1. August-Rede von Villmergen

Freiheit. E Vorussetzig für e vielversprechendi Zuekunft. Freiheit. Für üs Schwizerinne und Schwizer Tradition, ja fascht en Selbstverständlichkeit. Freiheit isch, under freiem Himmel es friedlichs 1. August-Fest fiire, i anderi Länder reise, wenns Fernweh lockt oder am Obig durs Dorf go ohni Angscht z’ha. D Vorussetzig, damit mir überhaupt frei chönd sie, isch Verantwortig. Verantwortig händ mir für üs selber, für d‘Gsellschaft und für d Schwiiz.

Liebe Villmergerinnen und Villmerger, liebi Bewohner vom Dorfteil Hilfike, liebe Festgemeinde, herzlich Willkommen a dä 1. August-Fiir do z Villmerge. Hüt isch für mich en bsondere Tag. Hüt dörf ich do z Villmerge d Festred halte. Imene Dorf, mit dem mich zwei Sache verbinded:

Ich bin z Boswil, aso z Bosmel, id Schuel gange, wo ich nach dä erste Klass en neui Lehreri becho han. Ich han mich sehr schwer to mit ihre. Sie isch us Villmerge cho – aber das isch ned öppe de Grund gsi! Ich han mi schwer to, wil ich ganz en netti Erstklasslehreri gha han. Ich han bi ihre welle bliibe. Min Vater häd dänn versuecht mir di neu Lehreri chli nöcher z bringe. Er häd gseid (und ich han mir lang überleid, ob ich ihne das höt sell verzelle): er häd gseid, dini neu Lehreri chan gar ned schlimm si. Wenn ich sie uf em Weg is Büro krüze, fahrt sie mitere Zigerette im Muul Richtig Boswil. Und Lüüt wo rauched sind Gnüsser, sympathisch und nett. Da gsänd Sie nur, wie sich d Welt verändered häd. Hüt würd me das wohrschinli nüme säge.

Die zweit Verbindig isch d Liebe. Zur Jahrtusigwendi han ich mich amene 1. August in e Villmergeri verliebt, wo mer vil vo ihrem Dorf verzellt hät. Beides sind schöni Erinnerige, drum freut‘s mich sehr, hüt z Villmerge zu Ihne z’rede.

Und jetzt chum i zrogg zo Verantwortig.

Was isch für Sie s Zeiche vo dä Liebi und Liideschaft? Für mich e roti Rose. E Rose findet sich au im Villmerger-Wappe. Rot isch aber au d Farb vom Blut. Vor 300 Jahr isch do i däm Dorf Chrieg gsi. Die reformierte Berner und Zürcher händ gäge die katholische Innerschwiizer kämpft. Villmerge isch plündered worde. Viel Bluet isch vergosse worde. D Berner und Zürcher händ näbe wirtschaftliche Aspekt für Glichberechtigung vo dä Konfessione kämpft, für Freiheit. D Soldate händ gar ned andersch chöne, sie händ, wenn au ned freiwillig, Verantwortig für d Gsellschaft überno, i däm si kämpft händ.

Wie gseid, rot isch au d Farb vo dä Liedeschaft. Mit Liideschaft ziehnd jedes Johr d Füfzger a dä Fasnacht dur Villmerge. Ich bin also au scho a dä Faschnacht am Morge früeh verwached und han mi gfrogt: was in Villmerge au no los isch. Jedes Jahr wird en neue Güüggi-Vorstand gwählt. Dä Vorstand übernimmt dänn au en Verantwortig. Nämli die, dass dä Fasnachtsbruuch erhalte bliibt.

Hüt isch dä Geburtstag vo dä Schwiiz. Hüt isch 1. August. Zu däm Geburtstag han ich en roti Rose mitbrocht und drü Wünsch formuliert: 

1. Freiheit
Ich ha igangs gseid, dass frei si für euis Schwiizerinne und Schwiizer en Selbstverständlichkeit isch. Wenn ich über die letschte Wuche und Johr nohdenke, hani s’Gfühl, dass mer es ganzes Stück Freiheit us de Hand geh händ. Ich wünsche dä Schwiiz us däm Grund für d Zuekunft wieder meh Freiheit. Mir müend ufpasse, dass mir euisem „frei si“ Sorg gänd. Mir händ dä Hang zu immer meh Verbot und d Freiheit wird jede Tag ufs Neue igschränkt. Stelled Sie sich vor, pro Tag werded i dä Schwiiz im Schnitt zwei neui Gsetz igführt. Wänn me sich wehrt, cha me neui Gsetz aber au verhindere. Me häd bispelswiis welle, dass Götti, Tante und Grossmüettere fürs Chinderhüete en Lizenz müend ha. Ich han mich gfrogt: Dörf denn mini Schwöschter ned selber entscheide, ob sie mer min Göttibueb avertraut? Frei sii heisst, Verantwortig übernä und Verantwortig au chönne übergä.

Verantwortig mues mini Schwöschter als Muetter für sich und ihren Sohn übernä. Sie selber sell entscheide, wem sie ihren Sohn avertraut. Das liid i ihrere Verantwortig.Zum Glück chond das Gsetz jetzt ned. Ich findes aber scho schlimm, dass mer überhaupt uf so ne Idee chan cho.

Damit Freiheit überhaupt möglich isch und bewahrt werde chan, müend mir alli Verantwortig übernä. Für üs, d Gsellschaft und d Schwiiz – i däm mir mitbestimmed. Eigetlich müessted mir stolz si, dass mir i dä Schwiiz so en grossartigi Möglichkeit händ, mitzbestimme. Ich froge Sie: Schätzed Sie d Mitbestimmig? Ich han mängmal dä Idruck, dass euis die Verantwortig vell zwenig bewusst isch oder mir die sogar als selbstverständlich alueged. D Freiheit und Mitbestimmig isch aber ganz und gar kei Selbstverständlichkeit. Lueged Si nume mol is Usland.

Nehmed mir s Bispiel Südafrika.

Dä Nelson Mandela, für mich dä Freiheitskämpfer schlechthin, häd mit Usduur und Beharrlichkeit für d Freiheit vo Südafrika und gäge d Rassetrennig, d Apartheid, kämpft. Stelled sie sich nume mol vor, dä Nelson Mandela isch 27 Jahr in Gfangeschaft gsi. I däre Ziit häd er mehreri Agebot usgschlage, s Gfängnis z verloh. Er häd abglehnt, will ihm dä Priis z höch gsi isch. Er häti ufhöre müesse, gäge d Apartheid z kämpfe. Motiviert vom vom Freiheitsgedanke und vom Traum, irgendwänn mitbestimmte z chöne, isch er im Gfängnis bliebe.

D Schwiiz wird um die direkti Demokratie benede. Nicht nur vo Lüüt i kommunistische oder diktatorische Länder, sondern au vo vielne Lüüt in Dütschland und Östriich. Im letzte Mai häd dä Vizekanzler vo Östriich zäme mit äm Bundesrot Didier Burkhalter d Landsgmeind z Glarus bsuecht. Trotz strömendem Räge häd er drü Stund lang usgharrt und fasziniert mitverfolgt, wie d Glarner Bevölkerig per Handzeiche abgstimmt häd. Zrugg z Wien häd er vor Journaliste gseid: „Das will ich au!“

Leider – und das find ich wirklich sehr schad, nähmed immer weniger Schwizerinne und Schwiizer ihres Recht uf Mitbestimmig wahr. D Abstimmigs- und Wahlbeteiligung isch tüf und sie god immer meh zrugg. Ich ermuntere Sie darum, nähmed Sie Ihres Mitbestimmigsrecht und d Verantwortig für sich, d Gsellschaft und d Schwiiz wahr! Gönd Sie go abstimme. Ich richte min Ufruef vorallem au a die Junge. Grad i däre Gruppe isch d Beteilig sehr tüüf. Mir chönd euise Zuekunft aktiv mitgstalte, das isch es Privileg!

2. Selbstbewusstsein
Zum zweite wünsch ich dä Schwiiz meh Selbstbewusstsi. Au das schiint mir echli abhande cho zsi. Mir sind zwar es chlises Land, müend eus aber wäge däm überhaupt ned verstecke. Mir händ viel erreicht, im internationale Verglich hämmer vieles sehr guet gmeistered. Griecheland, Spanie, Frankrich und Italie kämpfed mit immense Schuldeberge. D Schwiiz hingäge isch inere komfortable Lag. Mir müend eus also ned verstecke und chönd selbstbewusst ufträte. Grad bi internationale Verhandlige müend mir verstärkt Rückgrat zeige. Lönd Sie mich mit zwoi Bispiel erkläre, was ich meine:

Im Stüürstriit zwüsched de Schwiiz und Dütschland wird d Schwiiz vo Dütschland an Pranger gstellt. D Schwiiz heg d Stüürsünder azoge. Wieso händ aber vieli Dütschi überhaupt Geld id Schwiiz brocht? Häd Dütschland das ned dur die eiget Stüürpolitik gfördered? Dä Staatsvertrag, wo jetzt vorlied, gsed vor, dass d Schwiiz für Dütschland stüre itribt. D Folg: es isch ufwändig und es chosted. Das aber dütschi Stürsünder ihres Geld id Schwiiz bracht händ, do sind ned mir elei gschuld. Das häd Dütschland au z verantworte. Dä Aspekt hät mer i dä Verhandlige stärker müesse usspiele.

S zweite Bispiel: dä Fluglärmstriit. Dä neui Staatsvertrag erlaubt Flüg über Dütschland vom halbi siebni am Morge bis zobig am 6i. Das isch en Verschlechterig gägenüber em Vertrag wo me em 2003 hät wele und bachab gschickt häd. Damals wäred Flüg über Dütschland vom Morge am 6 bis zobig am 10i möglich gsi. Mit däm neue Vorschlag mues me mit rund 20‘000 zuesätzliche Flüg über dä Schwiiz rechne. Jetzt isch es aber so, dass ja au Dütschland es grosses Intresse a däm Dossier häd. Will, wem genau ghört d Fluggsellschaft Swiss?

Selbstbewusstsi wünsche ich au im Aargau. Langi Ziit – oder immer no - isch euse Kanton belächlet worde, me hät en reduziert uf Autobahne, AKWs und wissi Socken. Klar, all das händ mir – und wiissi Socke villicht sogar no chli meh als anderi. Aber dä Aargau häd vil meh z’büüte. Mir dörfed stolz si, Aargauerin oder Aargauer zsi. Mir händ gsundi Finanze, en breit abgstützti Wirtschaft mit vielne Arbetsplätz, attraktivi Wohnlage und en vielfältigi Kultur. Mir händ wunderschöni Schlösser, wo zeiged, dass mer vor langer, langer Ziit scho en Bedütig gha händ. Mir händ idrucksvolli Landschafte, Thermalquelle und Naturschutzgebiet. Weg vo de Autobahne chund also no mänge unerwartet is stuune. Us däne Grönd dörfed und müend mir selbstbewusster si. Es chan doch ned si, dass dä Aargau die meiste AKWs sell ha, Zwüsche- und Endlager für radioaktive Abfälle sell sie, dä nationali Ost-West-Verkehr schlucke mues und jetzt denn au no mehr Fluglärm sell übernäh.

3. Zufriedenheit
Min letzte Wunsch: Zfriedeheit. Eus gods guet! Bi öis sind vergliche zu Europa wenig Lüüt arbetslos. Au bi dä Jugendliche, dete händ mir en Arbetslosigkeit vo under 4%. Dezu chond, dass die Jugendliche ned Angscht müend ha vor dä Zuekunft. Sie händ d Wahl zwüsche Lehr oder Studium und sie sind frei, später d Welt z entdecke. D Welt entdecke, das chan ich nur empfehle – allne, dä Junge und dä Jungbliebne. Mer gsehd debi allerdings au mängs, wo eim ned so gfallt: In Spanie z.B. sind meh als d Hälfti vo allne Jugendliche ohni Arbet und ohni Perspektive. Als Folg devo stiigt d Jugendkriminalität immer meh a. Wemmer reist wird mer aber au uf Armuet treffe. Armuet, inere Form wo mir i dä Schwiiz ned kenned. Und mer trifft au hygienischi Verhältnis a, wo mer lieber würded wegluege. S Reise gid eim aber au es Grundgfühl wo seid: I dä Schwiiz chönd mir zfriede si.

Wieso aber sind mir i dä Schwiiz dänn hüüfig ganz und gar ned zfriede? Wieso lüüchtet d‘ Auge vo Mensche i ärmschte Verhältnis überall uf dere Welt meh, als die vo mängem Schwiizer? Was müend mir mache, damit mir zfriedner sind? Ich han mir mal en Spass gmacht und bin ame freie Tag ad Zürcher Bahnhofstrasse gange. Ich bin uf es Bänkli gsässe und han die gstresste Manager über d Mittagsziit beobachtet. Ich chan ihne säge, ich bin ernüechtered gsi: d Zfriedeheit i dä Gsichter han ich vergeblich gsuecht. Im Gägeteil, es händ alli verbiestered dri glueged. Us minere Sicht hätted die Lüüt aber gueti Gründ gha, zfriedner zsii: Sie händ en Arbetsstell und Wohlstand. Sie dörfed Verantwortig überneh, chönd mitgestalte und sie sind frei - was alles anderi als selbstverständlich isch.

Schluss
Mir fiired hüt dä 1. August inere schöne Schwiiz. Die drü Wünsch, Freiheit, Selbstbewusstsi und Zfriedeheit wünsch ich dä Schwiiz und da demit ganz speziell au Ihne. Mir dörfed zfriede si. Erst recht am 1. August. Ich han am Anfang gseid, dass ich mich freue, d 1. Augustrede da z Villmerge zhalte. Rede häd i däm Dorf für mich en spezielli Bedütig. Do z Villmerge am Chochitisch vom Vater vo minere damalige Fründin han ich nämli glehrt, dass mer s Muul ufrisst und sehr klar und direkt seid, wenn eim öppis ned passt.

Ich freue mich, dass ich als Festredner en wiiteri Erinnerig an Villmerge mithei nä chan. Gnüssed Sie no dä Obig, bliibet sie nachli do und dänked Sie dra: Sie sind selber verantwortlich, wenn’s Ziit isch hei z’go und dänked Sie dra - Freihe