Gemeinsame Tatsachen

Stellen Sie sich einmal vor, Ihnen steht eine Horde von einigen tausend muskelbepackten Arbeitern zur Verfügung, und Sie möchten mit deren Hilfe ein gigantisches Hochhaus errichten, das all diesen Menschen Platz bietet und über eine funktionierende Infrastruktur verfügt - sozusagen eine ganze Kleinstadt in einem einzigen Bauwerk.

Es gibt nur ein kleines Problem: Ihre Arbeiter sind allesamt so dumm, dass sie nicht einmal eine Vorstellung davon haben, was überhaupt ein Gebäude ist, geschweige denn, wie es funktioniert. Und zu allem Überfluss sind ihre Arbeiter auch noch alle blind!

Vermutlich würden Sie das Projekt direkt abblasen. Unter diesen Voraussetzungen kann das Ganze ja nicht funktionieren. Seltsamerweise gibt es aber dennoch solche Bauwerke, die von blinden Arbeitern errichtet werden, deren Intelligenz die des dümmsten Menschen sogar noch um Größenordnungen unterschreitet: Termitenhügel! Unter allen staatenbildenden Insekten bauen die Termiten die grössten und beeindruckendsten Behausungen. Besonders erstaunlich ist, das die blinden Tierchen dabei von unterschiedlichen Seiten zu bauen beginnen und sich erst später in der Mitte treffen - und zwar nicht nach dem Zufallsprinzips, sondern so, dass alles exakt zusammenpasst! Das schaffen Menschen (zum Beispiel beim Bau eines langen Eisenbahntunnels, der von zwei Seiten begonnen wird >Gotthard) nur mit modernster Technik.

Ein Freund schickte mir ein E-Mail, unter anderem mit folgendem Inhalt.

"Ich stelle mir vor, dass sich ein (eindimensionaler) Wurm durch Kuchen frisst und dabei die Rosinen sucht. Die eindimensionale Spur wäre dann ein zeitlicher Ablauf in unserem 3D-Universum."

Dieses gelungene Gleichnis habe ich genutzt, um den gedanklichen Übergang vom Individuum zum Gruppenbewusstsein zu vollziehen. Stellen Sie sich mehrere Würmer vor, die sich durch einen Kuchen fressen. Da der Kuchen völlig undurchsichtig ist und die Sinnesorgane eines Wurmes ziemlich beschränkt sind, würden die einzelnen Würmer im Normalfall überhaupt nichts voneinander bemerken. Jeder Wurm würde auf eine Reihe von Rosinen und andere Kuchenbestandteile stoßen und sich daraus eine in sich schlüssige, jedoch ziemlich einsame Lebensgeschichte basteln.
Ähnlich würde es uns ergehen, wenn wir vollkommen isolierte Einzelwesen wären - in diesem Fall könnten wir uns als einzelne Bewusstseinsinstanzen vollkommen unabhängig voneinander durch den "Hyperkuchen" bewegen.

Nun ist aber unser Kuchen durchaus nicht undurchsichtig: auch wenn unser Wahrnehmungsbereich im Normalfall relativ beschränkt ist, so verfügen wir dennoch durch unsere Sinne über eine Art "Radar", das einen Teil des Kuchens um uns herum durchleuchtet - wir sind sozusagen umgeben von einer "Wahrnehmungsblase", die einen Bereich umfasst, innerhalb dessen sich offenkundig auch andere Bewusstseinsinstanzen tummeln. Dabei geht es weniger um die sinnliche Wahrnehmung der Körper anderer Menschen - diese könnten schließlich auch als bloße Statisten in unserer persönlichen Realität agieren. Entscheidend ist, dass wir mit anderen Bewusstseinsinstanzen Informationen austauschen. Die Informationseben ist der eigentliche "Lebensraum" des Bewusstseins, und das Bewusstsein wiederum erzeugt das, was wir als "äußere Realität" erleben. Durch den Austausch von Informationen zwischen Individuen entstehen somit zwangsläufig Überschneidungen zwischen individuellen Realitäten.

Das bedeutet wohlgemerkt nicht, dass zwei Menschen dieselbe Realität erzeugen und wahrnehmen würden. Dies ist offenkundig nicht der Fall. Wenn Sie exakt dieselbe Realität erleben würden wie ich, dann wären Sie ich! Selbst wenn sich zwei Personen weitestgehend einig sind, in derselben Welt zu leben, erlebt doch jeder die "Dinge", über deren Existenz und grundsätzliche Natur sich beide Individuen einig sind, aus unterschiedlichen Perspektiven - sowohl was die sinnliche Wahrnehmung betrifft als auch in Bezug auf die Interpretation.
Es ist sogar geradezu erstaunlich, wie unterschiedlich verschiedene Menschen eine Welt interpretieren können, die doch auf der rein sinnlichen Wahrnehmungsebene allen äußerst ähnlich erscheint. Dieser auffällige Kontrast ist die Grundlage unserer Unterscheidung zwischen "subjektiver" und "objektiver" Wahrnehmung. Diese Unterteilung ist keineswegs naturgegeben. "Objektiv" bedeutet nichts weiter, als dass sich eine nennenswerte Zahl von Individuen auf eine ähnliche Interpretation bestimmter Wahrnehmungsmuster geeinigt hat. Und alle Wahrnehmungen, die sich nicht in diese kollektiven Kategorie einsortieren lassen, gelten als "subjektiv" bzw. - bei zu starker Abweichung von der Norm - als Geistesstörung (na ja, vielleicht etwas übertrieben). Tatsächlich ist aber jede Realität vollkommen subjektiv, wenn man - ganz im üblichen Sinne des Begriffs - die jeweilige wahrnehmende Instanz als "Subjekt" definiert.

Wie entsteht diese gemeinsame Realität, die - obgleich für jedes Individuum immer noch etwas verschieden - in sich hinreichend widerspruchsfrei ist, um darüber in einer Gruppe oder hier im politnetz.ch (ohne persönliche Angriffe) kommunizieren zu können? Ganz einfach: durch die Kommunikation selbst!

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