jugend+musik: Musizieren im Verfassungsauftrag

Mit dem Gegenvorschlag zur Initiative jugend+musik sollen der Bund und die Kantone neu per Verfassungsauftrag dazu verpflichtet werden, die musikalische Bildung zu fördern. Das heisst, es besteht ein Rechtsanspruch und damit die Möglichkeit zu klagen, sollte der Verpflichtung nicht nachgekommen werden.

Die Kantone sind zudem aufgefordert schweizweit festzulegen, welche Kompetenzen die Schülerinnen und Schüler im Unterrichtsfach Musik zu erlernen haben. In Zukunft sollen also nicht nur für den Sprachunterricht, die Mathematik und die Naturwissenschaften nationale Bildungsziele gelten, sondern auch für die Musik. Sollten sich die Kantone nicht einigen, könnte der Bund die notwendigen Vorschriften erlassen. Damit erhält die musikalische Bildung in der Verfassung in etwa das gleiche Gewicht wie der neue Bildungsartikel, der die Basis des kantonalen HarmoS-Konkordats bildet.

Das Problem des vorliegenden Bundesbeschlusses über die Jugendmusikförderung liegt nicht beim Musikunterricht. Das hören, verstehen und praktizieren von Musik ist etwas schönes und ausgleichendes. Es mag sogar sein, dass es einen positiven Effekt auf die persönliche Entwicklung hat – wenn das auch keine Studie so eindeutig zu „beweisen“ vermag. Schlussendlich sind es viele Faktoren, die für den persönlichen und schulischen Erfolg entscheidend sind. Musik ist ein möglicher Faktor. Es geht also nicht um die musikalische Bildung als solche, sondern um die Verankerung und Regelung eines weiteren Schulfaches in der Bundesverfassung. Bereits die Sportförderung ist dort eigentlich am falschen Ort. Das Schulwesen, und dazu gehört insbesondere die Gestaltung des Unterrichts, liegt klar in der Kompetenz der Kantone. Vom Bund sollen hier lediglich Rahmenbedingungen gesetzt werden –wie eben mit dem Bildungsartikel – jedoch keine Vorgaben zu einzelnen Schulfächern gemacht werden.

Wird der Bundesbeschluss zur Jugendmusikförderung angenommen, wird damit nämlich auch ein Präzedenzfall geschaffen. Die Sportförderung hat aus historischen Gründen ihren Platz in der Verfassung, zur Sicherstellung des vorbereitenden Unterrichts für die spätere militärische Aushebung. Wird nun die musikalische Bildung ebenfalls auf Verfassungsstufe geregelt, dann gibt es eigentlich keinen Grund, solches nicht auch mit Blick auf die Kompetenzen in den Naturwissenschaften, der Informatik, der Ernährung und Gesundheit oder sexuellen Aufklärung zu verlangen. Forderungen zur Ausgestaltung des Schulunterrichts gibt es nicht nur in der politischen Debatte deren viele. Man sollte sich also gut überlegen, ob man mit der Musikförderung das Thor weit öffnen will für einen breiten Forderungskatalog. Nur weil die Musik über eine starke Lobby verfügt, darf man sich nicht dazu verleiten lassen, etwas in die Verfassung zu schreiben, was dort ganz und gar nicht hin gehört.

Schliesslich sollte man sich auch nicht zu grosse Erwartungen über den Nutzen eine Artikels zur Jugendmusikförderung machen. Bereits heute fliessen von Bund und Kantonen Millionen in die musikalische Bildung. Ob Kinder sich für ein Instrument oder einen Chor interessieren ist primär nicht eine Frage des Geldes, sondern der Unterstützung durch die Eltern. Kinder müssen vor allem auch von zu Hause für Musik sensibilisiert, aber auch beim Lernen motiviert und unterstützt werden. Die Musikschulen könnten alle gratis sein, ohne das Bewusstsein der Eltern für die musikalische Bildung wären die Kurse nicht besser belegt als heute. Von daher ist es eine Illusion zu meinen, mit einem neuen Verfassungsartikel zur Förderung der musikalischen Bildung würden plötzlich viel mehr Kinder und Jugendliche die Musik für sich entdecken und in die Musikschulen strömen. Dafür wäre die Bundesverfassung um einen weiterer überflüssiger Artikel reicher.

10 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.


Mehr zum Thema «Initiativen»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production