Warum die Zürcher JA zu Glasfaser sagen sollten

Wir aus der Internetbranche versprachen nichts weniger als die Revolution der Wirtschaft. Hatten wir Erfolg? Ja und wie! Je nach Branche steht heute kein Stein mehr auf dem anderen. Dies sieht man im Grossen, wenn Banken Personal in den Filialen reduzieren oder Filialen gleich ganz schliessen, weil die Leute heute selbst zu Hause ihre Bankgeschäfte erledigen und im Kleinen, wenn die Schüler ihre Hausaufgaben nicht mehr im Zug abschreiben, sondern über Skype die Resultate tauschen. Man sieht es, wenn Traditionsunternehmen wie der Versandhandel Neckermann Pleite gehen und dafür neue Player wie Amazon mehr als doppelt so viel Umsatz schreiben, wie die Migros Lebensmittel verkauft. Dann haben wir die Wirtschaft revolutioniert.

Das Internet verändert die Art, wie wir kommunizieren, Geschäfte machen und es verändert die Erfolgsfaktoren für eine florierende Wirtschaft. Es sind immer noch Autobahnen, die unsere Wirtschaft braucht - nur unterscheiden sich die Autobahnen von denen aus früheren Zeiten. Es sind nicht mehr Autobahnen aus Mörtel und Teer, es sind Autobahnen aus Bits & Bytes, die wir heute brauchen.

Ist Zürich gebaut?

Die Stadt Zürich wird am 23. September darüber abstimmen, ob sie ihr Glasfasernetz ausbauen will, und steht damit vor einem Grundsatzentscheid. Will man in Zürich die digitale Zukunft sichern oder glaubt man: Zürich ist gebaut?

Als FDP’ler würde ich es vorziehen, wenn Private für den Ausbau des Glasfasernetzes verantwortlich sind. Nur dürfen wir uns nichts vormachen, der Schweizer Telekommarkt wurde zwar liberalisiert, aber so, dass die Swisscom ein faktisches Monopol hat. Einzig die Cablecom kann noch halbwegs mithalten und in den Ausbau der Netze investieren, sonst lohnt es sich für keine private Firma, flächendeckend den Kampf mit der Swisscom aufzunehmen. Darum ist in dieser Sache abzuwägen, Zukunft sichern und das Volk mit in die Verantwortung nehmen oder Zürich aufs Abstellgleis stellen.

Braucht es überhaupt diese Datenautobahn?

Darf ich Ihnen aus erster Hand aufzeigen, wie schnell sich die Welt dreht und die Regeln verändert werden? Vor rund 20 Jahren begann ich meine ersten unternehmerischen Schritte. Ich wollte eine Mitfahrzentrale auf die Beine stellen, organisierte die erste Videospielmeisterschaft und brachte das Schweizer Fernsehen per Video ins Internet. Alle diese Projekte wurden unterschiedlich durch das Internet beeinflusst. Was damals ein Erfolg war, braucht es heute nicht mehr und was vorher nicht möglich war, wurde erst durch das Internet ein Erfolg.

Was ohne Internet nicht möglich war, wird durch das Internet Realität

Eines meiner ersten Projekte war eine Mitfahrzentrale. Mit PR-Arbeit, Gesprächen bei Unternehmen, der Stadt und Tagen auf der Strasse, an denen ich potenzielle Kunden zum Mitmachen bewegen wollte, konnte ich rund 90 Interessenten gewinnen. Eine lächerliche Zahl für den Aufwand. Keine Chance auf Erfolg. Es fanden zwar viele Leute die Idee toll, aber bei sich selbst anfangen, wollten zu wenige. Wie mir ging es allen anderen Mitfahrzentralen in jener Zeit. Jede hatte zu wenig Reichweite und zu wenig Teilnehmer. Das Internet löste dieses Problem. Was früher viel zu kompliziert war, ist heute so einfach wie einen Doodle auszufüllen. Auf www.mitfahrgelegenheit.ch hat es zum Beispiel knapp 4 Millionen Mitglieder in Europa und jeden Monat finden eine Million Menschen eine Mitfahrgelegenheit.

Was es dank des Internets nicht mehr braucht

Sie war spassig und ein Erfolg, die erste Videospiel Schweizermeisterschaft. Mit drei Regionalausscheidungen in St.Gallen, Basel und Bern, kämpften die Spieler um den Einzug ins Final in Zürich. Eishockey und Street Fighter hiesen die Games. Begeistert machten die Kids mit und kämpften um den Schweizer Meister Titel. Später gab es Lanpartys, an denen sich die Spieler miteinander massen. Der Siegeszug des Internets verdrängte aber diese Events. Statt vor Ort gemeinsam zu spielen, verlagerten sich die Spiele ins Netz. Heute werden Spiele online übers Internet gemeinsam gespielt. Niemand braucht mehr an einen Ort zu fahren und zu hoffen, dass es genügend Mitspieler hat. Man klickt im Spiel den Onlinemodus an und trifft Gleichgesinnte aus der ganzen Welt. Manche Spiele sind online so erfolgreich, dass sie mehr Teilnehmer haben, als in der Schweiz Menschen leben. Zum Beispiel hatte World of Warcraft bis zu 12 Millionen zahlende Spieler und machte im Jahr mehr als eine Milliarde Franken Umsatz. Eine vor Ort Schweizer Videospielmeisterschaft braucht es heute nicht mehr.

Was mit mehr Bandbreite erst richtig erfolgreich wurde

Fasziniert davon, das Internet mit meiner Leidenschaft für Filme zu kombinieren, hielt ich dauernd ausschau, wie ich Videos aufs Netz bringen konnte. Als ich in den USA eine Lösung fand, gewann ich sogar das Schweizer Fernsehen dafür und durfte Schweiz aktuell, Meteo und die Tagesschau online bringen. Wer sich heute die verschwommenen, kleinen Videos von damals anschaut, kann sich das Lachen wohl kaum verkneifen. Was damals für Staunen sorgte, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Videos im Internet. 700 Leute guckten anfangs pro Tag Schweiz aktuell im Internet, heute schaut die halbe Schweiz übers Internet TV. Ob auf sf.tv, über Willmaa, Zattoo, auf youtube oder per illegalem Download. Die Qualität ist 1A. In vielen Haushalten wurde der Notebook zum Zweit-, Dritt- oder Viertfernseher. Dank Internet haben wir heute Zugriff auf ein riesiges Archiv an Filmen, Dokumentationen und TV-Sendungen. Möglich machte dies aber nur der konsequente Ausbau an Bandbreite.

Sie sehen, in nur zwanzig Jahren veränderte das Internet unsere Wirtschaft immens. Ob für mich als kleines Unternehmen aus dem Appenzellerland oder für Grossunternehmen in Zürich. Und wenn wir die Sache realistisch anschauen, dies ist erst der Anfang. Die richtigen Umwälzungen kommen noch auf uns zu. Zürich wird am 23. September darüber abstimmen, ob es die Voraussetzungen schaffen will, um auch in Zukunft an vorderster Front dieser Entwicklung zu stehen. Liebe Zürcher, denkt bitte daran, Zürich hat schon einmal geglaubt, dass Zürich gebaut ist. Ursula Koch prägte einst den Spruch “Zürich ist gebaut”. Sie spielte dabei auf die konservative Einstellung der Zürcher an, die keine grossen Würfe in ihrer Stadt wollen. Diese Kurzsichtigkeit bezahlen die Zürcher heute, wenn sie wieder einmal im Stau stecken. Die Zürcher müssen sich die Frage stellen, wollen sie diese Kurzsichtigkeit wiederholen und in 10 Jahren auch im Datenautobahn-Stau stecken?

Als Auswärtiger, der oft in Zürich ist, hoffe ich, dass die Zürcher sich ein wenig geändert haben und mit sicherem Zukunftsblick ein überzeugtes JA zum Glasfaserausbau in die Urne legen, denn wer will schon in 20 Jahren Staumeldungen auf der Zürcher Internetautobahn hören?

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