Ist der Euro eine bewusste Fehlkonstruktion, um die Nationalstaaten in Europa abzuschaffen und einen europäischen Bundesstaat zu errichten?

Führt der Euro zur Abschaffung der Nationen?

Die Vorfreude war gross. Seit die gesamte Mainstream-Gefolgschaft aus Politik und Medien auf Thilo Sarrazins neuem Buch mit dem Titel «Europa braucht den Euro nicht» herumzuhacken begann, war ich mir sicher, das wird eine richtig gute Lektüre.

Je mehr Neider ein Autor hat, desto wahrscheinlicher ist es, dass er mit seinen Thesen ins Schwarze getroffen hat. Um es vorwegzunehmen: Ich wurde von der Lektüre nicht im geringsten enttäuscht.

Das Buch verkörpert ein fundiertes Meisterwerk gegen die vorherrschende Blindheit der europäischen Elite, die den Traum einer gemeinsamen Währung ohne die Rechnung der ökonomischen Realitäten gemacht hat.

Sarrazin belegt mit eindrücklichen Fakten und Zahlen, dass die Einheitswährung Euro bislang keinerlei Vorteile gebracht hat. Im Gegenteil: Sie hat Europa zurückgeworfen. Doch wie konnte das passieren?

Verschiedenheit der Euro-Länder als Problem

Ein grosses Problem des Euro-Raumes ist die Verschiedenheit der einzelnen Mitgliedstaaten. Die kulturellen Unterschiede sind mitverantwortlich für die heutigen wirtschaftlichen und politischen Gräben.

Während die Arbeiter in den Nordländern äusserst produktiv sind, geniesst man in den Südländern lieber die Siesta. Das soll beileibe kein Vorwurf oder gar eine Herabwürdigung der südländischen Kultur sein. Jeder kann und soll sich seinen Alltag selbst so gestalten, wie es ihm beliebt. Es sollte aber auch jedem klar sein, dass geringere Produktivität unweigerlich zu geringerem Wohlstand führt.

Diese unterschiedlichen Mentalitäten wirken sich eindeutig auf die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Länder aus. Die Lohnstückkosten – also der den Arbeitern pro produziertem Stück ausbezahlte Lohn – ist im Norden viel geringer als im Süden, da in den Nordländern einfach wesentlich effizienter gearbeitet wird. Für die einzelne Unternehmung bedeutet dies, dass es bei gleichen Löhnen teurer ist, etwas im Süden zu produzieren als im Norden.

Grundsätzlich wäre dies kein Problem, sofern dieser Wettbewerbsnachteil mit flexiblen Wechselkursen wieder aufgefangen werden könnte. Durch die Abwertung der betroffenen Währung war es den Südländern vor der Einführung des Euro möglich, wettbewerbsfähig zu bleiben. Dieser vorteilhafte Mechanismus fiel aber durch die Einführung der Gemeinschaftswährung weg, da es fortan im gesamten Euro-Raum nur noch eine einzige Währung gab.

Der tschechische Staatspräsident Václav Klaus meinte dazu: «Die Einführung des Euro hat dem Euro-Raum eine wichtige Variable – den Wechselkurs – und eine wichtige Politik – die Geldpolitik – weggenommen. Das kostet etwas. Das hat den Freiheitsgrad des Systems begrenzt.»

Was können die Südländer tun?

Der Freiheitsgrad ist nach dem Wegfall der flexiblen Wechselkurse zwar begrenzt, nicht aber total eingeschränkt. So besteht für die Südländer nach wie vor die Möglichkeit, ihre Wettbewerbsfähigkeit durch Massnahmen im Inland zu steigern. Dies müssten sie primär über die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und tiefere Löhne in Angriff nehmen.

Politische Streitereien und Ausschreitungen auf der Strasse sind bei diesem schwierigen Unterfangen aber so gut wie vorprogrammiert. Mal ehrlich, wer gibt schon freiwillig den Wohlstand, auf dem er sitzt, wieder ab? Da spielt es auch keine Rolle mehr, dass der Wohlstand durch verantwortungslose Schuldenmacherei finanziert wurde – auch durch die Staaten selbst.

Aufgezwungene Solidarität

Da Kürzungen bei den Staatsausgaben oder Steuererhöhungen für die Betroffenen grundsätzlich schmerzvoll sind, war abzusehen, dass südländische Politiker versuchen werden, die Verantwortung von sich zu schieben.

Wirtschaftlich erfolgreichere Nordländer wie Deutschland oder Holland werden nun mittels abstrusen Begründungen dazu aufgefordert, sich solidarisch mit den «armen Südländern» zu zeigen. Im Klartext heisst dies nichts anderes, als dass Teile des hart erarbeiteten Geldes durch Transferzahlungen in den Süden geschickt werden müssten.

Dass die Nordländer durchaus erpressbar sind, sehen wir spätestens seit den zahlreichen Rettungspaketen für Griechenland, dem Rettungsschirm EFSF und den massiven IWF-Beiträgen, die den Steuerzahlern aufgebürdet werden. Sowohl der Norden als auch der Süden zählen im gemeinsamen Währungsraum also zu den Verlierern. Der Euro wird von Sarrazin regelrecht als «Wohlstands-Vernichter» entlarvt.

Sarrazin konstatiert denn auch als Fazit zur gemeinsamen Währung: «Was war der bisherige ökonomische und politische Gegenwert (der Währungsunion)? Die einfache Antwort: Es gibt (noch) keinen fassbaren Gegenwert, weder eine Friedens- noch eine Wohlstandsdividende. Fassbar sind bislang nur die Kosten und Risiken.»

Euro gefährdet Völkerfreundschaft

Mit der Friedensdividende ist der Friede innerhalb Europas gemeint. Dass der Euro auch hier einen negativen Einfluss hat, widerspiegelt sich in der wachsenden Deutschland-Feindlichkeit in den Südländern. Diese resultiert daraus, dass Deutschland die immensen Solidaritätszahlungen verständlicherweise an gewisse Kriterien knüpft, um sicherzustellen, dass diese Gelder nicht einfach wieder verschleudert und verkonsumiert werden.

Der Euro ist also ein gewichtiges Risiko für die Völkerfreundschaft. Zudem könnte er – wenn es im Zuge der Wiedererlangung der Wettbewerbsfähigkeit zu notwendigen Renten- und Lohnkürzungen kommt – in den Südländern bürgerkriegsähnliche Zustände auslösen.

Grossmachtallüren

Der einzig nachvollziehbare Grund, noch krampfhaft am Euro festzuhalten, besteht laut Sarrazin darin, die «Vereinigten Staaten von Europa» herbeizuzwingen – ganz nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika also. Die Mehrheit der europäischen Classe politique besitzt tatsächlich solche Grossmachtallüren, welche das Ende jeder Nationalstaatlichkeit zur Folge hätten. Das Problem ist, dass die historische Herausbildung und Entwicklung der Nationalstaaten genau in die gegenteilige Richtung ging und immer noch geht.

Der Versuch eines europäischen Weltreichs hat sich nach dem Untergang des Römischen Reiches als nicht mehr wiederholbar erwiesen. Europa ging stattdessen den Weg staatlicher und kultureller Vielfalt. Die Völker leben glücklicher und die Politik ist volksnaher, wenn man nicht von Grossmächten unterjocht wird.

Krampfhaftes Festhalten am Euro

Diese Realität wird von europäischen Intellektuellen leider regelmässig verkannt. Sie wissen, dass eine gemeinsame Währung nur in Verbindung mit einer politischen Union tragbar ist. Deshalb ist das Festhalten am Euro inoffiziell auch ein Versuch, die Nationalstaaten in Europa abzuschaffen – quasi als alternativlose Rettungsmassnahme der europäischen Zukunft.

Anders lässt sich auch die Aussage von Angela Merkel «Scheitert der Euro, dann scheitert Europa» nicht erklären, da es ökonomisch gesehen wenig Argumente gibt, die für den Euro sprechen – ja, im Gegenteil – ein System der nationalen Währungen der europäischen Geschichte näher kommen würde.

Wenn man also gegen einen europäischen Bundesstaat und gegen die Abschaffung der Nationalstaaten ist, so muss man auch gegen den Euro sein. Was Napoleon, Hitler oder Stalin nicht gelungen ist, wird auch die heutigen EU-Elite nicht schaffen. Die europäischen Völker werden ihre abgehobenen Politiker kaum widerstandslos gewähren lassen.

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