Das Problem mit der Swisscom

Jahrzehnte war der Schweizer Detailhandel klar aufgeteilt. Migros ist die Nr. 1 und hat vor allem Eigenprodukte. Coop gibt sich mit der Nr. 2 zufrieden und setzt auf Markenartikel. Denner ist der kleine freche. Er wird zwar nie zu den zwei Grossen aufschliessen, aber er bedient eine schöne Nische. Dann kündeten Aldi und Lidel an, in die Schweiz zu expandieren. Was passierte? Aufgeschreckt von der neuen Konkurrenz kaufte Migros den Denner, investierte in neue Läden, kaufte vermehrt Markenprodukte ein und startete M-Budget. Coop lancierte die Eigenmarke Prix Garantie, holte sich im Ausland Einkaufsverstärkung und brachte eine eigene Premiummarke auf den Markt. Aufgeschreckt durch die ausländische Konkurrenz bewegte sich der Schweizer Detailhandel und wir Konsumenten gewannen. Und der Detailhandel bezahlt heute sogar bessere Löhne als früher.

In der Theorie wird dies mit einer verstärkten Rivalität der bestehenden Wettbewerber beschrieben. Was vorher ein ruhiger Markt war, indem alle gemütlich ihr Geld verdienten, geriet zum intensiven Wettbewerb. Was hat das mit der Swisscom zu tun? Sehr viel.

Damit ich nicht als reiner Nörgler der Swisscom rüberkomme. In puncto Zuverlässigkeit und Kundenfreundlichkeit halte ich die Swisscom für ein Vorzeigeunternehmen. In Bezug auf den Preis ist sie überteuert. Ich könnte aber damit Leben, wenn die Leistung stimmen würde und hier liegt das grosse Problem. Wir Schweizer bekommen viel zu wenig Leistung für unser Geld. Wir werden von der Swisscom über den Tisch gezogen.

In der Schweiz wurde der Telekommarkt zwar liberalisiert, aber die Swisscom blieb viel zu stark. Heute haben wir mit Orange und Sunrise zwei “schwache” Mitbewerber und mit der Cablecom einen halbwegs ernsthaften Konkurrenten, der aber aus Investitionsgründen lieber auf Glasfaser verzichten möchte. Kleine Firmen wie Colt konzentrieren sich auf Geschäftskunden und sind in etwa so gefährlich für die Swisscom, wie der Schweizer Meister im 100 Meter-Rennen Usain Bolt Konkurrenz machen kann.

Seit die einstige PTT privatisiert wurde, zieht sie die Handbremse an, wenn es darum geht, schnelle Internetleitungen anzubieten. ADSL war zwar schon bei Beginn für den Download ordentlich schnell, der Upload wurde aber absichtlich ausgebremst, damit man bei der Swisscom die bestehenden Standleitungskunden nicht verlor. Die Swisscom wollte sich selbst nicht konkurrenzieren. Wenn man nicht in der Nähe einer Swisscom zentrale wohnt, wird sogar der Download lausig langsam.

Nehmen Sie sich kurz Zeit und fragen Sie sich selbst: Auf welchem Platz müsste Ihrer Meinung nach die Schweiz bei den schnellsten Internetleitungen weltweit stehen? Sicher nicht im abgeschlagenen Mittelfeld. Aber genau dort stehen wir. Anstatt vorne mitzumischen, sind folgende Länder vor uns: Japan, Korea, Finnland, Schweden, Frankreich, Niederlanden, Portugal, Kanada, Polen, Norwegen, Österreich, Belgien, Island, Deutschland, USA, Dänemark, Italien, Luxemburg, Ungarn, Slowakei, England, New Zeland und erst dann kommt die Schweiz.

Das ist so, weil die Swisscom uns zwar einen guten Service liefert, aber dank ihrer Branchensituation die Zitrone auspresst, wo sie nur kann und uns viel zu wenig Leistung fürs Geld liefert. Die Swisscom nutzt ihre Marktmacht seit Jahren gnadenlos aus. In allen Bereichen. Bevor die Wettbewerbskommission einschritt, verlange die Swisscom von ihren Mitbewerbern 33.5 Rappen pro Minuten, wenn man von Sunrise oder Orange auf das Swisscom-Netz telefonierte. Heute sind es noch 10 Rappen. Oder, vor drei Jahren verhängte die WEKO eine 220 Millionen Busse, weil die Swisscom Ihre Mitbewerber im ADSL-Markt behinderte. Glauben Sie, dass sich die Swisscom in Zukunft ändern wird?

Die Swisscom ist so, sie funktioniert so und sie bereitet schon die nächste Diskriminierung vor. Weil sie immer weniger verdient, wirbt Carsten Schlotter für ein Zweiklasseninternet...

Ich bin auch für mehr Markt und weniger Staat

Gerne würde ich sehen, dass der Staat kein Geld den EW’s geben muss, um ein Glasfasernetz aufzubauen. Gleichzeitig sehe ich aber nicht, dass im Telekommarkt eine echte Konkurrenz entsteht. Die Marktteilnehmer scheinen sich darauf geeinigt zu haben, dass die Swisscom die Nr. 1 ist, die Cablecom etwas daneben mitschwimmt, Sunrise und Orange ihren kleinen Spielplatz erhalten und dann ein paar Private die Brotkrümel auflesen dürfen. Die Swisscom mag keine Konkurrenz und will auch in Zukunft keine Konkurrenz. Es ist wie Migros, Coop und Denner - nur leider gibt es keinen Aldi oder Lidl in Sichtweite.

Zürich entscheidet am 23. September nicht nur darüber, ob sie ein Glasfasernetz erhalten. Zürich stimmt auch darüber ab, welche Wettbewerbssituation in Zürich herrschen wird. Ich persönlich sähe lieber einen richtigen Wettbewerb. Realistisch gesehen scheint dieser aber nicht zu entstehen.

Was möchte Zürich? Eine Swisscom, die auch in Zukunft die Tarife und Leistungen diktiert, oder möchte Zürich einen Stachel in den Markt setzen, damit man wenigstens die Möglichkeit hat, die Swisscom zur Höchstleistung zu zwingen. Denn eines nervt mich wirklich, können täten es die Swisscom schon - sie wollen uns die Leistung nur nicht geben.

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