Schweizer Armee: Ein notwendiger Witz...

Seit der Debatte um den Kampfjetkauf vor ein paar Monaten wurde es wieder ruhig um unsere Armee. Die Medien haben das Thema wochenlang genüsslich ausgeschlachtet und wenden sich mittlerweile anderen Themen zu.

Die Grundsatzdebatte "gegen wen oder was wollen wir uns mit welchen Mitteln schützen?" wurde und wird jedoch weiterhin nicht gestellt. Es ist die zentrale Debatte hinter unserer Sicherheits- und Armeepolitik, welche bisher konstant verweigert wird:

  • Sollen wir unser Milizsystem beibehalten?
  • Wie gross soll unsere Armee sein?
  • Wie lange soll man Dienst leisten?
  • Welche Ressourcen soll unsere Armee zur Verfügung haben?
  • Wo liegen die Schwerpunkte?
  • Verstossen Auslandeinsätze nicht gegen unsere Neutralität?
  • Ist die Wehrpflicht für Männer - jedoch nicht für Frauen - nicht diskriminierend oder zumindest ungerecht?

Seit der Ausarbeitung des Armeeberichts 2010 wissen wir nun detailliert, wie sich unsere Armee seit der "Armeereform 61" entwickelt hat, grob gesagt; was sie heute alles kann und können soll. Man hat zum Beispiel - das erste Mal - definiert, in wie viel Zeit wie viele Truppen für welchen Zweck an welchem Ort aufgeboten werden sollen (bzw. es wurde sichergestellt, dass die Armee diese Fähigkeit überhaupt hat).

Das Parlament hat Ende 2011, kur vor den Neuwahlen, die Ausgestaltung der Armee beschlossen: Sie soll (neu) 5 Milliarden CHF pro Jahr erhalten, aber der Truppenbestand soll von 190'000 Mann auf rund 100'000 Mann verkleinert werden. Ein Kompromiss, denn der Bundesrat hat sowohl ein tieferes Budget, als auch einen tieferen Bestand (80'000 Mann) verlangt. Ob dieser Beschluss des Parlaments nach den Neuwahlen (nach dem Verlust von SVP und FDP) wieder so ausfallen würde, bleibt dahin gestellt.

Interessant ist - wenn man sich detailliert mit dem Thema auseinander setzen will - zum Beispiel diese Unterlage hier. Ab Seite 9 finden Sie die Rubrik "Gestern, heute, morgen: Kennzahlen im Vergleich"

Hier ein paar Eckdaten:

Bestand der Armee:

  • 1990: 625'000 Mann (Armee 61)
  • 1995: 400'000 Mann (Armee 95)
  • 2004: 200'000 Mann (Armee XXI)
  • 2011: 200'000 Mann (ES 08/11)
  • Planung ab 2016: 100'000 Mann (WEA)

Auch die Anzahl Bataillone wurde von 742 (1990) auf 109 (WEA) verkleinert. Dementsprechend wurden auch die Anzahl Hauptwaffensysteme (Kampfpanzer 600 auf 98, Mobile Artillerie 800 auf 64, Kampfflugzeuge: 260 auf 55) zusammen gestrichen.

Währenddem man 1990 noch rund 5.6 Milliarden CHF für die Landesverteidigung ausgab, so sollen es bald noch 5 Milliarden sein, währenddem man das letzte Jahrzehnt bei gut 4.4 Milliarden angelangt war. Interessant: Obwohl wir (neu) mehr für die Armee ausgeben werden - eben 5 Milliarden - nehmen die Ausgaben gemessen am Bundesbudget sogar ab!

Die Erklärung: Der Schweiz geht es - Verzeihung der Ausdruck - verdammt gut. Sie nimmt immer wie mehr ein und gibt demnach auch immer wie mehr aus, die flüssigen Mittel erhöhen sich grob zusammengefasst um rund 1.5 Milliarden CHF pro Jahr - und dies während einer Wirtschaftskrise.

Das Argument der Linken "für die Armee mehr Geld ausgeben und bei Bildung, Infrastruktur, etc. sparen" ist daher schlicht und einfach falsch. Es wird jährlich in fast allen Bereichen immer wie mehr ausgegeben, lediglich die Verteilung dieses Geldes soll nun für einmal - einmal innert 2 Jahrzehnten - ein kleines bisschen anders erfolgen, nämlich zu Gunsten der Armee. Der Anteil der Bundesausgaben für die Armee sinkt ja - trotz der Budgeterhöhung - trotzdem von 7.6% auf 7.1%. Obwohl man also mehr für die Armee ausgeben wird, wird man gewissermassen trotzdem weiterhin sparen.

Fazit
Bei unserer Armee wurde in den letzten Jahren massiv - MASSIV - gespart und zusammen gestrichen. Der Bestand wurde innert 20 Jahren mehr als gesechstelt, das Kampfmaterial sogar teilweise mehr als geachtelt, währenddem die Ausgaben gemessen am Bundeshaushalt von über 17% auf nun 7% gekürzt wurden.

Es drängt sich die Frage auf: Wären wir, im sehr unwahrscheinlichen Ernstfall, überhaupt noch verteidigungsfähig? Konsequenterweise: Wird die Bundesverfassung - der zentrale Auftrag der Armee der mechanisierten Landesverteidigung - überhaupt noch erfüllt? Ohne neue 55 Kampfjets können wir kaum mehr den eigenen Luftraum für länger als 2 Wochen sperren, geschweige denn einen echten Angriff abwehren. Ich bezweifle, dass unsere Armee technisch überhaupt noch in der Lage wäre, unser Land zu verteidigen. Und dann kommen noch weitere Faktoren hinzu (siehe unten)...

Zahlen und die Realität: Es wird noch schlimmer...
Wir haben also festgehalten: Unsere Armee wurde verkleinert, Budget und Ressourcen wurden reduziert. Auf dem Papier ist unsere Armee eindeutig geschwächt worden - in Realität wohl auch. Aber es kommt noch schlimmer.

Unsere Armee hat nicht nur die nötige Schlagkraft verloren, sondern auch innerlich läuft einiges schief. Jeder, der bereits in der RS war kann davon wohl stundenlang Geschichten erzählen.

So zeigt zum Beispiel dieser Artikel sehr gut auf, wie die Zustände in unserer Armee heute sind: Katastrophal, idiotisch, chaotisch. So stört es Verteidigungsminister Mauerer und die Armeeführung offensichtlich, dass Soldaten welche in der Verwaltung und in der Logistik arbeiten, dies in einigen Fällen in Zivil tun und zum Beispiel auch Zuhause übernachten können. Dies soll in Zukunft verboten werden.

Ein kompletter Unsinn, denn die Armee beschert sich somit mehr Ausgaben und Bürokratie, wobei es doch andersrum viel sinnvoller wäre. Darin liegt ja genau die Stärke des Milizsystems: In erster Linie sind unsere Soldaten Zivilisten, so absurd es auch klingt. Wieso soll man diesen Zustand - sofern es Sinn macht - nicht nutzen? Laut Armeeführung nicht...

Er sagte stur: Befehl ist Befehl

Das ist dann wohl noch die ausführlichste, anständigste Antwort, welche man von Seiten der Armee erwarten kann. Vielleicht weil es für solche Zustände keine logische Erklärung gibt? :

Neu seien drei Zeitmilitärs für die Truppe zuständig, die mindestens 70 000 Franken verdienten, rechnet er vor. Zudem gebe es jetzt drei Mahlzeiten pro Tag statt einer wie früher, als alle zuhause frühstückten und zu Abend assen. Fazit: «Reine Geldverschwendung. Wir haben nicht mehr Arbeit als zuvor, dafür mehr Langeweile am Abend.»

Oder:

Ein Informatiker zeigt auf, wieso bei Omikron der Schuss nach hinten losgehen kann. Er war bis vor kurzem in einer Spezialfunktion eingeteilt. Als Spezialist habe er mit einem Computersystem umgehen können, das nur sehr wenige kennen. Die Funktion habe er bekommen, weil er trotz medizinischem Leiden Dienst leisten wollte. «Das ‹Durchgreifen› habe ich selbst erfahren müssen, irgendein Ahnungsloser hat den Starken rausgehängt.» Da habe er sich medizinisch aus der Armee freistellen lassen und müsse nie mehr gehen. «Und die Schweiz hat einen Spezialisten weniger, von denen es nur eine Handvoll gibt. Meinen Arbeitgeber freuts.»

Oder:

Andere müssen künftig 100 Meter neben ihrem Haus in einer Armeeanlage übernachten. «Kost und Logis zahlt nun das Militär. Ich würde das liebend gerne selber übernehmen und wäre erst noch motivierter.» Für Asylsuchende habe die Armee hingegen nicht genug Unterkünfte – ein «Riesenwitz», findet der Leser. Ein 33-Jähriger freut sich darauf, in seinem letzten WK «mit 20-Jährigen Zimmer und Playstation teilen zu müssen - super».

Oder:

«Auch wenn wir nicht mehr nach Hause und in den Zirkus Knie dürfen: Etwas zu tun haben wir trotzdem nicht», schreibt ein anderer Betriebssoldat. Sein persönliches WK-Highlight sei ein elfstündiger Olympia-TV-Marathon gewesen. Mehrere Tage sei er gar nicht erst in der Kaserne aufgetaucht. Das habe niemand gemerkt, weil es eh nichts zu tun gegeben habe. «Dafür wurde die ganze Truppe im Game Ski-Challenge unglaublich gut.»

Oder:

Ein Kamerad erzählt davon, dass sein Betriebsdetachement jedes Jahr in drei Wochen rund 25 000 Liter Diesel für nichts verpuffe. «Aber das Zeugs muss weg, auf Biegen und Brechen. Ansonsten bekämen wir nächstes Jahr weniger Diesel.» Sie seien etwa 30 Mann, die im 24-Stunden-Betrieb drei grüne Lämpchen bewachen. Falls eines auf Rot schalte, müsse ein Telefon bedient werden. «Wenn man sich vorrechnet, wie viele Arbeitsstunden flöten gehen, die auch bezahlt werden müssen - nur dass wir zu dreissigst dieses Lämpchen bewachen!»

Und so weiter...

Solche Zustände (wobei dies noch die Harmlosesten sein werden) nagen an der Truppenmoral - sowohl bei den einfachen Soldaten, als auch beim höheren Kader. Dieses will, kann und sollte diese Katastrophe natürlich nicht bestätigen, doch natürlich weiss man davon und ärgert sich genau gleich darüber, wie die ganze Schweiz.

Bei solchen Zuständen fragt man sich, sowohl als Kader, als auch als einfacher Bürger/Soldat, was man in einem Ernstfall tun sollte oder würde. Manche würden wohl erst gar nicht einrücken, bei vielen erhält man die Antwort: "Waffe wegschmeissen, weisse Flagge hissen und sich so weit es geht vom Kampfgeschehen entfernen" Bei solchen Zuständen kein Wunder...

Fazit
Nicht nur auf dem Papier und materiell, sondern auch moralisch sind die Zustände in der Armee nicht akzeptabel. Es braucht nicht (nur) mehr Disziplin (Beäufnisse, Organisation), sondern in erster Linie mehr Sinn! Wie oben geschildert: Wenn man tagelang (und dies ist wirklich nicht übertrieben) absolut nichts zu tun hat, dann fragt man sich wirklich, was das Ganze soll.

Letztendlich sind Soldaten für kurze Zeit auch nichts anderes als Beamte und werden durch die Steuern bezahlt. Währenddem ich mich bereits hier über den Beamtenstaat geärgert habe, konnte ich damals ja zumindest noch darlegen, dass es sich in manchen Fällen um reine Beamtenbeschäftigung handelt. Bei der Armee kann man noch nicht einmal das behaupten: Es handelt sich schlicht und einfach in manchen Fällen noch um Beamte, welche... Nichts tun! Wobei die Zeit doch viel produktiver, am Arbeitsplatz, eingesetzt werden könnte.

Problemlösung
Um gleich bei der Problemlösung - oder Problemsuche - anzusetzen: Die Probleme sind offensichtlich. Der Dienst muss wieder mehr Sinn machen. Wer in die Armee einrückt, sollte für die komplette Zeitdauer auch effektiv etwas zutun haben. Hier ein paar Mögliche Probleme:

  • Zu junges Kader: Es besteht weiterhin die Möglichkeit, dass die Armee eine Person zwingt, weiter zu