Des Kaisers neue Kleider

Wie ich gestern über Twitter erfuhr, wurde ein reger Politnetzautor, Jens Gloor, gesperrt. Darüber hinaus wurden offenbar alle seine bisherigen Beiträge - und mit ihnen natürlich auch alle zugehörigen Kommentare und Diskussionen von anderen Personen - gelöscht. Es werden also Dritte in Mitleidenschaft gezogen. Das verlangt nach einem Kommentar.

Im letzten Monat habe ich die Beiträge und Diskussionen auf Politnetz kaum verfolgt, ich kenne deshalb auch Jens' Beiträge in dieser Zeit nicht. Seinen letzten Beitrag, der offenbar zur Sperrung seines Kontos geführt haben soll, habe ich dann gestern allerdings auf seinem Blog gelesen.
Kurzkritik: zu lang, zu unstrukturiert (ausufernd, keine Gliederung mit Zwischentiteln), ich fürchte, die meisten Leserinnen und Leser brechen die Lektüre deshalb - und nicht wegen des Inhalts, den zu kommentieren ich allerdings keine Veranlassung habe - nach einigen Absätzen ab. Er enthält viele ausserhalb des gängigen Allgemeinwissens liegende Behauptungen, die anspruchsvollere Leserinnen und Leser vielleicht auch anhand anderer Quellen auf Richtigkeit überprüfen möchten, bevor sie allenfalls einen Kommentar abgeben. Eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Beitrag bedeutet zunächst einen erheblichen Aufwand, vor dem womöglich auch jene, die den Text zuende gelesen haben, aus Zeit- und Prioritätengründen zurückschrecken. Einen Verstoss gegen die Nutzungsbestimmungen von politnetz.ch konnte ich, ohne jedoch den Wahrheitsgehalt sämtlicher Aussagen des Beitrags geprüft zu haben, nicht ausmachen. Eine Erklärung des Politnetz-Teams für die Beseitigung des Beitrags einschliesslich des Nutzerkontos würde hier eventuell Licht ins Dunkel bringen.

Politnetz kann als privatwirtschaftliches Diskussionsforum natürlich in eigenem Ermessen Beiträge entfernen: das Forum ist nichts anderem als der eigenen Wirtschaftlichkeit verpflichtet. Beiträge und Autoren, welche den wirtschaftlichen Interessen der Forumsbetreiber zuwiderlaufen, indem sie beispielsweise andere Forumsteilnehmer vergraulen und dadurch vor einer weiteren Forumsnutzung abschrecken, müssen im Interesse der Allgemeinheit, die das Forum nutzt, und damit im wirtschaftlichen Interesse des Forums, das seinen Betrieb mit einer möglichst grossen Nutzerbasis langfristig sichern will, entfernt werden. Dazu gehört allerdings, den Nutzern mit verbindlichen Nutzungsbestimmungen die "Spielregeln" bekannt zu geben. Wenn es ausserhalb solcher Spielregeln zu Zensur und Nutzersperrungen kommt, könnte dies aber seinerseits andere Nutzer vergraulen, weshalb die Forumsbetreiber ein Interesse an so vollständigen und verständlichen Nutzungsbestimmungen haben, dass Zensur und Nutzersperrungen, welche von den Nutzungsbestimmungen nicht ausdrücklich vorgesehen sind und deshalb willkürlich erscheinen würden, ausgeschlossen sind. Natürlich, selbst dann liessen sich in sogenannten Einzelfällen ohne Grund gemäss Nutzungsbestimmungen Beiträge löschen und Nutzer sperren. Problemlos dann, wenn der Vorgang im "common sense" (über den u.a. auch die Schweizer leider nur spärlich verfügen) verständlich und nachvollziehbar ist. Und weitgehend problemlos dann, wenn die oder der Betreffende eine unbedeutende, unbekannte Person ohne nennenswerten Rückhalt von anderen ist und deshalb kein Hahn danach kräht (ausser vielleicht der Betroffene selbst). Vorausgesetzt, es gibt nicht zuviele solche "Einzelfälle", die in der Summe auffallen und bei anderen Nutzerinnen und Nutzern Fragezeichen auslösen würden - ein Phänomen, das auch teils grobe Menschenrechtsverletzungen in sogenannten zivilisierten Rechtsstaaten ermöglicht, besonders gegenüber "unbedeutenden" Personen und Minderheiten: "Einzellfälle" interessieren niemanden, schon gar nicht die Mainstreammedien, in der Schweiz ausgenommen vielleicht den "Beobachter".
Was schliesslich "common sense" ist? Erklärungsversuch anhand eines Beispiels: dass Jens' letzter Beitrag gelöscht wurde, scheint im "common sense" nicht plausibel, dass ihn das Politnetz-Team entfernt hat, ist im "common sense" hingegen eher verständlich, leider, auch wenn diese Zensur nicht dem "common sense" entsprichen muss. Was das nun heissen will? Was auch immer, jedenfalls entsprachen auch Jens' Beiträge inhaltlich nicht stets dem "common sense", womit sie aber noch nicht gegen die Nutzungsbestimmungen verstiessen.

Offensichtlich ist, dass das Politnetz-Team über die Einhaltung der Nutzungsbestimmungen hinaus um Qualität der Beiträge und Kommentare, um die Qualität der Diskussionen bemüht ist. Die aus inhaltlichen Gründen und nicht in unmittelbaren Zusammenhang mit den Nutzungsbestimmungen erfolgende Sperrung von Nutzern, die vorwiegend mit im "common sense" als in der Küche der Verschwörungstheorien zubereitet anzusehenden Beiträgen aufwarten, respektive die Löschung ihrer Beiträge kann ich aber trotzdem nicht unterstützen. Denn ich entscheide selber, welche Beiträge ich lese und vielleicht kommentiere. Öde, langfädige, ausufernde, inhaltsleere oder schlicht hingeschludderte Beiträge lese ich gar nicht erst zuende. Auch Platitüden-Beiträge lese ich nicht mehr zuende. Intellektuell wenig anspruchsvolle Beiträge, und gerade darin scheinen übrigens viele gewählte Politiker wahre Meister, lösen Gähnen und damit den Abbruch der Lektüre aus. Beiträge von Autoren sodann, deren Beiträge ich wiederholt nicht fertig gelesen oder nur mehr überflogen habe, fange ich irgendwann gar nicht mehr erst an zu lesen. Auch Beiträge zu Themen und Anliegen, die ausserhalb meines Interesses liegen, lese ich nicht unbedingt. So einfach ist es. Selber zu entscheiden und auszuwählen, was man liest und was nicht, darf von Erwachsenen erwartet werden. Bevormundung brauchen wir nicht.
Wollte ich mich, aus meiner subjektiven Wahrnehmung freilich, zur Qualität der Beiträge auf Politnetz äussern, müsste ich vielen gewählten Politikern ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Da pflanzen National- und Ständerätinnen und -räte Beiträge, sind darauf zum Teil aber zu faul oder sich zu fein, zu (kritischen) Kommentaren und Fragen von Bürgerinnen und Bürgern Stellung zu beziehen. Bei vielen kommt ausser dem Beitrag, den man bei den meisten in der Regel übrigens 1:1 auch auf Vimentis wieder findet, einfach - nichts. Keine Reaktionen. Keine Antworten. Nichts. "E goldigs Nüüteli". Das zeigt ja, was Diskussionsforen wie Politnetz oder Vimentis für diesen Verein darstellen: ein willkommener PR-Kanal mehr, über den sie gratis und franko ihre oft seichten, maroden PR-Texte und Platitüden vertreiben können. Mehr nicht. Und dies zeigt auch, was wir Bürgerinnen und Bürger in den Augen dieses Vereins sind: keine Gesprächs- und Diskussionspartner, mit denen man auf Augenhöhe verkehrt, sondern leidige Empfänger für missratenes, hirnloses, vor Klischees strotzendes PR-Gesäusel. Die dahinter steckende Arroganz ist wohl kaum zu überbieten, ausser allenfalls von himmelschreiender Ignoranz, die manche Politikerbeiträge zudem verbreiten. Wenn man also qualitative Argumente als Zensurgrund anführen möchte, wären wohl zuerst mal all die Nutzerkonnten von Parlamentariern zu löschen, die hier lediglich ihre auch auf Vimentis publizierten PR-Textchen abliefern, ohne auf eine Diskussion mit Bürgern einzusteigen, ohne sich kritischen Kommentaren und Fragen zu stellen. Von dieser erhabenen Sorte Politiker gibt es ja recht viele, nicht wahr? Natürlich, es gibt auch andere, bürgernahe, kommunikative, die auf Kommentare zu ihren Beiträgen eingehen, aber sie scheinen eher selten.
Ich sehe es auch an meinen Beiträgen: Feedback und Kommentare kommen meistens von anderen Bürgerinnen und Bürgern, sehr selten von Parteigängern (und wenn, dann meistens von Angehörigen von Jungparteien) - aber eigentlich nie von gewählten Politikern. Faszinierend... Und betrüblich, als wie wahr das Klischee der abgehobenen, vom Volk entfremdeten Politiker sich dabei doch entpuppt.

Ich erinnere mich, dass Jens' Beiträge, besonders die skandalisierenden, ein reges Echo unter den Politnetznutzerinnen und -nutzern, sowohl unter Bürgerinnen und Bürgern als auch unter Parteigängerinnen und Parteigängern, auslösten. Auch skandalisiesende, polarisierende und provozierende Beiträge anderer Politnetznutzer, ich denke an Herrn Carreira von der SVP, vermochten jeweils viele Reaktionen auszulösen. Ein weitaus grösseres Echo jedenfalls als meine - in der Regel im Wesentlichen sachlich gehaltenen - Beiträge jeweils auslösen. Das sagt ja aber auch das seine aus über die Nachfrage, welche vom Politnetz-Publikum ausgeht. Ich halte es für mich so, wie oben erwähnt: bescheuerte Texte lese ich nicht zuende, geschweige denn kommentiere ich sie. Nichts ist einfacher als das. So gesehen müssten Jens' in der Regel auch längeren Beiträge ja angesichts der vielen Kommentare, die manche von ihnen erhielten, alles andere als bescheuert sein, sie sprechen und spielen das Politnetz-Publikum offenbar behende an, lösen Auseinandersetzung und Diskussion aus, sind diesbezüglich hochwertig. Umgekehrt muss ich annehmen, dass die Beiträge meiner Wenigkeit angesichts ihres meistens sehr geringen Echos schlecht sind, auf das Politnetz-Publikum und besonders Politiker darunter womöglich bescheuert wirken und deshalb nur wenig kommentiert werden, wenn sie überhaupt gelesen werden. Braucht es denn dann überhaupt noch weitere Beiträge von mir? Ich glaube nicht. Hingegen braucht Politnetz Autoren wie Jens, dessen Beiträge rege Diskussionen auslösen. Diese Beiträge interessieren das Publikum offenbar. Und an den Fakten wollen wir uns orientieren, nicht an Wunschdenken. Oder habe ich etwas falsch interpretiert?

Zu guter Letzt: Es nervt, wenn das Politnetz-Team wie jetzt bei Jens mit sämtlichen Beiträgen von Personen, die in Ungnade gefallen sind, natürlich auch sämtliche Kommentare und Diskussionen, die andere Politnetznutzer zu den Beiträgen entwickelt haben, verschwinden lässt. Dafür gibt es keinen einleuchtenden, rechtfertigenden Grund. Es gibt eigentlich auch keinen rationalen Grund, überhaupt im Nachhinein Beiträge, die schon vor längerer Zeit publiziert und entsprechend häufig kommentiert wurden, die für Politnetz also in Ordnung waren, zu löschen, auch wenn das Konto ihres Urhebers gesperrt werden musste. Vor allem dann nicht, wenn andere Nutzer zu ihnen diskutiert haben - die Löschung ist diesen gegenüber nämlich höchst unsportlich, mit der Sperrung des Nutzers, der den Beitrag verfasste, haben diese schliesslich nichts zu tun. Im Übrigen könnte das Verschwinden ihrer Diskussionsbeiträge sich auch für sie imageschädigend auswirken, obwohl sie in keinem Zusammenhang zur Sperrung des Nutzers oder zu deren Ursachen stehen. Man könnte denken: "Das wird ja seine Gründe haben, dass die Kommentare, die ganze Diskussionen auch gelöscht wurden."
Ich erinnere mich nämlich an den Beitrag von Jens über die Stadtpolizei Zürich. Es war übrigens der einzige von ihm, zu dem ich etliche Kommentare anbrachte (u.a. stellte ich, als Zürcher, fest, dass ich von der Stadtpolizei Zürich gesamthaft einen guten Eindruck habe). An den Diskussionen zu den übrigen Beiträgen von ihm konnte ich mich wenig bis nicht beteiligen, weil sie thematisch jenseits meiner Interessen oder meines Wissens lagen. Faszinierend ist, dass sich an der sehr interessanten Diskussion über die Stadtpolizei, die sich dann auch auf Behörden generell ausdehnte, nebst mir lediglich zwei, drei weitere Bürger beteiligten, keine Frauen, keine Parteigänger, schon gar keine gewählte Politiker. Hingegen bei den meisten anderen Beiträgen von Jens, an deren Diskussion ich mich aus, wie gesagt, jeweils thematischen Gründen nicht oder nur wenig beteiligen konnte, gab es regen Zulauf aus dem Politnetz-Publikum und sogar der Classe Politique... Dieses Paradoxon wird ja wohl seine Gründe haben... Item. Diese Diskussion über die Stadtpolizei Zürich, bestehend aus Kommentaren von mindestens drei Bürgern und Stellungnahmen sowie dem Beitrag von Jens, ist mit der Sperrung von Jens' Zugang ebenfalls sang- und klanglos verschwunden. Das finde ich, gelinde gesagt, eine "verdammte Schweinerei". Fairerweise ist zu erwähnen, dass mir das Politnetz-Team gestern per Twitter bestätigte, dass meine Kommentare bald in einem Kommentare-Stream, an dem Politnetz demnach zur Zeit arbeitet, enthalten sein werden, also nicht gelöscht wurden. Bloss genügt dies nicht. Ich will die ganze Diskussion, die drei andere Bürger und ich zum Thema Stadtpolizei und Behörden geführt haben, wieder im Netz zugänglich haben, und zwar so, wie sie geführt wurde, chronologisch und nachvollziehbar. Aber einfach meine Kommentare zusammenhangslos in einem Kommentare-Stream, ohne Möglichkeit, Kontext (inklusive Beitrag) und Diskussionsverlauf aufzurufen? Damit ist es nicht getan.

Zu allerletzt: Warum im Titel "des Kaisers neue Kleider" gesetzt sind, erschliesst sich vielleicht nicht allen von den voraussichtlich sehr wenigen, die den Beitrag bis hierher gelesen haben, auf Anhieb. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass zumindest wer nicht gerade in einem intellektuellen Koma liegt, die Anspielung richtig bezieht und versteht. Sonst hilft gewiss die Lektüre von Andersens Märchen mit selbigem Titel weiter.

Wenn ich es recht besehe, habe ich übrigens mindestens mein ganzes August-Zeitbudget für Politnetz mit diesem Beitrag aufgebraucht...

Diesen Beitrag hätte ich eigentlich gern als Kommentar zum Beitrag, den mutmasslich Jens heute morgen mit einem neuen Konto verfasste und in dem er sich über die Sperrung beschwerte, abgegeben. Nur würde er einfach von der Bildfläche verschwinden, sobald das Politnetz-Team das neue Konto von Jens und dabei auch wieder seinen Beitrag mitsamt den Kommentaren von anderen Personen löscht.

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