Neue Kampfjets für die Schweiz - Bitte die nötige Weitsicht nicht verlieren!

Eine Kampfjetbeschaffung - seit eh und je ist dies eine emotionale Angelegenheit. Gleichermassen zieht die gesamte Medienlanschaft genüsslich über das Thema her - kaum ein sachlicher, nüchterner Beitrag ist in den Medien zu finden. Und sollte tatsächlich einmal ein solcher erstellt werden, kommt am Ende meist ein Satz wie: "Ob der Papierflieger je einmal in der Schweiz landen wird, hängt weiterhin in der Luft."

Die Sachlichkeit, respektive die Frage ob wir neue Kampfjets brauchen und wenn ja, welchen Typ in welcher Menge, steht seit Beginn der Debatte vollkommen im Hintergrund.

Der normale Bürger wird von einer derart einseitigen Berichterstattung arg beeinflusst, denn er hat kaum Zeit (wie wir Politiker und Politikinteressierte) Stunden mit tiefgründiger Recherche zu verbringen, geschweige Debatten mit anderen zu führen und so Erfahrungen, Informationen und Ansichten auszutauschen. Aus den Medien werden so vom Volk regelmässig Begriffe wie "Gripen stürzt ab", "Papierflieger", "Vertrauensbruch beim VBS", usw. vernommen. Dies bleibt oftmals hängen, über Jahre hinweg.

Das Volk hat jedoch schon immer sehr armeefreundlich abgestimmt, so auch bei der letzten Kampfjetbeschaffung der F/A-18 (57% Ja-Stimmen). Doch je länger je mehr, beginnt sich die Bevölkerung (zu Recht) zu fragen:

Für was brauchen wir heute noch neue Kampfjets?

Um diese Frage zu beantworten braucht es eine kurze Beurteilung der heutigen Lage:

Heutiger Bestand:

  • 33 F/A-18
  • 54 F-5 Tiger
  • Diverse Schulungsflugzeuge wie die Pilatus PC-21 oder PC-7

Was ist geplant?

  • 33 F/A-18 bleiben für weitere ca. 15 Jahre im Einsatz. Sie wurden vor ein paar Jahren nachgerüstet und befinden sich auf weltweitem Spitzenstandard.
  • 54 F-5 Tiger werden so schnell es geht ausgemustert und ersetzt. Zum Zeitpunkt ihrer Ausmusterung (2018-2020) werden sie für über 40 Jahre im Dienst gewesen sein - Das Ende ihrer Lebensdauer wurde erreicht. Momentan laufen konkrete Abklärungen und Massnahmen für den Kauf eines neuen Kampfjets.
  • Die Schulungsflugzeuge werden von Pilatus laufend weiter entwickelt und angepasst. Sie sind heute ein regelrechter Exportschlager. Grosse, teure Ankäufe in nächster Zeit sind nicht vorgesehen, da erst kürzlich die PC-21 angeschafft wurde.

Entwicklung der letzten Jahre, Bedrohung und Leistung

Auf Seite 10 dieses Berichts können Sie die Entwicklung der Hauptwaffensysteme nachschlagen. Unschwer ist zu erkennen: Überall wurde stark abgebaut, so auch bei der Luftwaffe. So besass die Schweiz 1990 noch 260 Kampfjets, nach dem TTE (TigerTeilErsatz) sind noch 55 Kampfjets geplant (33 F/A-18 und 22 Gripen E/F).

Diese Entwicklung der Armee geht auf die veränderte Bedrohungslage zurück - Ein Angriff einer feindlichen Armee wird in den kommenden Jahren kaum erwartet. Deshalb hat man sowohl Armeeausgaben, Armeegrösse und die Anzahl Hauptwaffensysteme stark reduziert.

Was kann unsere Luftwaffe überhaupt noch leisten? Währenddem vor rund 20 Jahren eine Verteidigung des Luftraums noch gewährleistet werden konnte, ist dies heute kaum mehr der Fall. Mit geplanten 55 Kampfjets kann ein Luftraum kaum mehr verteidigt werden. Doch die Einschnitte gehen noch weiter: Wird der F-5 Tiger nicht ersetzt, so schreibt das VBS:

Mit 33 F/A-18 Hornet allein könnte eine ständige Präsenz (rund um die Uhr) von vier Flugzeugen in der Luft höchstens etwa zwei Wochen lang durchgehalten werden.

Die Rede ist hier alleine von einer luftpolizeilichen Aufgabe, nicht von einer Kampfhandlung. Bei einer Terrorbedrohung gegen AKW's in Europa müsste man zum Beispiel den Luftraum präventiv sichern und ständig Kampfjets in der Luft haben - Die Schweiz könnte dies dann noch für gut 2 Wochen durchhalten. Deshalb braucht es den Ersatz der veralteten Tiger-Flotte. Ohne Ersatz laufen wir Gefahr, die Lufthoheit zu verlieren. Das wäre in etwa so, wie wenn wir gerade mal genügend Polizeitruppen zu Verfügung hätten, um bei einem Fussballspiel im Falle von Ausschreitungen für 2 Stunden die Sicherheit zu gewähren. Danach können die Hooligans tun und lassen, was sie wollen.

Wollen Sie das für unseren polizeilichen (nicht nur militärischen) Aufgaben im eigenen Luftraum?

Es drängt sich also die nächste Frage auf:

Mit welchem Kampfjet ersetzen wir den F-5 Tiger?

VBS und Regierung meinen: Mit dem Gripen E/F, der Weiterentwicklung des Gripen C/D aus Schweden.

Grob kann man sagen, dass der Gripen ein gesundes Mittelmass darstellt. Es ist weder ein ausgesprochen teures, leistungsfähiges Flugzeug der absoluten Spitzenklasse und auch kein veralteter Billigflieger. Für die Anforderungen der Schweiz - den Luftpolizeidienst - erfüllt dieses Flugzeug die Anforderungen vollumfänglich. Man bedenke, dass damit auch der F-5 Tiger ersetzt werden soll, also ein leichtes Jagdflugzeug und nicht die F/A-18. Die Grössenverhältnisse sind hier schlicht und einfach anders, die F/A-18 ist weitaus leistungsfähiger und grösser als der Tiger oder der Gripen.

Der Typenentscheid erachte ich deshalb als vernünftig. Zudem gibt es den Gripen bereits seit über 15 Jahren, er fliegt in diversen Ländern bereits in der C/D-Ausführung. Die Schweiz will sich nun aber die E/F-Ausführung beschaffen, die modernere Variante, welche natürlich weitaus leistungsfähiger ist, als die Alte. Stellen Sie sich dies in etwa so vor, dass Sie sich nicht einen Audi A4 aus den Anfang-90er kaufen, sondern einen der modernsten A4, welcher noch nicht einmal komplett modernisiert wurde (wir sprechen hier also von einem Audi A4 aus dem Jahre 2016, grob geschätzt).

Das Argument der Kampfjet-Kritiker, der Gripen sei ein Papierflieger (bestehe in Wirklichkeit gar nicht) ist daher gelogen: Der Gripen besteht sowohl in der C/D-Version, wie auch bereits in der E/F-Testversion. Nur weil Sie die Räder an einem Auto auswechseln, einen neuen Motor einbauen und die Elektronik überarbeiten, sagen Sie ja nicht auch, dass es dieses Auto nach gar nicht gibt oder behaupten, es würde nicht fahren. Genau das wird nun aber beim Gripen behauptet.

Faktisch hat die Schweizer Luftwaffe den Gripen E/F bereits getestet:

Wie im Video erklärt, werden weitere Testflüge erfolgen, wenn zum Beispiel das neue Radar eingebaut wird. Auch das Argument der Kampfjetgegner "die Schweiz kaufe ein Flugzeug, das man überhaupt nicht kenne" ist deshalb aus der Luft gegriffen. Gekauft wird rein gar nichts, bis nicht alle Tests erfolgreich und zufriedenstellend sind.

Komplikationen beim Kauf

Geplant ist, dass die Schweiz zusammen mit Schweden, dem Herstellerland, das neue Modell E/F beschafft. Die Schweiz plant den Kauf von 22 Kampfjets, Schweden wollte ursprünglich 80-100 Kampfjets kaufen, hat diese Zahlen nun aber auf 60-80 Stück herunter geschraubt. Aus diesen Gründen ist nun auch in Schweden eine Kosten-Debatte entfacht, denn kleinere Liefermengen ergeben einen höheren Stückpreis.

Die Schweiz hat nun aber vor einigen Tagen einen ersten Vertrag unterzeichnet, welcher einen Fixpreis von 3.126 Milliarden CHF festschreibt und die Lieferzeit (2018-2020) sicherstellt. Im Bericht wird weiter festgehalten, dass genau diese Aspekte die grössten Risiken in der Kampfjetbeschaffung darstellen - der Typenentscheid hingegen wurde vollkommen nüchtern und korrekt durchgeführt. Das kleine Budget beschränkte die Auswahl dann lediglich auf den Gripen.

Occassion-Angebote:

Im Juni bot Schweden der Schweiz eine Occasion-Kampfjetstaffel des Gripen C/D (12 Stück) an. Diese Jets könnten in einer Übergangsphase von der Schweiz gemietet werden, um die neue Infrastruktur den künftigen Kampfjets anzupassen und erste Erfahrungen zu sammeln - wie gesagt: Die Typen C/D und E/F haben grosse Ähnlichkeiten.

Nun ging heute aber auch eine 2. Offerte von Occasion-Jets von EADS ein - dem Eurofighter-Hersteller. 33 gebrauchte Eurofighter könnten für rund 3.2 Milliarden CHF gekauft werden. Der langfristige Gedanke: Auch die F/A-18 könnten in einigen Jahren dann mit einem neueren Eurofighter-Modell ersetzt werden.

Hier sehe ich grössere Probleme, denn das ganze Test- und Evaluationsverfahren müsste neu aufgegleist werden, was wiederum viel Zeit und Geld verbraucht, sowie die bisherigen Investitionen zu Nichte macht. Auch in Bezug auf die Unterhaltskosten weiss man bereits heute, dass der Eurofighter bedeutend mehr kostet, als der Gripen. Man weiss jedoch auch, dass der Eurofighter leistungsfähiger und grösser, als der Gripen ist. Ich persönlich denke, dass der Eurofighter für unsere Ansprüche zu teuer und zu überrissen ist, als dass damit der F-5 Tiger ersetzt werden sollte. Viel eher wäre ein zukünftiges Eurofighter-Modell ein Kandidat, in 15-20 Jahren, die F/A-18 zu ersetzen. Weiter ist es sehr heikel, nur einen einzigen Kampfjettyp zu unterhalten. Falls zum Beispiel technische Probleme auftreten, müsste die gesamte Flotte gegrounded werden. Mit mindestens 2 Typen hat man aber jederzeit einen fähigen Ersatz.

Die politische Entscheidung

Letztendlich wird auch diese Kampfjetbeschaffung wohl eine politische Entscheidung sein. Das Parlament bewilligte 2011 eine 100'000 Mann Armee mit einem Budget von 5 Milliarden CHF. Auch neue Kampfjets sollen gekauft werden. Gegen diesen Kampfjetkauf werden linksgrüne Kreise wie die GSoA wohl wieder ein Referendum ergreifen, sollte der Kauf eingeleitet werden. Das Referendum zur F/A-18 Beschaffung kam damals in Rekordzeit zu Stande, der Kauf kam dann aber wie bereits geschildert locker durch. So wird wohl auch das Volk auch bei dieser Beschaffung das letzte Wort haben.

Die Debatte dreht sich nicht nur um den Typenentscheid, sondern es ist auch eine Standortbestimmung, was für eine Armee wir haben wollen. Konkret in diesem Fall: Wollen wir unseren Luftraum für länger als 2 Wochen schützen können? Was ist uns dieser Schutz wert?

Linken Kreisen muss klar gemacht werden, dass der Abbau der Armee hier und jetzt gestoppt werden muss. Fahren wir weiter auf dem Kurs der letzten 20 Jahren, können bald nicht nur mehr militärische, sondern auch luftpolizeiliche Aufgaben nicht mehr wahr genommen werden. Die Linken wollen schliesslich die Polizei auch nicht abschaffen - die Luftpolizei aber schon, denn es ist wieder einmal ein herrliches Thema, um die Propaganda-Trommel ("milliardenteure Spielzeuge, welche wir nieeeee benötigen") zu schlagen.

In Bezug auf die wachsende Instabilität der nahen Umgebung (Nordafrika und der nahe Osten sind nicht sehr weit entfernt) und die EU/Eurokrise, sowie politischen Instabilitäten in der EU sollten wir uns ernsthaft Gedanken machen, ob wir "nur" noch eine Luftpolizei wollen, oder vielleicht doch wieder eine richtige Luftwaffe. Denn die Vorlaufzeit (Zeit, in welcher Kriege vorhergesagt werden können) wird immer wie unberechenbarer. Wer hat den Afghanistan-Krieg oder den Irak-Krieg sehen kommen? Der arabische Frühling? Der Georgienkrieg? Diese Konflikte hatten teils eine Vorlaufzeit von wenigen Wochen oder Monaten, kaum mehr die bisherig angenommene Zeitspanne von 10 Jahren.

So lange dauert übrigens auch die Kampfjetbeschaffung der Schweiz: Seit 2008 evaluiert das VBS den "richtigen" Kampfjet, frühestens 2018 würde der neue Jet in der Schweiz landen. Sie sehen: Innert dieser Vorlaufzeit von wenigen Wochen oder Monaten eine schlagkräftige Armee aufzubauen, sollten wir sie jemals benötigen, ist völlig illusorisch. Wir bestimmen seit 4 Jahren über die Sicherheit in 10 Jahren, wobei wir noch nicht annähernd wissen, was auf uns zukommt. In den letzten 10, 15 Jahren ist, seit 9/11, der Einführung des Euros, der Erweiterung der EU und der Wirtschaftskrise, sowie dem Arabischen Frühling derart viel passiert - Bedrohungen und Gefahren sind schlicht und einfach nicht vorhersehbar.

Die bekannte Frage aus linken Kreise - Wozu brauchen wir eine Armee überhaupt? - erübrigt sich dadurch von alleine.

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