialektischen d.h. einer sich aus dem Wechselspiel zwischen Möglichkeit und Zufall ergebenden Notwendigkeit.
    In der mythosgetragenen Weltsicht gilt der Mensch als Schöpfung einer bewusst handelnden Entität, deren anthropomorphe Charakterzüge nur allzu offensichtlich die Selbstprojektion von Machtmenschen aus der Zeit des mesopotamischen Gottkönigtums verraten.
    Ob nun der kosmische Urknall tatsächlich stattgefunden hat oder weiterhin Hypothese bleibt, tut nichts zur Sache; es würde ohnehin nichts erklären. Jedenfalls ist der Mensch auf dieser Erde Zeitigung und vorläufiges Endprodukt eines Jahrmilliarden dauernden Evolutions- und Ausdifferenzierungsprozesses des kosmischen Urgrundes, der, im Menschen zur Ichhaftigkeit gelangt, im Bewusstsein des Menschen seiner selbst gewahr und habhaft wird, wobei sich ihm die Möglichkeit der Selbsthinterfragung eröffnet.
    Wo der Kosmos in seiner Zeitigung Mensch sich selber hinterfrägt, gibt es, wie schon die Rishis im alten Indien erkannten, nur die eine Antwort 'tat twam asi' (das bist du; vgl. Upanischaden, Chandogya u.a.).
    Die magisch-animistische Weltauffassung hat ihre Genese in den Jahrtausenden des zunehmenden Aufdämmerns des menschlichen Bewusstseins und ist gegenwärtig noch beobachtbar in schamanistischen Praktiken der noch wenigen, unter steinzeitlichen Bedingungen lebenden Naturvölker wie auch in den Theorien und Ritualen der verschiedenen Religionen.

  3. Die dritte historische Periode, die heute an ihr Ende gelangt, ist die der Dominanz der brachialimperialistischen Politik der USA. Marionette um Marionette kippen nun um und entgleiten dem US-Diktat; in Asien sind es nur noch wenige gekaufte Vasallenregime, denen es immer schwerer fällt, gegen die Interessen ihrer eigenen Völker eine fremdbestimmte Politik zu befolgen.

Es war, vor allem nach dem 2.Weltkrieg, das Hauptanliegen der US-Politik, die damals weltweit und besonders in den kolonial beherrschten Gebieten aufkeimenden Unabhängigkeits- und Befreiungsbewegungen abzuwürgen. In Verfolgung ihrer Weltherrschaftsambitionen liessen die Brachialpolitiker der USA wo immer ihnen beliebte ihre Kriegsmaschinerie zum Einsatz bringen, um, nötigenfalls mit Flächenbombardements, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, (Korea, Libanon, Vietnam, Somalia, Nicaragua, Kuba, Grenada, Panama, Irak, Afghanistan usw. usw.); oder sie inszenierten, vor allem mit Hilfe der CIA, Putsche und Mordkomplotte zur Beseitigung meist demokratisch gewählter Regierungen (Iran, Chile), deren einziges Vergehen darin bestand, die Interessen ihrer eigenen Völker höher zu veranschlagen als jene von US-basierten Plünderkonzernen. Allein in Lateinamerika beseitigten sie auf diese Weise über ein Dutzend gewählter Präsidenten (Allende, Arbenz, Bosch, Quadros u.a.m.), um an deren Stelle - natürlich im Namen von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten - gefügige Blutherrscher und Diktatoren einzusetzen.

Die Komplotte gegen Mossadegh, Sukarno, Nasser, Sihanouk und andere gehen ebenfalls auf das Konto der USA. Patrice Lumumba, der erste Ministerpräsident des freien Kongo wurde auf direkten Befehl von US-Präsident Eisenhower ermordet.
Dies alles geschah unter dem Vorwand und Deckmantel der Abwehr und Eindämmung der kommunistischen Gefahr - dabei waren der damalige Sowjetblock und die VR China die einzigen, die die antikolonialen Befreiungsbewegungen tatkräftig unterstützten.
Über 50 Jahre lang war diese Unterdrückungspolitik der US-Regierungen dominant - jedoch mit letztlich absolut kontraproduktiven Resultaten. Sie entfesselten damit gerade jene Dynamik, deren sie heute nicht mehr Herr werden können. Paradoxerweise erheben sich heute ausgerechnet die von ihnen gesponserten islamischen Bewegungen (etwa in Afghanistan) gegen die USA selber. Selbst auf den christlichen Philippinen ist die Islamistenbewegung nicht mehr einzudämmen: die Christen gelten ohnehin als Komplizen der ehemaligen Kolonialherren und ihrer Marionetten.

Dass der Islam heute in gewissen Ländern so erfolgreich ist, beruht auf der Tatsache, dass die von den Volksmassen getragenen Religionsgemeinschaften die einzige, relativ gut organisierte Basis für eine erfolgreiche Massenbewegung gegen die Unterdrückung darstellen. Auch gekaufte Imame vermochten letztlich dagegen nichts auszurichten. Breit abgestützte und weit gefächerte Massensolidarität wird auf Dauer zur unüberwindlichen Macht. Durch Putsche an die Macht gebrachte Marionetten vermögen gegen den Aufstand der Massen nichts mehr auszurichten.
Die Völker der Welt brennen heute keineswegs darauf, sich unter die Botmässigkeit der von H. Kissinger und Konsorten ausgedachten „neuen Weltordnung“ zwingen zu lassen. Diese sogenannte neue Weltordnung ist eine reine Mogelpackung, konzipiert zwecks Globalisierung des von der US-Administration und vom FED gedeckten Raubtierkapitalismus von der Wallstreet; (nachdem sie sich Brachialinterventionen wie unlängst noch in Libyen heute kaum mehr leisten können).

Die USA stecken heute selber in der grössten Krise ihrer Existenz und sie versuchen, durch Ingangsetzen der Notenpresse sich über Wasser zu halten, was zur galoppierenden Entwertung des Dollars und zu dessen letztlicher Abdankung als Weltwährung führen wird. Leidtragende dieser Politik sind alle, die in US-$ festgeschriebene Guthaben besitzen, vor allem die VR China, die gerade dabei ist, die Konsequenzen daraus zu ziehen.
Typen wie der ungarische Jude und Megaspekulant Soros, der seinerzeit (1992) mit seinem Quantum Hedge-Fonds das britische Pfund ausgehebelt, zahlreiche Krisen (z.B. die Asienkrise von 1996) mitverursacht und ganze Volkswirtschaften in den Ruin getrieben hat - solche Philanthropen, die Milliarden verdienen indem sie Millionen ins Elend treiben, solche Finanzraubritter dürften inskünftig, trotz US-Protektion, schwierigen Zeiten entgegensehen. Ihr Prinzip ist Wertschöpfung ohne Wertschaffung, ihre Methode ist der Vertrieb von als strukturierte, völlig intransparente Finanzprodukte getarnten Nonvaleurs (z.B. Sub-Prime-Papiere).

Was die EU-Krise betrifft, so war sie schon längst vorauszusehen (vgl. H. Apel: „Der kranke Koloss“, Rowohlt 1994).
Die EU, dieses unter fremdbestimmter deutsch-französischer Dienstbarkeit überstürzt zusammengeschusterte Zwangs- und Zwittergebilde, war von allem Anfang an zum Scheitern verurteilt; (darum wollten auch die Briten nie richtig mitmachen). Bleibt abzuwarten, wie sich das Pharisäergespann Merkel/Hollande aus der Bredouille zu winden versucht.
Europa existiert als Vielzahl von Völkern und Nationen mit ihrem ganzen Reichtum an Sprachen, Kulturen, Bräuchen und Traditionen. Und wer dies alles einebnen will, wird Schiffbruch erleiden.

Es ist schon lange das Bestreben einer gewissen, diskret aus dem Hintergrund agierenden Gruppe, die Souveränität der einzelnen Staaten, namentlich deren Budget- und Rechtshoheit sukzessive einzuschränken, um das Ganze dann unter die Herrschaft der krebsartig wuchernden, blindwütig Reglemente produzierenden Brüsseler EU-Bürokratur zu zwingen. Schon weil es kein europäisches Staatsvolk, keine europäische Einheitssprache und auch keine Europa-Identifikation gibt (die Leute nennen sich immer noch Deutsche, Franzosen, Schweizer, Spanier, Italiener, ...) ist diese Zwangs-EU ein unerfüllbares Postulat; eine Chimäre und blosse Fiktion. Die europäische Vielfalt lässt sich - trotz krampfhaften Bemühens der einschlägig gesteuerten Medien - nicht auf das Niveau der anglo-amerikanischen Brüllaffen- und Junkfoodkultur trimmen, wie sie sich heute vor allem im völlig kommerzialisierten Unterhaltungssektor manifestiert.

Die gegenwärtig Europa heimsuchende, auch auf die Realwirtschaft übergreifende Finanzkrise hat ihren Ursprung, wie auch alle Wirtschaftskrisen des vergangenen Jahrhunderts, in den USA; (Fannie Mae, Freddie Mac, Lehman Brothers u.a.m.).
In Komplizenschaft mit den Rating-Agenturen, die mit Gefälligkeitsbewertungen gezinkte Finanzprodukte (Sub-Prime-Papiere u.a.) mit der höchsten Auszeichnung (AAA) versahen, überschwemmten die USA die Welt und Europa mit wertlosen Schrottpapieren und mit als „strukturierte Produkte“ camouflierten Nonvaleurs.

So wurde auch die UBS (mit oder ohne Wissen des Managements??) über den Tisch und in den Bankrott gezogen, worauf ihr die Nationalbank mit 60 (!) Milliarden Dollar aus der Patsche half, helfen musste, weil „too big to fail“. Wo der Gerechtigkeitssinn fordert, dass die für die Pleite Verantwortlichen zu Rechenschaft gezogen würden, bezogen die Hasardeure, die sich offensichtlich der Protektion durch den Staat sicher waren, für ihr splendides Geschäftsgebaren noch Bonuszahlungen von sage und schreibe über 8 Milliarden Franken....
(Wie souverän ist eigentlich eine Regierung, die ihre Erpressbarkeit durch das global operierende Finanzganoventum mit dem Slogan des „too big to fail“ zu verschleiern sucht??! Wie weit reicht eigentlich die Komplizenschaft des Staates mit der Finanzindustrie? und wie weit lässt er sich durch die Organe von Finanzbetrügern instrumentalisieren?)

Man hört nun allenthalben von gewaltigen Rettungspaketen für Griechenland. Für Griechenland? Weit über die Hälfte der Rettungsgelder fliesst in die Kassen jener Banken, welche für die Krise verantwortlich sind; der einfache Steuerzahler aber soll nun gradstehen und büssen für eine Krise, die er nicht verschuldet hat; er soll den Gürtel enger schnallen, Lohn- und Rentenkürzungen sowie Geldentwertung und höhere Preise in Kauf nehmen.
Dass dies zu sozialer Unrast führt, zeigt sich daran, dass in Griechenland (und nicht nur in Griechenland) die Massen auf die Strasse gehen m